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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1886-92)

Besitznahme von Witu, Patta und Manda verkündet werden.

Weitere Auseinandersetzungen mit Frankreich brachte der lebhafte Widerstand der Neufundländer gegen das Frankreich zustehende Fischereirecht an der Küste Neufundlands, wobei die Regierung der Kolonie so weit ging, mit Selbsthilfe und Unabhängigkeitserklärung zu drohen. In der That kam es im Juni zu einem Zusammenstoß zwischen franz. und neufundländ. Fischern, bei dem die erstern weichen mußten. Erst ein Abkommen vom 11. März 1891 verfügte die Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes bis zur Regelung durch ein Schiedsgericht. Ähnlich verlief ein Streit mit Nordamerika über den Robbenfang im Beringmeer (s. d.), der ebenfalls durch ein Schiedsgericht geschlichtet werden soll. Ernster waren die Vorgänge in dem im Nordosten Indiens liegenden Hindustaat Manipur. Als England in die hier ausgebrochenen Thronstreitigkeiten eingriff, wurde der mit einer stattlichen Truppenmacht von Assam nach Manipur rückende J. W.^[James Wallace] Quinton geschlagen und getötet; im Juni 1891 erfolgte dafür die Niederwerfung und Bestrafung der Manipuriten.

Im Innern hatte die Regierung manche Schwierigkeit zu bestehen. Die Finanzlage des Staates war freilich unter der Leitung des Kanzlers der Schatzkammer, Goschen, ausgezeichnet. Bei der Einbringung des Budgets (17. April 1890) konnte Goschen für das abgelaufene Finanzjahr auf einen Überschuß von 3,25 Mill. Pfd. St. hinweisen, obgleich die Staatsschuld während der letzten drei Jahre um 23 Mill. Pfd. St. verringert worden war; dagegen konnte der von der Regierung vorgelegte Gesetzentwurf, der den Ankauf ihrer Pachtgüter von seiten der Pächter durch Regierungsvorschüsse erleichtern sollte, ebenso wie ein Antrag zur Änderung der Zehntenerhebung (s. Tithes) wegen der Obstruktion der Opposition nicht erledigt werden und mußte auf das folgende Jahr verschoben werden, wo er in seiner endgültigen Form vom Parlament genehmigt wurde.

Inzwischen führten die Iren in Irland selbst den Kampf vor allem durch Boycottieren energisch weiter; doch drohte ihrer Sache schwere Gefahr durch die Verwicklung Parnells in einen skandalösen Ehescheidungsprozeß, der 18. Nov. 1890 zu seiner Verurteilung wegen Ehebruchs führte. Die kath. Geistlichkeit Irlands erklärte sich gegen ihn, und 6. Dez. trat der offene Bruch in der irischen Nationalpartei ein, deren Mehrheit unter Führung MacCarthys sich von der bei Parnell verharrenden Minderheit trennte. Die Spaltung unter den Iren blieb bestehen, auch als 6. Okt. 1891 Parnell gestorben war.

Diese für die Iren und ihre liberalen Freunde höchst unliebsamen Vorgänge kamen jedoch den Arbeiten des 19. Nov. 1890 wieder eröffneten Parlaments zu statten. Es wurde ein Gesetzantrag zur Linderung des durch die Mißernte in Irland hervorgerufenen Notstandes erledigt und endlich die Zehnten- und die Landankaufsbill in dritter Lesung angenommen. Das 23. April 1891 von Goschen vorgelegte Budget wies wieder einen Überschuß von TTTTT Mill. Pfd. St. auf, der diesmal nicht für Steuerverminderung, sondern für die Durchführung des freien Schulunterrichts verwendet werden sollte.

Der Besuch des Deutschen Kaiserpaares (4. bis 14. Juli 1891) nahm einen äußerst glänzenden Verlauf, doch lieferte die bald darauf folgende herzliche Aufnahme der französischen, von Kronstadt zurückkehrenden Flotte in Portsmouth den Beweis, daß ihm eine ernstere polit. Bedeutung nicht beigelegt werden könne.

Eine besonders hervortretende Rolle im öffentlichen Leben Englands spielten seit Ende 1889 die Arbeiterausstände, die der gewaltige Streik der Londoner Dockarbeiter 15. Aug. bis 16. Sept. 1889 einleitete. Unter Führung des socialistischen Abgeordneten Burns nahm die Bewegung einen außerordentlichen Umfang an, die Zahl der Feiernden stieg bis auf 180000 Mann, und der Londoner Handel wurde schwer und nachhaltig geschädigt. Die öffentliche Meinung stand im ganzen auf Seite der von den Dockdirektoren abgewiesenen Arbeiter, die einen Stundenlohn von 6 Pence und die Gewährleistung eines täglichen Mindestlohnes von 2 Shill. forderten. Durch Vermittelung des Kardinals Manning, auch des Lord-Mayors und des Bischofs von London, wurde der Streit 16. Sept. beigelegt und in der Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt. Man schätzte den durch den Ausstand verursachten Gesamtverlust auf 2 Mill. Pfd. St. Am 15. März 1890 folgten dem Beispiel der Dockarbeiter über 200000 Grubenarbeiter in Yorkshire und andern Kohlendistrikten, die sich aber nach fünf Tagen mit einer geringen Lohnerhöhung zufrieden gaben. Am 17. März kam es bei einer Versammlung der Dockarbeiter in Liverpool zu blutigem Zusammenstoß mit der Polizei; Ende April streikten in Irland die Bahnangestellten, sodaß es zu mehrfachen Betriebseinstellungen kam, bis der Ausstand durch Vermittelung des Bischofs Walsh beigelegt wurde. Im Juni 1890 streikten in London eine Anzahl Postbeamte und Polizisten, ein Dockarbeiteraufstand zu Southampton führte im September zu Ruhestörungen und Zusammenstößen mit dem herbeigerufenen Militär, und ein Eisenbahnstreik in Schottland Anfang Jan. 1891 zu Attentaten auf die Züge. Bedenklicher als diese Arbeiterstreiks konnte es scheinen, daß im Juli ein Gardebataillon den Gehorsam verweigerte und ein ähnlicher Fall sich in Chatham im August ereignete; das Gardebataillon wurde zur Strafe nach den Bermuda-Inseln versetzt, durfte aber schon im nächsten Jahre in die alte Garnison zurückkehren. Außer den Ausständen beeinträchtigte den engl. Handel die extrem schutzzöllnerische von den Vereinigten Staaten Sept. 1890 erlassene MacKinley-Bill, und eine große Erschütterung des Londoner Geldmarktes drohte Nov. 1890 durch die Krisis des großen Bankhauses Baring, das sich bei den argentin. Anleihen stark beteiligt hatte; doch gelang es, das Unheil durch Liquidation der Bank abzuwenden.

Das Jahr 1892 begann mit einem Ereignis, das allgemeine Trauer erregte: dem 14. Jan. erfolgten plötzlichen Tode des Herzogs von Clarence, der als der älteste Sohn des Prinzen von Wales dereinst zum Träger der brit. Krone berufen schien. Die Tragik seines Schicksals wurde noch dadurch erhöht, daß erst wenige Monate vorher seine Verlobung mit seiner Cousine, der Prinzessin Marie von Teck, geschlossen war.

Ein anderer für Großbritannien wichtiger Todesfall war der des ägypt. Chedivs Tewfik Pascha (7. Jan. 1892), eines warmen Anhängers der engl. Reformpolitik in Ägypten; doch erlitt die engl. Stellung daselbst durch die Thronbesteigung des jungen Abbas Pascha keine Änderung.