Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Glasseide – Glasurerz

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Glasschwärmer'

Ausschlüpfen zur Hälfte herausschiebt. Manche Gartenbäume und Sträucher gehen durch sie zu Grunde. Die Raupe des Bienenschwärmers (Trochilium apiforme Clerck, s. Tafel: Schmetterlinge I, Fig.4) bohrt in Pappeln, der Mückenschwärmer (Sesia culiciformis L., s. Tafel: Schmetterlinge I, Fig. 20) in Birken- und Erlenstämmchen, andere in Apfelbäumen, Wolfsmilch, Johannisbeeren u. s. w.

Glasseide, s. Glasspinnerei.

Glasspinnerei heißt das von J. de Brunfaut ausgebildete Verfahren, Glas in außerordentlich lange und feine, biegsame Fäden zu verwandeln. Zu diesem Zweck wird das Ende eines Glasstabes, bez. einer Glasröhre in der Flamme eines Glasgebläses erweicht, von demselben ein Faden ausgezogen, dieser an einem Haspel befestigt und der letztere in Umdrehung versetzt, während man das Glasstück in der Flamme allmählich nachrückt. Der hierbei fast ohne Unterbrechung (mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 m in der Sekunde) erzeugte Faden (Glasseide) wickelt sich in Form eines Strähns auf den Haspel auf; die Dicke eines solchen Fadens beträgt 0,006 bis 0,012 mm, ist also noch etwas geringer als die eines einfachen Seiden-(Cocon-)Fadens. Aus gesponnenem Glas (Glasgespinst) verfertigt man Quasten, reiher- und straußfederähnliche Büsche, geflochtene Gürtel, Damenhüte, Coiffuren, Schleifen, Armbänder, Netze, Uhrketten, verschiedenartige Besätze sowie die Kratzbürsten der Vergolder und Goldarbeiter u. s. w.; außerdem benutzt man es als Einschlag für seidene Zeuge, die dadurch, je nachdem das Glas gelb oder weiß ist, den Glanz und das Aussehen von Gold- oder Silberstoff erhalten. Auch zu Fadenkreuzen optischer Instrumente können Glasfäden ihrer Feinheit wegen verwendet werden. Die wesentlichsten Vorzüge der Glasgespinste und Glasgewebe beruhen, abgesehen von ihrer außerordentlichen Schönheit und Leichtigkeit, auf ihrer Haltbarkeit, Unentzündlichkeit und ihrem bedeutenden Wärmehaltungsvermögen, endlich auf der Fähigkeit, leicht und vollständig wieder gereinigt werden zu können, welche letztere Eigenschaft sie namentlich als Filtriermaterial vorteilhaft erscheinen läßt. (S. Glaswolle.)

Glasstangen, s. Glaszapfen.

Glastafeln, s. Glas (S. 42a).

Glastechnisches Laboratorium (von Schott), s. Glas (für wissenschaftliche Zwecke).

Glasthränen, birnförmige Glasklümpchen mit langen spitzen, die entstehen, wenn man geschmolzenes Glas in kaltes Wasser fallen läßt. Infolge des schnellen Erstarrens der Oberfläche befinden sich die Teilchen im Innern in so großer Spannung, daß beim Abbrechen der äußersten Spitze die ganze Masse in Staub zerfällt, der mit großer Gewalt umhergeschleudert wird. In ähnlichem Zustande der Spannung befinden sich auch die Glasteilchen im Innern der sog. Bologneser Flaschen (s. d.).

Glastonbury (spr. glast'nbörre), Stadt und Municipalborough in der engl. Grafschaft Somerset, 19 km im O. von Bridgewater, hat (18391) 4119 E., Seiden-, Porzellan- und Lederindustrie. Berühmt sind die Ruinen von Glastonbury-Abbey, einer Abtei, die im 6. Jahrh. begründet, von Heinrich VIII. aufgehoben wurde und die Pilgerherberge aus dem 15. Jahrh. («The George»).

