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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1485-1603)

Auf Heinrich V. folgte sein Sohn Heinrich VI. (1422-61), ein Kind von einigen Monaten, der auch während der Mannesjahre nie die geistige Unmündigkeit des Kindes ablegte. Während des Königs ehrgeizige Oheime um die Gewalt im Reiche haderten, und die Führung schließlich (seit 1445) an seine willensstarke Gemahlin Margarete von Anjou kam, ging in jahrzehntelangem Krieg (bis 1453) alles verloren, was England auf dem Festland besessen hatte, bis auf das einzige Calais. Und was das Haus Lancaster an der ältern Linie der Plantagenet gethan, das vergalt an Lancaster wieder das jüngere Haus York. Der Ehrgeiz des Herzogs von York (s. d.) rief einen Streit um den Thron hervor, der zu einem dreißigjährigen Bürgerkrieg (1455-85), dem Krieg der Weißen Rose York und der Roten Rose Lancaster (s. Rosenkrieg) führte. Richard von York selbst kam in diesen Kämpfen um, aber sein Sohn bestieg als Eduard IV. (1461-83) den Thron und wußte ihn zu halten. Nur vorübergehend hat Heinrich VI. noch einmal die Krone getragen (1470); nach dem Siege bei Barnet (1471) entledigte Eduard sich des Rivalen und seines Sohnes. Eduard IV. war eine kraftvolle, glänzende Herrschererscheinung, und wenn er auch häufig im sinnlichen Lebensgenuß aufzugehen schien, so konnte er sich plötzlich doch zu mannhafter That aufraffen. Wenn er in manchen Dingen, wie in seiner Finanz- und Parlamentspolitik, dem spätern Neuschöpfer des Staates Heinrich VII. Tudor bereits die Wege wies, blieb er trotz allem ein Usurpator, der nur für die Zeit seines Lebens den geraubten Thron zu sichern vermochte. Derselben grausamen Selbstsucht, mit der er die Lancaster vertilgt hatte, fielen seine jungen Söhne Eduard V. und Richard zum Opfer; über ihre Leichen hinweg schritt ihr Oheim Gloucester als Richard III. (1483-85) zum Thron. Man muß ihm ein widerstrebendes Bewundern zollen, denn dieser gekrönte Verbrecher war zum Herrscher geboren, entschlossen und von hohem persönlichem Mut. Aber die Thaten, die er vollführte, verdienten den Haß, den die Nachwelt ihm nachtrug. Sein Untergang war würdiger als sein Leben; nachdem er die ersten Empörungen niedergeworfen, erlag er, von fast allen Anhängern verlassen, dem aus Frankreich nahenden Heinrich Tudor, einem Abkömmling aus dem Hause Lancaster von mütterlicher Seite. In tapferm Kampf ist Richard am Entscheidungstage bei Bosworth (22. Aug. 1485) gefallen, der letzte König aus dem Hause der Plantagenet.

Die dreißig Jahre zerfahrener Parteiregierung nach Heinrichs V. Tode, die dreißig Jahre blutigen Bürgerkrieges, die ihnen folgten, schienen allen staatlichen Bestand in England aufgelöst zu haben. Wohl bestand die Parlamentsverfassung in ihren Formen fort, aber sie war ohne Kraft; es herrschte unbedingt die jeweilig obwaltende Partei. Dennoch bedeutet die Wahrung des formellen Bestandes in Parlaments- und Gerichtsverfassung und in der Selbstverwaltung ungemein viel; wenn freilich ihre Ausübung in der Zeit des Faustrechts unterdrückt worden war, die Fundamente des Staates waren bewahrt. Ebenso war das eigentliche Volk, die untern und Mittelklassen, trotz aller Erschütterung und Entsittlichung im alten Bestand erhalten. Geradezu vernichtet waren dagegen die königl. Geschlechter und der hohe Adel. Das neue Königtum war vor der Gegnerschaft der alten Aristokratie gesichert, die auf den Schlachtfeldern der Rosenkriege lag, es war ungehindert in der Erfüllung seiner großen Aufgabe, auf den gebliebenen Fundamenten den Staat neu zu erbauen.

