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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1892 bis zur Gegenwart)

reduktion beschlossen hatten. Man behielt sich vor, die Arbeitseinstellung weiter auszudehnen, oder durch Beschränkung der Arbeit auf fünf Tage auch die Produktion zu beschränken, um die Preise dadurch auf alter Höhe zu erhalten. Unabhängig davon war der Ausstand der Bergleute von Durham, die sich einer Lohnherabsetzung um 13 1/2 Proz. nicht fügen wollten und erst nach zehnwöchigem Streik, nachdem die Reduktion auf 10 Proz. ermäßigt war, die Arbeit wieder aufnahmen. Inzwischen war der 1. Mai in London gegenüber der ablehnenden Haltung des Parlaments zu einer großen Kundgebung zu Gunsten des gesetzlichen Achtstundentags benutzt worden, bei der sich über 200000 Personen in musterhafter Ordnung beteiligten. Vor Gladstone erschien 16. Juni eine Deputation des Londoner Gewerkvereinsrats, der seine Bemühung für den Achtstundentag erbat, aber abweisende Antwort erhielt. Am 5. Nov. hatte ein großer Ausstand der Spinner von Lancashire begonnen wegen einer ihnen zugemuteten 5prozentigen Lohnherabsetzung; über 50000 Arbeiter legten die Arbeit nieder. Am 5. April 1893 folgte ein Streik der Dockarbeiter in Hull, der 19. Mai zur Niederlage der Arbeiter in ihrer Hauptforderung, daß die Reeder keine Arbeiter beschäftigen sollten, die nicht zum Gewerkverein gehörten, führte. Die schwerste Schädigung des Nationalvermögens, die sich auch auf zahlreichen andern Industriegebieten fühlbar machte, brachte jedoch ein großer Bergarbeiterstreik, der 28. Juli ausbrach. Sämtliche Kohlenarbeiter in Lancashire, Cheshire, Nottingham, York, Leicestershire, Staffordshire, Wales und Bristol legten die Arbeit nieder, weil sie nicht in eine ihnen zugemutete Lohnherabsetzung willigen wollten. Als der Streik um die Mitte des August seinen Höhepunkt erreicht hatte, feierten fast 500000 Bergleute; eine allgemeine Einigung war Ende September noch nicht erreicht, doch hatten die Arbeiter mehrfach ihre Forderungen durchgesetzt.

Friedlicher als im Innern war das Jahr 1892 nach außen hin verlaufen. Einige für England nicht gerade erfreuliche diplomat. Weiterungen gab es bei der Durchsetzung eines Handelsvertrags mit Marokko im Sommer 1892, wo der frühere engl. Einfluß hinter dem französischen stark zurückgetreten war. Etwas unruhiger sah es in Ostafrika aus, wo es in Uganda Mitte April zu einem großen Konflikt zwischen den französisch gesinnten Katholiken und den den Engländern freundlichen Protestanten kam. Während die Englisch-Ostafrikanische Gesellschaft Uganda räumen mußte, zeigte nach längerm Zurückhalten die Regierung durch Absendung des Sir Gerald Portal mit diktatorischen Vollmachten, daß die Einverleibung Ugandas für sie beschlossene Sache war. In dieser seinen eigenen Anschauungen widersprechenden Politik hatte Gladstone sich der Meinung Lord Roseberys fügen müssen. Dasselbe galt von der Haltung der neuen Regierung gegenüber Ägypten, wo Lord Rosebery Febr. 1893 einen Versuch des jungen Chedivs, einen Feind der engl. Reformen, Fakhri Pascha, als Ministerpräsidenten einzusetzen, durch ein energisches Einschreiten verhinderte; ja man beschloß sogar eine Vermehrung der in Ägypten stehenden engl. Truppen, trotzdem die franz. Regierung scheel dazu sah.

