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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hebräische Schrift - Hebräische Sprache

Zeit zusammengestellt worden. Hierbei ist es zugleich vielfach zu einer Überarbeitung und Ergänzung der ältern Stücke gekommen. Diese Thätigkeit bildet die Brücke zur apokalyptischen Schriftstellerei, die ihre Weissagungen in den Mund einer religiösen Größe der Vergangenheit legt (s. Apokalyptik).

Hebräische Schrift, s. Quadratschrift.

Hebräische Sprache, die Sprache der alten Israeliten und Juden und ihrer im Alten Testament gesammelt vorliegenden Litteraturüberreste. Im Alten Testament selbst wird sie teils Sprache Kanaans, teils jüd. Sprache genannt; der Name H. S. kommt zuerst im Vorwort des Sirachbuches und im Neuen Testament vor, doch wird damit im Neuen Testament auch die zur Zeit Jesu übliche aramäische Landessprache bezeichnet. An anderweitigen Denkmalen des Hebräischen hat man nur wenige Inschriften, namentlich die 1880 gefundene Siloah-Inschrift (s. Siloah). Die Sprachdenkmale des Alten Testaments umspannen, wenn man das Lied der Debora als ältestes, das Buch Daniel als jüngstes Zeugnis nimmt, einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren. Die sprachlichen Differenzen im Alten Testament sind im ganzen unerheblich, was sich nur daraus erklären läßt, daß uns sein Text nur in einer schulmäßigen und daher nivellierenden Bearbeitung erhalten ist. Die H. S., die mit ganz geringen Verschiedenheiten auch von den Kanaanäern und Phöniziern und deren Kolonien, wie von den Moabitern (vgl. die Inschrift Mesas), wahrscheinlich aber auch von den Ammonitern, Edomitern und nomadisierenden Stämmen des südl. Palästinas gesprochen worden ist, bildet einen der Zweige des großen semit. Sprachstammes. Wie dies die geogr. Lage bedingt, berührt die H. S. sich in einzelnen grammatischen und lexikalischen Eigentümlichkeiten mehr mit den aramäischen, in andern mehr mit den arab. Dialekten. Ihre Beziehungen zum Assyrisch-Babylonischen sind noch wenig aufgeklärt. In Palästina ist das Hebräische allmählich seit dem 4. Jahrh. v. Chr. durch das Westaramäische zurückgedrängt worden. Zur Zeit Christi war es im Munde des Volks erloschen, wiewohl die Schriftgelehrten eine Fortbildung desselben gebrauchten, in der der ältere Teil des Talmud (Mischna) geschrieben ist (s. Rabbinische Sprache). Das älteste aramäische Schriftstück des Alten Testaments steht im Buche Esra. Starke Beeinflussung durch das Aramäische zeigen die Bücher Hiob, Koheleth und Psalmen. (Vgl. über diesen Prozeß Stade und O. Holtzmann, Geschichte des Volkes Israel, Bd. 2, Berl. 1888, S. 196 fg.) Im Zusammenhang damit wurde die althebräische Schrift zuerst im profanen Gebrauch, später auch beim Abschreiben der Bibel durch die Quadratschrift (s. d.) verdrängt.

