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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Grundeigentum
ähnlich wic in Deutschland gestaltete sich zu Be- ^
ginn des Mittelalter>-> die Geschichte des G. in allen
westeurop. Ländern, indem überall der Feudalstaat
durch die Eroberungen der Germanen begründet
wurde. Indesseu rief die srühe Erstarkuug des mo-
bilen Kapitals und der Geldwirtschaft, namentlich ^
in Italien, England und Frankreich, im weitern
Verlauf des Mittelalters eine abweichende Entwick-
luug hervor.
In Italien begannen reiche Kaufleute uud
Bantiers schon seit dem 13. Jahrh, große Land-
strecken an sich zu bringen und verwandelten die!
grundhörigen Bauern in Halbpächter, wie sie noch
heute in vielen Teilen Italiens vorherrschen (s.Halb- ,
scheidwirtschaft). Der Verkauf von Staats- und ^
Kirchcngütern feit 1867 ist hauptsächlich dem Groß- >
kapital zu gute gekommen und hat die Zahl der
Parzellenpächter vermehrt. Das geltende Erbrecht
bcgüustigt die Zerstückelung des Bodens, sodaft
neben den Kleinpächtern sehr zahlreicke eigentüm-
lich besessene Zwerggüter vorkommen. i
Auch in England ist schon im Mittclaltcr der !
Bauernstand durch die eiudriugeude Geldwirtschaft
zwar frei, aber ausgekauft, verdrängt worden; es z
entstanden, begünstigt durch die Gesetzgebung (s. Ge- l
meinheitsteilung) und die aristokratischen Erbgc-
wohnheiten, ungeheure Latifundien, die bis zur
Gegenwart überwiegend durch Geldpächter bewirt-
schaftet werden.
In Frankreich hat eine der italienischen ähn-
liche Entwicklung dazu geführt, daß der Boden fchr
stark parzelliert worden ist, eine grosie Zahl von
kleinen Eigentümern, aber auch eine außerordent-
liche Verbreitung der Pachtwirtschaft besteht. Der
endgültige Bruch mit der feudalen Gesellschafts-
ordnung ist hier jedoch erst durch die Revolution
von 1789 in schroffster Weise bewirkt worden. Der
Verkauf der National-, Kirchen-, Stifts- und der
Emigrantengüter hat dort ebenfo gewirkt wie die
Veräußerung des Kirchenguts in Italien.
Eine ganz besondere Entwicklung hatten die
Grundeigeutumsverhältnisse in den Kolonien.
In Nordamerika hat man es von vornberein
darauf angelegt, ein voll individualistisch gestaltetes
G. in der Weise zu schafseu, daß mau das gauze
Gebiet quadratisch vermaß und das Land nur iu ,
quadratischen Stücken an die Ansiedler veräußerte,
nirgendwo aber die Gemeinden als solche mit All-
menden ausstattete. Selbst der absolute Waldbodeu
ist, sehr zum Verderb der Waldwirtschaft, durchweg zu
Privateigentum vergeben worden. Dabei zielte man
ab auf die Schaffung eines mittelmäßig begüterteu
Farmerstandes, indem man durch die "Heimstättc-
uud Vorkaufsgesetze" die Ansiedelung in kleinern
Besitztümern begünstigte. Trotzdem hat die Macht
des Großkapitals bei schlechter Handhabung jener
Gesetze auch dort zur Entstehung gewaltiger Lati-
fundien und ausgedehnter Pachtwirtschaft neben
dem allerdings vorherrschenden mittlern Grnnd-
eigentmn geführt.
3) Statistik der Grundcigentumsvertei-
lung, s. Deutschland und Deutsches Reich (Bd. 5,
S. 125). Im einzelnen hat man zu unterscheiden:
a. den Osten, das ehemals slaw. Kolonialgcbict.
Hier ist der Großgruudbesitz am stärksten vertreten.
