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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Heerrauch - Heerwesen Europas
Stellvertreter desselben in dem eroberten Preußen,
Oberbefehlshaber und zweiter Würdenträger und
entsprach dem Großprior des Johanniterordens
oder dem Johannitermeister.
Heerrauch, s. Höhenrauch.
Heerschau, s. Parade und Revue.
Heerschild, die Rangordnung der Vasallen
(s. d.) im Lehnsstaat. Ursprünglich hatte der H. drei
Stufen: den König, die Fürsten, die freien Herren.
Wer von einem Heerschildgenossen ein Lehn nahm,
trat im H. eine Stufe tiefer als sein Lehnsherr.
Deshalb spaltete sich die Stufe der Fürsten, indem
die weltlichen vielfach von den geistlichen Lehn tru-
gen. Nach dem Sachsen- und Schwabenspiegel gab
es im 12. Jahrh. 7 H.: den 1. H. hatte der König,
den 2. H. hatten die geistlichen Fürsten, den 3. die
weltlichen Fürsten, den 4. die freien Herren, den
5. die Bannerherren, den 0. die Ritter und den
7. die Nicht-Nitterbürtigen, genannt Einschildige.
Seit dem 14. Jahrh, geriet der H. wie das gauze
Lehnswesen in Verfall. - Vgl. I. Ficker, Vom H.
(Innsbr. 1862); R. Schröder Lehrbuch der deutschen
Rechtsgeschichte (Lpz. 1889).
Heerschnepfe, s. Vecassinen.
Heerstraße (lat. via inilitarig, via r6Fia), jede
Straße, aus der Truppen marschieren können.
Heerwesen Europas. Schon die alten Kultur-
völker des Orients, die Assyrer, Vabylonier, Meder
und Perser sowie die Ägypter hatten wohlgeordnete,
disciplinierte Heere, bestehend aus Fußvolk, Reitern
und Wagenkämpfern, aber erst die Griech en haben
es verstanden, die Kriegsemrichtungen weiter fort-
zubilden und mit geringen Strcitkräften die großen
Truppenmafsen der Perser zu schlagen. Das Heer-
wesen des Homerischen Zeitalters ähnelt freilich
uoch ganz dem der orient. Völker. Die Helden fahren
auf Streitwagen in die Schlacht, die zum großen
Teil in Einzelkämpfen besteht. Bald kamen jedoch
diese Wagen außer Gebrauch, und das schwer be-
waffnete Fußvolk, die Hopliten (s. d.), bildete den
Schwerpunkt der griech. Streitmacht. In Sparta
trat zum erstenmal ein streng organisiertes stehen-
des Heer auf. In geschlossener Reihe (s. Phalanx)
rückte die Linie der Schwerbewaffneten vor, und eben
in diefem festgeschlossenen Zusammenhalten lag die
Vortrefflichkeit des spartan. Fußvolks. Wehrpflichtig
waren alle Spartiaten vom 20. Jahr an, außer
ihnen wurden auch im Fall des Bedarfs Periöken
und Heloten als Hopliten verwendet. Von viel ge-
ringererVedeutung als dieHopliten waren die Leiä)t-
bewaffneten und die Reiterei im spartan. Heer und
in denen der übrigen griech. Staaten, die auch sonst
in ähnlicher Weise wie das spartanische organisiert
waren, nur lag in Athen der Schwerpnnkt in der
Flotte, während in Vöotien und Thessalien die beste
Reiterei heimisch war. Die Leichtbewaffneten, Pel-
tasten (s. d.), gelangten erst durch die Reformen des
Iphikrates zu erhöhter Bedeutung.