Glasunow, russ. Buchhändlerfamilie. Iwan G., geboren in Serpuchow, errichtete 1782 anfangs ↔ auf Rechnung seines Bruders, des Kaufmanns Matwej G. in Moskau, eine Buchhandlung in Petersburg, die er später selbst übernahm, verband damit ein Geschäft in Moskau und 1802 auch eine Buchdruckerei. Er verlegte besonders schönwissenschaftliche und histor. Werke. Sein Sohn und Nachfolger Ilja G., gest. 1849, verlegte Werke von Puschkin. Des letztern Sohn Iwan G. (1820–89) setzte das Petersburger Geschäft fort und war 1881–85 Stadthaupt von Petersburg. Das Geschäft wird von den Erben fortgeführt. Der Verlag enthält neben Pädagogik und Schulbüchern die gesammelten Werke von Lermontow, Shukowskij, I. Turgenjew, Gontscharow, Ostrowskij u. a. – Vgl. die Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der Firma (russ., Petersb. 1882).

Glasur, ein glasartiger Überzug auf keramischen Gegenständen und Gefäßen, der denselben Glanz verleihen, deren Oberfläche verzieren und das Eindringen von Flüssigkeiten verhindern soll. Alle Sorten von G., die in der Herstellung von irdenen Waren Anwendung finden, lassen sich unter folgende vier Abteilungen bringen:

  • 1) Erdglasuren, in der Regel durchsichtige Gläser, aus Kieselerde, Thonerde und Alkalien bestehend, höchst strengflüssig und ungefähr bei derselben Temperatur schmelzend, bei der die Masse ihre Gare erlangt; die G. des echten harten Porzellans ist eine solche Erdglasur.
  • 2) Bleihaltige G., Bleiglasuren, sind bleihaltige und durchsichtige Gläser, die schon bei einer Temperatur schmelzen, die niedriger ist als diejenige, bei der die Masse sich gar brennt; das gewöhnliche Töpfergeschirr und die feine Fayence erhalten eine bleihaltige G. Für gewöhnliche irdene Ware wendet man gewöhnlich in den meisten Gegenden Deutschlands ein feingemahlenes Gemenge von Bleiglanz (Glasurerz oder Alquifoux) und Lehm an, oder man benutzt Bleiglätte, die, mit dünnem Thonbrei angerührt, über die zu glasierenden Waren gegossen und eingebrannt wird. Ist das Bleioxyd im richtigen Verhältnis zur Kieselerde des Lehms oder Thons vorhanden, so ist das entstehende Bleiglas in den gewöhnlichen in der Haushaltung vorkommenden Säuren, wie Essig, nicht löslich. Ist hingegen ein Teil des Bleioxyds mit der Kieselerde nicht gehörig verbunden, so löst sich leicht ein Teil des Bleioxyds in heißem Essig und giebt zu Vergiftungen Anlaß. (S. Gesundheitsgeschirr.)
  • 3) Die Emailglasuren sind teils weiße, teils gefärbte undurchsichtige G., meist Zinnoxyd neben Bleioxyd enthaltend; sie schmelzen leicht und dienen zum Verdecken der häufig unangenehmen Farbe der darunter liegenden Masse; sie finden Anwendung bei der gewöhnlichen Fayence und kamen auch bereits bei den Majoliken vor.
  • 4) G., durch Verflüchtigung hervorgebracht, mit Unrecht häufig Lüster genannt, ein äußerst dünner glasiger Überzug auf Steinzeug, den man dadurch hervorbringt, daß man gegen Ende des Brandes Kochsalz in den Ofen wirft. Kochsalz verflüchtigt sich und bildet bei Gegenwart von Thonwaren u. dgl. mit den Wasserdämpfen der Feuerung Salzsäure und Natronhydrat. Letzteres verschmilzt mit der Kieselsäure und dem Thon der Masse zu Glas und macht die Oberfläche glänzend und undurchsichtig. Lüster dagegen sind metallische Überzüge, die nur auf fertigen G. glänzend erscheinen, niemals die G. ersetzen können. (S. Lüster.)

Glasurerz, s. Glasur.