Im Vordergrunde des allgemeinen Interesses stand natürlich der mit der Parlamentseröffnung 31. Jan. 1893 beginnende Kampf um Home-Rule. Außer dieser umwälzenden Maßregel verkündete die Thronrede noch eine ganze Fülle von Reformplänen des greisen Premierministers: Verkürzung der Parlamentsdauer von sieben auf fünf Jahre, Beschränkung jedes Wählers auf eine einzige Wahlstimme, Maßregeln über die Haftpflicht der Arbeitgeber, über die Arbeitszeit der Bahnbeamten, über weitere Ausbildung der Lokalverwaltung, über das lokale Verfügungsrecht gegenüber dem Ausschank von Spirituosen, sowie gegen das Staatskirchentum in Schottland und Wales. Am 13. Febr. trat endlich Gladstone mit seiner Home-Rule-Vorlage, über die er bis dahin das strengste Geheimnis zu bewahren verstanden hatte, vor das Unterhaus. Sie wich in mancher Beziehung von ihrer Vorgängerin von 1886 ab: es sollen zwei parlamentarische Körperschaften, ein Gesetzgebender Rat und eine Gesetzgebende Versammlung, in Irland geschaffen werden, die sich ausschließlich mit der Gesetzgebung und Verwaltung Irlands zu beschäftigen haben, ohne die Oberherrschaft des Reichsparlaments zu beeinträchtigen oder zu beschränken; der Rat soll aus 48 gewählten Mitgliedern bestehen, deren Wähler mindestens 20 Pfd. St. Steuern zahlen, die Versammlung aus 103 Mitgliedern, gewählt nach den Grundsätzen der bisherigen Parlamentswahl, die Tagungsdauer soll auf fünf Jahre beschränkt werden. Die ausführende Gewalt verbleibt dem Vicekönig, der auf sechs Jahre und ohne die bisherige konfessionelle Beschränkung ernannt wird. Die Polizei soll allmählich in die Hand der irischen Verwaltung übergehen. Im Reichsparlament sollen die Iren verbleiben, aber nur in der Zahl von 80 anstatt der jetzigen 103 Mitglieder. Der Reichsregierung soll neben der irischen Regierung das Recht zustehen, den irischen Gesetzentwürfen die Genehmigung zu versagen. Die irischen Finanzen sollen von denen des Reichs getrennt werden. Die Vorlage fand natürlich rückhaltloseste Opposition seitens der Konservativen und Unionisten, und auch außerhalb des Parlaments wurde der Kampf in erbitterter Weise geführt; die Agitation der Ulstermänner wurde immer größer und heftiger, 15. März fand eine große Einspruchsversammlung in Dublin statt, 4. April eine gewaltige Kundgebung zu Belfast. In London wurde 22. April eine große Versammlung in der Alberthalle für die Reichseinheit abgehalten, der sich eine Kundgebung auf Salisburys Landsitz, Hatfield, anschloß. Am 23. Mai erschien Salisbury selbst im Triumph in Belfast, um an beiden folgenden Tagen darauf in der Ulsterhalle in großen Reden gegen das neue Gesetz und seinen Urheber zu Felde zu ziehen; von Belfast begab er sich nach Londonderry, wo er ebenfalls mit Jubel aufgenommen wurde, und in der Guildhall sprach. Allerdings fanden auch Kundgebungen für Gladstones Home-Rule-Plan statt, doch hatte er selbst die Erbitterung zu fühlen, die seine Vorlage in einem großen Teile des brit. Volks hervorgerufen hatte; er wurde mehrfach in der Öffentlichkeit mit Mißfallensbezeigungen empfangen. Trotzdem gelang es dem gewaltigen Einfluß Gladstones, seine Mehrheit im Unterhaus zusammenzuhalten und seine Vorlage in allen drei Lesungen zur Annahme zu bringen. Allerdings erreichte er diesen Erfolg nur durch eine Beschränkung der freien parlamentarischen Beratung, indem er ein Verfahren in Anwendung brachte, das 1887 bei der Obstruktion der Parnelliten gegen die irischen Zwangsgesetze gute Dienste geleistet hatte, wonach ein bestimmter Termin für