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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1880-85)

Erklärung mitgeteilt werden, daß Rußland einverstanden sei, den ganzen Friedensvertrag der Billigung Europas zu unterbreiten. Am 13. Juni wurde der Kongreß eröffnet. (S. Berliner Kongreß.) Wahrend desselben erlebte die Welt zwei Überraschungen: den durch eine schwere Indiskretion in die Öffentlichkeit gedrungenen geheimen engl.-russ. Vertrag vom 30. Mai, der im wesentlichen den russ. Forderungen nachgab und thatsächlich eine Teilung der Türkei zugestand, und den Abschluß des engl.-türk. Vertrags vom 4. Juni 1878, nach dem England die Erhaltung der dem Sultan in Asien verbleibenden Besitzungen gewährleistete und dafür die Insel Cypern erhielt. Am 14. Juli wurde dort die engl. Flagge geheißt. Ein die Regierungspolitik mißbilligender liberaler Antrag wurde mit 338 gegen 195 Stimmen abgelehnt und 16. Aug. die Parlamentssession geschlossen.

Wie die Beteiligung Englands am Krimkrieg ein Nachspiel gehabt hatte durch das Vorgehen des von Rußland aufgestachelten Persiens in Afghanistan, so hatte auch diesmal die Spannung mit Rußland Verwicklungen in Asien zur Folge. Kurz vor Vertagung des Parlaments kam die Nachricht von dem Vorrücken der Russen an den Oxus und der Ankunft einer russ. Gesandtschaft in Kabul beim Emir von Afghanistan. Als Entgegnung kündete der ind. Vicekönig Lord Lytton dem Emir Scher-Ali die Ankunft einer engl. Gesandtschaft an, und als dieser deren Empfang ablehnte, erklärte ihm Großbritannien 20. Nov. 1878 den Krieg. Der Krieg hatte einen schnellen Fortgang (s. Afghanistan, Bd. 1, S. 172 b), und schon 26. Mai 1879 konnte dem Parlament der Abschluß eines Friedensvertrags mitgeteilt werden, der den Engländern die nach Afghanistan führenden Pässe, die Kontrolle über dessen auswärtige Politik und den Empfang eines brit. Residenten in Kabul zugestand.

In diese Siegesnachrichten fiel die Kunde von der vernichtenden Niederlage einer engl. Truppenabteilung bei Isandula im Zululand 22. Jan. 1879. Der Krieg war veranlaßt worden durch das Vorgehen des Generalgouverneurs von Südafrika, Sir Bartle Frere, und nahm, da er mit ungenügenden Streitkräften begonnen war, einen kläglichen und peinlich langsamen Verlauf. Die Nachricht von dem Tode des Prinzen Louis Napoleon, der in einem Gefecht mit den Zulu gefallen war, verstärkte noch den ungünstigen Gesamteindruck, und wenn auch, nachdem Wolseley 26. Mai das Kommando übernommen hatte, die Niederlage des Zulukönigs Ketschwajo bei Ulundi 4. Juli 1879 und seine kurz darauf folgende Gefangennahme ein glückliches Ende herbeiführten, so war doch durch diese afrik. Vorgänge und die finanziellen Opfer, welche die imperialistische Politik Beaconsfields erforderte, die Stellung des Ministeriums nachhaltig erschüttert. Der Jahresabschluß von 1879 wies ein Deficit von 5 1/2 Mill. Pfd. St. auf. Dazu gesellten sich öffentliche Notstände besonders in der Landwirtschaft durch eine Reihe schlechter Ernten und die zunehmende Konkurrenz Amerikas. Es bildete sich der Farmerbund, der eine Untersuchung der Ursachen des Notstandes forderte. Am fühlbarsten zeigte sich die Not wieder in Irland, wo sie von Parnell und seiner Partei nach Kräften für ihre Zwecke ausgebeutet wurde. Im Bunde mit Davitt gründete Parnell die irische Landliga (s. d.), welche die Wühlarbeit gegen die engl. Grundherren organisierte und mit ihrem Wahlspruch "das irische Land für das irische Volk" den ungeheuersten Beifall fand. Im Parlament fanden mehrfach Debatten statt über die Haltung der Pforte, welche die von ihr geforderten Gebietsabtretungen an Griechenland hintanschob; bald aber traten neue, unheilvolle Ereignisse in Afghanistan in den Vordergrund. Am 4. Sept. 1879 wurde der engl. Gesandte in Kabul, Major Cavagnari, mit seiner Begleitung ermordet. Ein neuer Krieg war unvermeidlich. Schon Ende September rückten die engl. Truppen unter General Roberts vor, 9. Okt. wurde Kabul erobert. Aber Roberts wurde in seinen Verschanzungen eingeschlossen und befand sich in kritischer Lage, bis er 23. Dez. den Hauptsturm der Belagerer siegreich abschlug, worauf für ihn einige Monate der Ruhe folgten. (S. Afghanistan, Bd. 1, S. 173.)