In den sieben ostl. Provinzen Preußens entfallen auf
die Güter von mehr als 1001>^ 42," Proz. der Fläche,
wesentlich mehr als die Hälfte der letztern aber nur
in den erst spät zur preuß. Krone gekommenen Ge-
bieten, wo die bauernsreundliche Agrargesetzgebung
des vorigen Jahrhunderts nicht hat wirksam werden
können,sowieindenauherpreuß. Gebieten. In Groß-
betrieben werden bewirtschaftet in Schwedisch-Neu-
vorpommcrn (Reg.-Bez. Stralsuud) 76 Proz. der
Fläche, ii^Meckleuburg-Strelitz 61,0 Proz., in Meck-
lenburg-Schwerin 59,9 Proz., inPosen 55,3 Proz., in
Westpreußen sind es 47,^. Proz. In Ostpreußen,
Brandenburg, Schlesien, wachsen gehören dem mitt-
lern und Kleinbetrieb etwa zwei Drittel der Fläche,
d. Der Nordwesten und Südosten Deutschlands ist
das Gebiet der weitaus vorherrschcudeu mittel-
großen Bauerngüter, welche nach Gesetz und Her-
kommen im Erbfall geschlossen erhalten bleiben. Hier-
her gehören: das westl. Schleswig-Holstein, Olden-
burg, Hannover, Braunschweig, Westfalen, dann
das rcchtsrhein. Bayern (außer Franken) mit den
angrenzenden Teilen Württembergs und der bad.
Schwarzwald (auch Deutsch-Österreich). Die Güter
von 10 bis 100 ka. nehmen hier überall zwischen 55
uud 75 Proz. der Fläche eiu, der Rest entfällt über-
wiegend auf kleine Vesitzuugen, nur ein kleiner
Bruchteil auf den Großbetrieb, e. Das westl. und
südl. Deutschland, namentlich das ganze Rhein- uud
Maingebiet, wo seit alter Zeit die Teilbarkeit des
Grundbesitzes die Regel bildet. Der Großbetrieb
tritt bier noch mehr zurück als in den vorgenannten
Distrikten, höchstens zwei Fünftel des Bodens wur-
den in mittlern Bauerngütern bewirtschaftet, der
ganze Rest gehört den kleinen und Parzellengütcrn
von weniger als 10 Im Umfang an.
Die Pachtwirtschaft ist in Deutschland im ganzen
wenig entwickelt, das Pachtland umfaßt uur 12/>
Proz. der Fläche aller landwirtschaftlichen Betriebe,
am größten ist die relative Ausdehnung des Pacht-
landes im Reg.-Bez. Stralsuud (47,? Proz.) uud
in Mecklenburg-Strelitz (44,3 Proz.), dann in
Lothringen und den Industriegebieten (Düsseldorf,
Aachen, Köln).
InEngland und Wale s giebt es nach der Auf-
uahme von 1873 bis 1876 nur 972 836 Landeigen-
tümer, und in diese Zahl sind auch die zahlreichen
Pächter auf 99 Jahre mit einbegriffen, die also gar
nicht wirkliche Grundeigentümer sind. Die Statistik
ist grafschaftsweisc erhoben, hat daher dieselbe Person
unter Umständen mehrfach gezählt. Ferner aber fin-
den sich in jener Gcfamtzahl 703 289 Besitzer (uuter
ihnen besonders viele der erwähnten Pächter), die
weniger als 1 Acre (^ 0,405 Iia) haben und auf
die zusammen von den 33 Mill. Acres nnr 155924
kommen. Es sind dies hauptsächlich städtische Grund-
stücke. Demnach verteilt sich fast der gesamte Boden
auf etwa 270000 Personen, und von diesen haben
die 5207 Besitzer von mehr als 1000 Acres (405 K^)
über 18 Mill. Acres oder 55 Proz. der ganzen Fläche
inne, und allein auf die 874 Besitzungen von mehr
als 5000 Acres (2000 Ka,) entfallen 28,4 Proz. der
Fläche. In Schottland überwiegen die Latifundien
noch mehr: 24 große Grundeigentümer besitzen
27 Proz., 580Personen 79,6Proz. der ganzen Voden-
fläche. In Irland haben nur 19547 Eigentümer
und Hauptpächter (cdi6l 163.86 Iioil^rg) etwas über
98 Proz., davon 744 Eigentümer fast 50 Proz. der
Fläche inne.
In Frankreich (s. d., Bd. 7, S. 60-61) gab es
1882: 5672007 landwirtschaftliche Betriebe, dar-
unter hatten einen Umfang von weniger als 1 ka
Gefamt- (nicht nur landwirtschaftlich benutzte)
Fläche: 38,2 Proz., von 1 bis 10 da-. 46,5 Proz.,