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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hafen
Römischen Reichs geriet die Hafenbaukunst wieder
in Vergessenheit; die wenigen seefahrenden Völ-
ker, die Normannen insbesondere und später die
Hanseaten, fuhren mit ihren kleinen Schiffen die
Flüsse binauf oder in die engen Fjorde hinein und
fanden da genügenden Schutz vor dem Unwetter
und dem Seegange. Die Genuesen und Venetianer
waren die ersten, die gegen Ende des Mittelalters
den Haienbau nach den alten Überlieferungen wie-
der aufnahmen. Bald folgten auch die Franzosen
mit künstlichen Hafenanlagen. Den kleinen Schif-
fen des Mittelalters fchadete es nichts, wenn sie in
einem Flußlauf oder in einer Bucht während der
^bbezeu auf dem Trocknen sahen; doch als man im
Ui. Jahrh, begann große Kriegsschiffe mit mehrern
Batterien von Geschützen übereinander zu bauen,
da wurde es nötig, für diefe künstliche Becken zu
schaffen, wo sie zu jeder Zeit flott bleiben konnten.
Um die Schiffe auszubessern, zog man sie früher
in den H. mit starken Winden auf die Hellinge;
da dies Verfahren für den Rumpf der großen
Kriegsschiffe schädlich war, wurden seit dem Ende
des 17. Jahrh, alle Kriegshäfen mit Trockendocks
<s. Dock) versehen. Einer der ältesten künstlichen H.
ist Havre; hier legte schon Richelieu Flotthäfen mit
Schleusen an.
Zur Anlage eines künstlichen H. sind vor allem
Schutzbauten nötig, um die Hafeneinfahrt vordem
Seegang und vor der Versandung zu schützen. Nach
der An der ^chutzbauten kann man alle künstlichen
H. in zwei große Gruppen einteilen: 1) in solche,
die durch Wellenbrecher geschützt sind, 2) in solche,
deren Einfahrtkanal durch zwei Leitdämme (Molen)
aebildet wird. Zuweilen findet man sowohl Wellen-
brecher wie Leitdämme, z. B. in Odessa, Cette, Mar-
seille, Genua, Livorno, Algier, Trieft und Patras.
Wo nur Wellenbrecher nötig sind, ist meist schon
eine Hasenbucht vorhanden, die nur noch eines
Schutzes bedarf. Das großartigste Beispiel hierfür
ist der 4000 m lange Wellenbrecher von Cherbourg
(s. d.). Aus Besorgnis vor Cherbourgs Bedeutung
baute England zwei große Wellenbrecher, den von
Plymouth und den bei der Portlandbill; auch diese
beiden, obgleich bedeutend kleiner als der von Cher-
bourg, sind Meisterwerke der Hafenbaukunst. Von
neuern Wellenbrechern seien die großen Bauten bei
Dover, Boulogne, Kapstadt sowie der noch unfer-
tige Schutzdamm in Iokohama erwähnt. Die Mehr-
zahl der künstlichen H. ist lediglich durch zwei, eine
meist lange und schmale Einfahrtrinne bildende
haven, Curhaven, Swinemünde, Pillau, Tün-
kirchen, Calais, Havre, Southampton, Portsmouth,
Kronstadt, Barcelona, Malaga, Ancona, Vuenos-
Aires, Madras, Kalkutta, Biserta und viele andere.
Durch den Einfahrtkanal gelangt man in das
Hafenbecken. Dieses ist oft in einzelne Becken ge-
gliedert. Der vorderste Teil heißt der Außen- oder
Vorhafen, der innere der Binnenhafen. Man
hat zu unterscheiden zwischen künstlichen H. mit
offenen und folchen mit gefchlossenen Hafenbecken.
Überall, wo der Flutwechsel groß ist, wie z. V. an
der franz. Nordküste, wird der Binnenhafen durch
eine oder mehrere Schleufen gegen den Vorhafen
abgeschlossen. Die Schleusen werden nur zur Zeit
des Hochwassers geöffnet, sodaß also der Schiffs-
verkehr auf wenige Stunden des Tages beschränkt
ist; man baut gewöhnlichDoppelschleusen,um kleinere
zu können. Die Schleusenthore werden hydraulisch
oder durch Winden bewegt. In den Vorhäfen, wo
sich die Wassertiefen fortwährend ändern, können nur
kleine Fahrzeuge oder solche Schiffe, die das Auf-
demgrundeliegen vertragen, festmachen. Alle Lan-
dungsbrücken sind hier beweglich. Der Binnenhafen
lauch Flotthafen genannt), dessen Flutbecken (engl.