Indessen hatte Beaconsfield, der die Stimmung im Lande für seine Partei günstig glaubte und auf eine Mehrheit rechnete, das Unterhaus 19. März 1880 aufgelöst. Die Neuwahlen ergaben aber durchaus nicht das gehoffte Resultat, sondern einen großen Sieg der Liberalen, nur 243 Konservative standen gegen 349 Liberale und 60 Home-Ruler.

12) Gladstones zweites Ministerium und die dritte Parlamentsreform (1880-85). Da Gladstone nach seiner letzten Niederlage sich vom polit. Schauplatz zurückgezogen hatte, so wandte sich die Königin an Hartington (s. Devonshire, Grafen- und Herzogswürde) und Granville als die damaligen Führer der liberalen Partei wegen der Neubildung des Ministeriums; diese aber wiesen sie auf Gladstone, der den Auftrag annahm und bis zum 28. April 1880 sein Kabinett beisammen hatte. Er selbst übernahm die Leitung und das Schatzkanzleramt, Lord Granville wieder das Äußere, Lord Hartington Indien, Lord Northbrook die Marine, Childers den Krieg, Forster das erste Sekretariat für Irland, Harcourt das Innere, Bright wurde Kanzler des Herzogtums Lancaster. Von den Radikalen erhielt Chamberlain den Handel, Dilke wurde Unterstaatssekretär vom Auswärtigen Amt, Mundella Vicepräsident des Geheimen Rates, Generalpostmeister der blinde Professor Fawcett.

Das Ministerium Gladstone übernahm von seinem Vorgänger drei noch nicht ganz gelöste Aufgaben: die Orientfrage, den Afghanenkrieg und die Beschwichtigung der nach dem Zulukrieg noch fortdauernden Unruhe in Südafrika. Im Parlament selbst war ihm ein besonders heftiger Gegner erstanden in Lord Randolph Churchill, der in der sog. "Vierten Partei" (s. d.) einige Konservative um sich sammelte, die sich vornehmlich den Kultus Beaconsfields und die rücksichtsloseste Anfeindung Gladstones angelegen sein ließen. In der Orientfrage betrieb Lord Granville ein gemeinsames Vorgehen der Mächte, um die Türkei zur Erfüllung der von ihr vernachlässigten Forderungen des Berliner Vertrags zu zwingen, zu den Gebietsabtretungen an Montenegro und Griechenland und zu den verheißenen Reformen in Armenien. Eine Flottendemonstration an der alban. Küste sollte die erste Forderung unterstützen (Sept. 1880); aber der Erfolg war nur gering, denn erst nach langem Drängen erfolgte die geforderte Abtretung von Dulcigno an die Montenegriner, und in der griech. Grenzfrage kam man erst im Herbst 1881 zum Ziel.

In Afghanistan war der Winter ohne besondere kriegerische Ereignisse vergangen. Der neue ind.