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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Griechische Philosophie

überwunden. Aber doch ist das ein nationaler Zug der G. P., daß sie ganz auf Rede und Gegenrede (dem dialegesthai) beruht, daher in begrifflicher Entgegensetzung, in Bejahung und Verneinung, sich fortbewegt. Die hochentwickelte Öffentlichkeit des antiken Lebens, der Einfluß der gerichtlichen Rede und Gegenrede, der polit. Debatte, kurz die ganze so rege Gemeinsamkeit des Daseins spiegelt sich auch in der G. P. deutlich ab. In der ältern Zeit sind die Philosophen fast durchweg Staatsmänner; die Sophisten sind öffentliche Redner und Lehrer der Staatskunst; auf das öffentliche Leben beziehen sie die ganze Aufgabe der Philosophie. Ein Sokrates nötigt zur Unterredung den Handwerker in der Werkstatt, den gebildeten jungen Athener auf dem Übungsplatz oder beim Gelage, den erfahrenen Greis bei der Festfeier; er ist überhaupt immer auf der Straße, er hat keine Zeit ein anderes Geschäft zu treiben als das eine, die Menschen auszuforschen; er kommt kaum aus den Mauern der Stadt heraus, die Felder und Bäume, sagt er, wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen. Von Plato stammt die dialogische Darstellung in der G. P. Des Aristoteles zur Veröffentlichung verfaßte Werke waren Dialoge, Ciceros philos. Gespräche ahmen den Charakter der Aristotelischen nach; fast kein Philosoph des 4. Jahrh. (d. h. der Blütezeit), der sich dieser Form der Darstellung nicht bedient hätte. Sie bleibt aber auch auf die Folgezeit nicht ohne Nachwirkung. "Logik" oder "Dialektik" (von logos Rede, dialektos Unterredung) bleiben Grunddisciplinen. Und von der Eigentümlichkeit der griech. Sprache bleibt die G. P. bis zuletzt abhängig; die Scholastik des Mittelalters war in der Scheidung des Sprachlichen vom Gedanklichen weiter als das gesamte Altertum. Spitzfindigkeit gab es in der Philosophie aller Zeiten, aber die Subtilität der Griechen ist in eigentümlicher Art bedingt durch ihre Sprache, die an Ausdrucksfähigkeit für feinste begriffliche Unterschiede wohl jeder andern überlegen ist. Nicht bedeutungslos war auch, daß es kleine Gemeinwesen waren, in denen jener lebendige Geist der Öffentlichkeit sich ausbildete; der polit. Blick reichte über die Küstenländer des östl. Mittelmeers kaum hinaus, selbst der geogr. Gesichtskreis war nicht viel weiter, und so auch die kosmologischen Vorstellungen eng begrenzt; die Erde lag fest in der Mitte der Welt, Sonne und Gestirne, belebte göttliche Wesen, umkreisten sie in nicht unmeßbar groß gedachten Entfernungen; die Idee des Unendlichen taucht wohl auf, ein Aristarch von Samos faßt den Gedanken der Erdbewegung, aber der Gegensatz des Unendlichen gegen das Endliche wird in seiner ganzen Wucht nicht empfunden, wie er den Modernen seit Kopernikus zum Bewußtsein kam. Der Mensch bleibt der Mittelpunkt der Philosophie; die Grenzen der Menschheit überfliegen zu wollen liegt dem Denken der Alten fern; und so, in dieser erkannten und innegehaltenen Begrenzung, konnte sie zu jener unbefangenen Ruhe und Harmonie sich vollenden, die aus den Charakteren und Lebensanschauungen der Alten nicht minder als aus ihren Bau- und Bildwerken uns entgegentritt.