Den Römern war es vorbehalten, das antike
Heerwefen zur Vollendung zu bringen. Schon in
ältester Zeit war die größte taktische Einheit die
Legion (s. d.), die ebenfalls in geschlossener Reihe,
der Phalanx, in den Kampf rückte. Später wurde
sie in drei Treffen, die ka^tati, princip68 und tii^rii
gegliedert. Die Legion war anfangs .3000, fpäter
4200 Mann stark, sie zerfiel in 30 Manipel, der
Manipel in je 2 Centurien. Jeder Centurie waren
20 Leichtbewaffnete (v6lit68) beigegeben, die häufig
aus Söldnern bestanden. Außerdem gehörten zujeder
Legion 300 Reiter, die in 10 Schwadronen (wi-mae)
zerfielen; später wurde die Reiterei im Verhältnis
zum Fußvolk bedeutend vermehrt. Etwa seit dem
zweiten Punischen Kriege wurde die Legion auf 5 bis
6000 Mann erhöht und eine neue taktische Einheit
geschaffen, die Kohorte (s.d.) von 5 bis 600 Mann,
doch wurde diefe Einteilung wahrscheinlich erst durch
Marius vollkommen durchgeführt. Zur Zeit der
Republik war jeder röm. Bürger vom 17. bis
46. Jahre dienstpflichtig, wenn auch die wirkliche
Dienstzeit in der Regel ^höchstens 20 Jahre betrug.
Allmählich suchten sich aber die Besitzenden mehr
und mehr dem Kriegsdienst zu entziehen, und an
Stelle der Aushebung trat die Werbung, bis
schließlich in der Kaiserzeit die Heere fast ganz aus
Söldnern bestanden.
In den alt germanischen Heereseinrichtungen
sind in ältester Zeit von dem Heerbann (s. d.), dem all-
gemeinen Aufgebot, die fog. Gefolgschaften (s. Ge-
folge) zu unterfcheiden, denen allerdings nicht die
Bedeutung zukommt, die man ihnen vielfach bei-
gelegt hat. Der Heerbann, d. h. das Recht, das
Volksheer einzuberufen und zu entlassen, stand dem
König zu, doch wurde der Beschluß zu einem Kriegs-
zuge noch bis ins 11. Jahrh, hinein in öffentlicher
Volksversammlung gefaßt. Die stärkere Waffe war
das Fußvolk, doch wird bei manchen Völkerschaften
auch die Reiterei gepriefen. Außerdem war es ge-
bräuchlich, Fußvolk unter die Reiterei zu mischen, wie
dies Cäsar ("Oe dkiio Failico", 1,48) schildert. Der
Angriff des Fußvolks erfolgte in wütendem An-
sturm in keilförmiger Schlachtordnung in der Ab-
sicht, die feindliche Schlachtreihe zu durchbrechen.
Gemäß der Einteilung des Volks in Gaue, Hun-
dertschaften und Gemeinden war auch die Eintei-
lung des Heers. Das Recht und die Pflicht des
Waffentragens kam jedem Freien zu. Später, zur
Zeit der Merowinger und Karolinger, waren nur die
grundbesitzenden Freien zum Kriegsdienst verpflich-
tet, und dieser Umstand bewog viele, um sich der
Last des Heerdienstes zu entziehen, ihr Besitztum
von geistlichen und weltlichen Großen zu Lehen zu
nehmen. Diese Ausbildung des Üehnswesens lei-
stete der Umwandlung der Volksheere in schwer
gerüstete Reiterheere wesentlichen Vorschub und be-
wirkte, daß endlich die durch besondere kriegerische
Übuug geschulten Ritter (s. Nitterwesen) in allen
abendländ. Reichen das Fußvolk fast ganz ver-
drängten, und daß an Stelle des Heerbanns Lehns-
oder Vasallenheere traten.
Mit dem Emporkommen des Bürgertums und dem
Wachsen der Städte trat ein Umschwung ein. In den
lombard., niederländ., namentlich aber in den deut-
schen Städtenbildetedie streitbare und gutbewaffnete
Bürgerschaft einen wichtigen Teil der Streitmacht
des Üandes. In Frankreich und England suchten die
Könige den alten Heerbann als Gemeindemiliz wie-
der zu beleben, und schon in der Schlacht bei Crecy
(1346) errangen die engl. Bogenschützen (s. d.) einen
glänzenden Sieg über die schwer gepanzerten franz.
ßlitter. Unter Karl VII. begann in Frankreich die
Errichtung stehender Heere (1445 Ordonnanzcom-
pagnien, 1448 Freischützen), doch wurden sie vor-
zugsweisedurchWerbungaufgebracht. DieOsmanen
hatten bereits im 14. Jahrh, ein stehendes Heer ge-
schaffen (s.Ianitscharen) und dadurch ein entschiede-
nes Übergewicht über die Sold- und Lehnstruppen
der christl. Staaten gewonnen. In Rußland waren
die Strelitzen die erste stehende Truppe.