Die grammatische Behandlung des Hebräischen ist spätern Ursprungs. Ihre Grundlage wie ihr ältester Beleg ist die Punktation, d. h. die Fixierung der in der Synagoge üblichen Aussprache durch eine den Konsonanten beigegebene Zeichenschrift, was ohne, wenn auch primitive, grammatische Erwägungen nicht möglich war. Daß grammatische Schulen vorhanden waren, lehrt der Umstand, daß es zwei Punktationssysteme giebt, das in unsern Drucken gebrauchte tiberiensische und das sog. assyrische oder babylonische. Noch sicherer geht dies daraus hervor, daß die überlieferte Punktation nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten verfährt; vielmehr sind oft als isolierte Reste Spuren abweichender Schulmeinungen erkenntlich. Die natürliche Fortsetzung bilden die Beobachtungen der Masoreten, welche die Eigentümlichkeiten des überlieferten Textes festlegen und sie in einzelnen Schriften zu erklären und zu begründen suchen. Ein wissenschaftlicher Zug kam jedoch in die Grammatik des Hebräischen erst durch Anregungen, die von den arab. Nationalgrammatikern ausgingen. Von diesen ist die mittelalterliche jüd. Grammatik durchaus abhängig. Viele jüd.-grammatische Werke sind daher arabisch geschrieben. Unter den alten Nationalgrammatikern sind besonders nennenswert: Jehuda Chajug (um 1020), Abraham ben-Esra (um 1150) und David Kimchi (um 1190-1200). Als Begründer des hebr. Sprachstudiums unter den Christen gilt Joh. Reuchlin (gest. 1522), der sich jedoch, wie die Grammatiker der nächstfolgenden Zeit bis auf Joh. Buxtorf (gest. 1629), im wesentlichen ganz an die jüd. Überlieferung und Methode hielt. Eine neue Epoche begann, als sich durch das unter den Christen aufblühende Studium der semit. Schwestersprachen der Gesichtskreis erweiterte. Namentlich wußten Alb. Schultens (gest. 1750) und Nik. W. Schröder (gest. 1798) das Arabische für die hebr. Grammatik fruchtbar zu machen. Die Einseitigkeit der sogenannten holländ. Schule hierbei suchten die deutschen Grammatiker zu vermeiden. Besonders waren es Gesenius (s. d.), der, vielfach angeregt von Silvestre de Sacys grammatischer Bearbeitung des Arabischen, durch umfassende Beobachtung und übersichtliche Gruppierung des empirisch vorliegenden Sprachstoffs sich Verdienste erwarb, und Ewald (s. d.), der das rationelle Verständnis der H. S. als eines geistigen Organismus nach histor.-genetischer, aber vielfach sehr willkürlicher Methode sich zur Aufgabe machte. Der bedeutendste neuere Grammatiker ist J.^[Justus] Olshausen (s. d.). Sein Hauptverdienst ist die genaue Sonderung des verwendbaren Materials und die Einsicht, daß die überlieferten Formen aus einer ältern Sprachgestalt zu erschließen seien. Er ging jedoch darin fehl, daß er bei Bestimmung dieser zu einseitig das Klassisch-Arabische benutzte. Olshausens "Lehrbuch der H. S." (Braunschw. 1861) hat keine Syntax. F. Böttchers "Ausführliches Lehrbuch der H. S." (2 Bde., Lpz. 1866-68) ist eine umfangreiche Stoffsammlung. Nach Olshausens Principien sind gearbeitet A. Müllers "Hebr. Schulgrammatik" (Halle 1875) und G. Bickells "Grundriß der hebr. Grammatik" (2 Abteil., Lpz. 1869-70). Auf dem von Olshausen gelegten Grunde hat unter Vermeidung der Einseitigkeiten Olshausens weiter gebaut B. Stade, "Lehrbuch der H. S." (Tl. 1, Lpz. 1879, ohne Syntax). Nützlich durch die darin gegebene kritische Übersicht über die bisherigen grammatischen Theorien ist F. E. Königs "Histor.-kritisches Lehrgebäude der H. S." (1. Hälfte, Lpz. 1881). Kleinere, oft recht bedenkliche Schulgrammatiken giebt es sehr viele. Eine der bessern ist die Hollenbergs (7. Aufl., Berl. 1889). Gesenius’ Schulgrammatik hat E. Kautzsch dem neuern Stande der Wissenschaft anzupassen unternommen (25. Aufl., Lpz. 1889). Gesenius’ Lehrgebäude und Ewalds ausführliches Lehrbuch haben histor. Wert durch die Rolle, die sie in der Geschichte der hebr. Grammatik gespielt haben. - Das umfassendste lexikalische Werk ist Gesenius’ "Thesaurus linguae hebraicae" (vollendet von Rödiger, 3 Bde., Lpz. 1829-58); von Handwörterbüchern sind zu nennen die von Gesenius (11. Aufl., von Mühlau und Volck, 2 Bde., ebd. 1890) und von