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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1853-65)

kath. Bistümer in England gründete und den Kardinal Wiseman zum Erzbischof von Westminster ernannte. Eine große nationale Erregung, die an die No-Popery-Bewegung unter Karl II. erinnerte und in Versammlungen und Protestadressen sich Luft machte, war die unmittelbare Folge. Die Regierung stellte sich auf Seite der Protestierenden, und bei der nächsten Parlamentssession brachte sie 7. Febr. 1851 einen Antrag ein, der die Annahme bischöfl. Titel allen nicht zur Staatskirche gehörenden Geistlichen verbieten sollte. Die Mehrheit für das Gesetz war eine außerordentlich große, trotzdem aber stand das Ministerium nicht mehr auf sicherm Boden. Als es durch die Annahme eines von ihm mißbilligten Wahlgesetzes eine offene Niederlage erlitten hatte, folgte eine Ministerkrisis, die jedoch nach Lord Stanleys (s. Derby, Edward Geoffrey) vergeblichen Bemühungen zur Kabinettsbildung mit dem Wiedereintritt der alten Minister endete (3. März 1851). Lord Russell brachte die Bill über die Annahme geistlicher Titel in sehr gemäßigter Form wieder ein, worauf nach einigen verschärfenden Zusätzen ihre Annahme erfolgte. Einige Ruhe kam in den polit. Streit mit der Vorbereitung und Veranstaltung der vornehmlich vom Prinzen Albert geförderten ersten großen Weltausstellung in London (1. Mai bis 15. Okt. 1851). Neue Verlegenheiten brachte dafür wieder Palmerstons unruhige Einmischungspolitik, die neue zu den alten Niederlagen fügte. Die Freilassung der ungar. Flüchtlinge, die nach der Niederwerfung der ungar. Revolution in der Türkei eine Zuflucht gesucht hatten und dort auf Österreichs Veranlassung festgenommen waren, setzte er zwar durch; aber eine schwere Demütigung war es für ihn, daß in dem Fall des Portugiesen Pacifico, für den er eine große Staatsaktion gegen Griechenland in Scene gesetzt hatte, das eingesetzte Schiedsgericht auf eine Entschädigung von nur 150 Pfd. St. erkannte. In Neapel erbitterte es sehr, daß er die heftigen Briefe Gladstones gegen die dortige Reaktion offiziell den engl. Vertretungen im Auslande zusandte, und Österreich reizte die Antwort, die er einer radikalen Deputation gab, die ihm den Dank wegen seiner Verwendung für den nach London gekommenen Führer der ungar. Revolution, Kossuth, aussprach. Längst hegte Russell den Wunsch, den unbequemen und gefährlichen Amtsgenossen zu beseitigen, als ihm dessen eigenmächtige Sympathieerklärung für den Napoleonischen Staatsstreich vom 2. Dez. 1851, ohne daß er der Königin oder dem Premierminister Mitteilung davon gemacht hatte, die Gelegenheit gab, seine Entlassung zu fordern. Palmerston rächte sich, indem er zu einer vom Ministerium eingebrachten Milizbill einen Zusatzantrag stellte (20. Febr. 1852), der trotz des ministeriellen Widerspruchs angenommen wurde, worauf Russell mit dem ganzen Kabinett zurücktrat und Lord Stanley, jetzt Graf Derby, ein rein toryistisches Ministerium bildete, in dem Pakington (s. Hampton) die Kolonien, Disraeli die Finanzen erhielt. Die dem konservativen Kabinett gegenüber neu auflebende Agitation der alten Kornzoll-Ligisten brachte den bisher streng schutzzöllnerischen Disraeli zu einer Erklärung für die Zollreformen von 1846. Trotz dieser Versuche, den populären Forderungen zu genügen, fielen die Neuwahlen von 1852 nicht zu Gunsten des Ministeriums aus, und als 16. Dez. das Budget Disraelis im neuen Unterhause abgelehnt wurde, nahm das Kabinett seine Entlassung.