Ebenso schwer wie der allgemeine Charakter der G. P., läßt sich der Charakter ihrer einzelnen Perioden kennzeichnen. Die Periodenteilung selbst ist schwierig. Schon die Philosophie der Eleaten bezeichnet einen Wendepunkt. Doch pflegt man erst bei den Sophisten oder bei Sokrates einen schärfern Einschnitt zu machen. Gewiß zeugt das Auftreten der Sophisten (s. d.) von einer tiefen Gärung im Denken der Griechen, in der das Alte sich aufzulösen scheint, Neues nach Gestaltung ringt. Aber schwer ist es dennoch, mit einem Worte zu sagen, worin eigentlich das Neue bestand. Es ist nicht unrichtig, daß schon die Sophisten, in entscheidender Weise aber Sokrates die Forschung von der Natur auf den Menschen lenkten; doch gilt das nur mit Einschränkungen: weder waren der vorsophistischen Zeit die Probleme der Erkenntnistheorie und Ethik ganz unbekannt, noch haben die Nachfolger des Sokrates es aufgegeben, das Ganze der Natur in den Bereich ihrer Untersuchung zu ziehen. Immerhin kann man, wie es meist geschieht, die vorsokratische Philosophie, die Philosophie von Sokrates bis (einschließlich) Aristoteles und die nacharistotelische als leidlich in sich abgeschlossene Perioden betrachten. Mit Aristoteles schließt die schöpferische, zugleich die reinhellenische Entwicklung der alten Philosophie ab. Man darf darum, was auf Aristoteles folgt, nicht ohne weiteres als Verfall betrachten. Man arbeitet seitdem mit überkommenem Material, schafft aber daraus neue systematische Einheiten; namentlich wird das Verhältnis zwischen Philosophie und Leben ein anderes. Auch bedeutet der Verfall des reinen Hellenentums eine Erweiterung des Horizonts, eine Überwindung nationaler Schranken; noch im Neuplatonismus sehen wir ein philos. System mit sehr eigenartigen Zügen, wenn auch weitgehender Verarbeitung des ganzen überkommenen Gedankenstoffes, auftreten, das freilich am wenigsten von allen Systemen des Altertums ein national-hellenisches war.

Es ist der naturgemäße, kindliche Anfang des Philosophierens, daß man sich von dem Ganzen der Welt ein einheitliches Bild zu entwerfen sucht, und zwar wird dieser Versuch ganz dogmatisch gewagt, d. h. ohne vorher zu entscheiden, ob unser Erkenntnisvermögen einer solchen Aufgabe gewachsen ist. Das ist denn auch das Vorgehen der ältesten Richtung der G. P., der sog. Ionischen Naturphilosophie. Schon weit weniger naiv ist die Eleatische und die Herakliteische Philosophie. Indem die Eleaten die sinnliche Erfahrung verwarfen und ihre Lehre vom Einen Seienden aus lauter reinen Begriffen aufbauten, war der ursprüngliche Dualismus der Erkenntniskräfte erkannt und damit die Frage nach dem wahren Quell der Erkenntnis aufgeworfen. Aber auch die entgegengesetzte Lehre Heraklits, obwohl der ältern ion. Richtung näher stehend, blieb doch nicht ohne Empfindung jenes Gegensatzes; gerade indem sie ein identisch beharrendes Sein verwarf, ein im ewigen Gegensatze lebendiges Werden behauptete, mußte sie das Bewußtsein jenes Dualismus rege erhalten. Daneben steht die Pythagoreische Philosophie, die, gegründet auf der Überzeugung von dem Erkenntniswert der Mathematik, von einer neuen Seite auf das Erkenntnisproblem hinwies. Empedokles, Anaxagoras und die Atomisten ringen mit der Aufgabe, den großen Gegensatz der Seins- und Werdenslehre durch neue Konstruktionen, die zugleich den Erfahrungsthatsachen und den begrifflichen Forderungen genügen sollten, zu überwinden; das atomistische System entbehrt dabei nicht einer durchdachten erkenntnistheoretischen Begründung. Andererseits übt in der Sophistik jener selbe, bis dahin unaufgelöste Grundgegensatz seine zersetzende Wirkung. Protagoras