>v6t äocic, oder kurzweg äoc^; frz. da,38in g. tiot) sich
oft in viele einzelne Teile gliedern, die durch Schleufen
miteinander in Verbindung stehen, hat immer gleiche
Wassertiefe. Gewöhnlich sind seine Becken aus dem
Lande ausgegraben oder aus durch Dämme abge-
sperrten Meeresteilen ausgebaggert; die Tiefe richtet
sich nach der der größten Schiffe, deren Verkehr im
H. erwünfcht ist, oder häufig auch nach den Tiefenuer-
hältnisscn in und vor der Hafeneinfahrt, z. B. bei
Flüfsen. Alle Flutbecken sind an ihren Rändern
durch steinerne Böschungen eingefaßt, neben denen
die Schiffe liegen können; man nennt diefe Anlagen
Kaj en (frz. quai; engl. <iuai). Oft ist mit den Flut-
becken noch ein sog. Spülbecken verbunden, das
den Zweck hat, eine möglichst große Wassermasse
während der Flut zu sammeln, die dazu verwendet
wird, während der Ebbe die Haseneinfahrt zu
spülen. Beispiele geschlossener H. sind Wilhelms-
haven, Vremerhaven, Rotterdam, Amsterdam, Ant-
werpen, Düntirchen, Calais, Havre, Cherbourg,
St. Malo, ^t^Nazaire, Bordeaux, London, Hüll,
Portsmouth, southampton, Bristol, Cardiff, Liver-
pool, Glasgow, Newcastle, Kalkutta, Buenos-Aires.
Wie man sieht, haben die meisten bedeutenden See-
handelsplätze mit dem Nachteile der geschlossenen
Becken zu rechnen. Offene Binnenhäfen werden dort
gebaut, wo der Flutwechsel nur gering ist, z. B. in
Hamburg, Curhaven (noch im Bau), Bremen, Kap-
stadt, Karatschi, Bombay; natürlich in allen Ostsee-
Hasen, da hier gar kein merklicher Flutwechsel ist.
ZujedemH. gehören Betrieb Zeinrichtungen,
die das Ein- und Auslaufen und Festmachen der
Schisse erleichtern. Hierzu rechnen Leuchttürme,
Signalstationen, Lotsenstationen, Tonnen und
Baken zur Bezeichnung des Fahrwassers, Nebel-
signalapparate und Rettungsboote. Ferner muß in
jedem größern H. Gelegenheit sein, Schiffe auszu-
bessern. Hierzu sind Werften und Trockendocks (f.Dock)
nötig; diefe befinden sich gewöhnlich an den Rändern
der Flutbecken. Ferner müssen Kohlenlager in jedem
H. sein. Viele H. haben auch Schiffbauwerften mit
Hellingen und Patenthellingen (Schlipps), wo neue
Schiffe gebaut werden können. Maschinenwerkstätten
sind mit den Werften verbunden. Um die Schiffe
schnell mit Kohlen zu versehen, haben die Kaien be-
sondere Einrichtungen, Kohlenschütten u. dgl. Um
l^chiffsgüter aller Art und Proviant aus- und ein-
laden ("löfchen und laden" seemännisch gesagt) zu
können, sind Hebekräne auf den Kajen, die jetzt
meist durch Dampf getrieben werden und auf Schie-
nen verschiebbar sind, je nach der Lage des Schiffs.
Nachts werden die Flutbecken der großen Seehäfen
elektrisch beleuchtet, um die Arbeit zu fördern und
auch um Schiffe die Schleufen bei Hochwasser pas-
sieren zu lassen.
Dem Zwecke nach unterscheidet man: 1) Kriegs-
häfen (s. d.), 2) Handelshäfen, 3) Zuflucht- oder
Nothäfen, 4) Fifchereihäfen.
In denHandelshäfen kommt es darauf an, daß
alle Einrichtungen für das Ausladen und Beladen
der Schiffe möglichst gut getroffen sind; man be-
urteilt desbalb oft die Leistungsfähigkeit eines Han-