4) Das Zeitalter der Reformation und der Tudors (1485-1603). Wie die nächste Zukunft Englands abhängig war von der Monarchie, so war deren feste Begründung die vornehmste Aufgabe des ersten Monarchen aus der neuen Tudordynastie, Heinrichs VII. (1485-1509). Bei allen übrigen Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, der Herstellung von Ruhe und Ordnung im Innern, einer geachteten Stellung nach außen, mußte die Festigung der Dynastie stets im Mittelpunkt stehen. Mit vollster Sicherheit ist Heinrich VII. seinen Weg gegangen. Er behauptete sein Thronrecht allein durch seine Abstammung vom Lancasterhause, nur zu vermehrter Sicherheit verband er sich mit der Trägerin yorkistischer Ansprüche, mit Elisabeth, der ältesten Tochter Eduards IV. Aufmerksam folgte er jeder empörerischen Bewegung, manche erstickte er im Keim, auch der gefährlichern Prätendenten, eines Lambert Simnel, Perkin Warbeck und Grafen Suffolk wurde er schließlich Herr. Deren Umtriebe aber verflochten sich für ihn mit seinem Verhältnis zu den Außenmächten. Vor allem suchte er sein Ansehen zu gründen auf eine verwandtschaftliche Verbindung mit dem span. Königshaus; auch strebte er den ewigen Kriegszustand mit Schottland zu beenden. In Irland hob er durch Verwaltungsreformen das engl. Ansehen, und im Handelsverkehr schuf er England eine bevorzugte Stellung. Im Innern bekämpfte er die Reste des Adels mit dem Ausnahmegerichtshof der "Sternkammer" (s. d.), die Einsprache des Unterhauses vermied er durch eine geschickte Finanzverwaltung. So konnte er bei seinem Tode (1509) seinem Sohn ein unanfechtbares Erbrecht, eine feste, im Mittelpunkt des Staatslebens stehende monarchische Gewalt und friedliche Verhältnisse mit allen Außenmächten als Erbe hinterlassen. Der junge Heinrich VIII. (1509-47) hatte nichts von seines Vaters vorsichtig berechnender Zurückhaltung, seine Würde sollte ihm zum Genuß des Lebens dienen und zur Befriedigung seiner Eitelkeit. Fröhliche Feste und ein zweckloser Krieg mit Frankreich, der ihm einigen Ruhm und sehr wenig Gewinn, aber ungeheure Kosten brachte, füllte die ersten Jahre seiner Regierung, bis sein großer Kanzler Kardinal Wolsey, der seit 1515 den entscheidenden Einfluß besaß, den Staat wieder in die polit. Bahnen Heinrichs VII. hineinleitete. Aus einer bloß geachteten Stellung erhob er durch seine glänzende diplomat. Leitung England zu einer führenden Macht, und dies wirkte günstig zurück auf den steigenden Handelsverkehr, die Industrie und, bei der großen Wollausfuhr, auch auf die Viehzucht. Er reformierte die Gerichtspflege, suchte Wissenschaft und Bildung durch Universitätsgründungen zu heben, um dadurch dem von ihm bekämpften Luthertum mit dessen eigenen Waffen zu begegnen. Vorzüglich war die Finanzwirtschaft, die Einkünfte stiegen, und nur als die Kriegslust des Königs England in die Beteiligung an dem Kriege Karls V. gegen Franz I. von Frankreich hineintrieb, mußte Wolsey zur einzigen Parlamentsberufung (1523) während seiner Verwaltung schreiten. Eine Intrigue höfischer Gegner, die des Königs Neigung zu der jungen Anna Boleyn geschickt benutzten, bewirkten Wolseys Sturz (1529), weil dieser die vom König geforderte Scheidung von seiner ersten Gattin, Katha-^[folgende Seite]