Derbys Nachfolger, Lord Aberdeen, stellte ein Koalitionsministerium zusammen aus Peeliten, zu denen er selbst gehörte, und dem Whig Lord Russell für das Auswärtige, Gladstone erhielt das Schatzkanzleramt, Palmerston das Innere. Die Regierung hatte bald eine Reihe guter Erfolge aufzuweisen. Gladstone legte ein günstiges Budget vor, das Aussichten auf allmähliche Steuerverminderung brachte. Zugleich wurden die von den Vorgängern übernommenen Kolonialkriege zu glücklichem Ende gebracht. Die Feindseligkeiten der Kaffern hatten am Kap seit Ende 1850 zum förmlichen Kriege geführt, der nach anfänglichen Mißerfolgen erst seit Beginn 1852 durch nachgesandte Verstärkungen eine bessere Wendung nahm. In Ostindien hatten Verwicklungen mit den Birmanen unter dem Gouverneur Lord Dalhousie Feindseligkeiten hervorgerufen, in deren Verlauf die Städte Rangun und Martaban genommen, die ganze Provinz Pegu besetzt und das birman. Heer nach Awa zurückgeworfen wurde. Im Frieden vom 30. Juli 1853 erfolgte die Abtretung von Pegu, das Zugeständnis freier Schiffahrt auf dem Irawadi und die Auslieferung der gefangen gehaltenen brit. Unterthanen.

9) Europäische, asiatische und amerikanische Wirren (1853-65). Als Europa im Beginn des J. 1853 durch die gegen die Türken gerichteten Pläne des Kaisers Nikolaus von Rußland beunruhigt wurde und Napoleon sich der engl. Regierung zu nähern suchte, hielt diese erst noch zurück. Zwar betonte sie im Parlament die Aufrechterhaltung des türk. Reichs; aber die Session 1853 schloß mit einer friedlich gehaltenen Thronrede. Die Kriegserklärung der Pforte gegen Rußland führte Nov. 1853 zur Einfahrt der engl.-franz. Flotte in die Dardanellen, und der folgende Überfall Sinopes durch die Russen erregte in England einen Sturm in der Presse, der das Ministerium zu energischem Vorgehen zwang. Die Flotte lief in das Schwarze Meer ein, und die Anträge Napoleons III. führten 12. März 1854 zu einem Bündnis Englands und Frankreichs mit der Pforte. Rußland wies ein Ultimatum zurück, und 28. März 1854 erklärten beide Westmächte ihm den Krieg. (S. Orientkrieg.) England hatte große Rüstungen gemacht, aber die ersten Erfolge blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Auch die engl. Ostseeflotte unter Napier richtete wenig aus, und der herrschende Unmut wurde durch die infolge des Krieges erhöhten Steuerlasten vermehrt. Der Expedition nach der Krim folgte zwar die mit Jubel aufgenommene Kunde von dem Siege an der Alma (20. Sept. 1854); dann aber kamen trübe Nachrichten über schlechte Verpflegung und den Zustand der vor Sewastopol liegenden engl. Armee. Daher brachte in der neuen Parlamentssession Roebuck Jan. 1855 einen Antrag ein auf Niedersetzung einer Kommission zur Untersuchung dieser Mißstände. Die Folge war der Rücktritt des Ministeriums und, nach einem vergeblichen Versuch Derbys, die Neubildung durch Palmerston. Große Kriegsbewilligungen gaben dem Vertrauen zum Ministerium Ausdruck, und das herzliche Einvernehmen (entente cordiale) mit Frankreich bezeugten die gegenseitigen Monarchenbesuche. Den 8. Sept. 1855 erfolgte die Einnahme von Sewastopol, an der die Franzosen freilich den Hauptanteil hatten, und ebenso geschahen auch über Englands Kopf hinweg durch österr. Vermittelung die Friedensanträge an Rußland. Palmerston mußte sich dem Vorgehen des franz. Bundesgenossen an-^[folgende Seite]