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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Heidelberg
zu keinem kräftigen Gedeihen gelangen. Durch die
Nevolutionskriege verlor sie ihre sämtlichen Ein-
künfte an Gütern und Gefallen in der linksrhein.
Pfalz und hätte sich auflösen müssen, wenn sie
nicht durch Kurfürst Karl Friedrich von Baden,
welchem die rechtsrhcin. Pfalz durch den Reichs-
deputationshauptschluß von 1803 zuaefallen war,
erheblich unterstützt und als "Hohe Landesschule"
neu gegründet worden wäre. Sie führt seitdem zur
Erinnerung an ihre Stifter den Namen Ii.up6i-w-
l^i-ola.. Sie wurde in fünf Sektionen (Fakultäten)
eingeteilt: die kirchliche, staatsrechtliche, ärztliche,
staatswirtschaftliche und allgemeine (philofophifche).
Die staatswirtsckaftliche wurde 1822 mit der phi-
losophischen vereinigt und 1890 eine naturwissen-
schaftlich-mathematische als fünfte Sektion abge-
trennt. (Vgl. Hautz, Geschichte der Universität H.,
2 Bde., Mannh. 1862-64; Toepke, Die Matrikel der
Universität H. von 1386 bis 1662, Heidelb. 1884
-89; Winkelmann, Urkundenbuch der Universität
H., 2 Bde., ebd. 1886; Thorbecke, Die älteste Zeit der
Universität H. 1386-1449, ebd. 1886, und Statuten
und Reformationen der Universität vom 16. bis
18. Jahrh., Lpz. 1891; Minerva, Jahrbuch der ge-
lehrten Welt, Straßb. 1893.) - Die Zahl der Docen-
ten beträgt (1893) 117, der Studierenden 1294. Die
ältesten Gebäude der jetzigen Universität sind 1712
-15 errichtet. Zur Universität gehören 29 Semi-
nare, Kliniken, Institute, Sammlungen und Labo-
ratorien, für die in den letzten Jahrzehnten neue Ge-
bäude errichtet sind, so die Anatomie (1848), das
chem. Laboratorium, 1855 sürBunfen errichtet, 1891
bedeutend vergrößert, der Friedrichsbau (1863) mit
dem anatom. Museum und der bedeutenden Mine-
raliensammlung, das physiol. Institut (1875), das
aus 16 getrennten Gebäuden bestehende Kranken-
haus (1876), der neue botan. Garten und die
Irrenklinik (1877), die neue Entbindungsanstalt
(1884), das hygieinische Institut (1891) und das
im Bau begriffene zoolog. Museum. Von der Nid1io-
tdeca I^i^tina (f. oben) erhielt die Universitäts-
bibliothek 1816 durch den Pariser Frieden 38 der
wertvollsten Handschriften, die infolge des Frie-
dens von Tolentino (1797) nach Paris gewandert
waren, und dann, auf Verwendung von Asterreich
und Preußen, sämtliche (854) altdeutsche Hand-
schriften zurück. Die Universitätsbibliothek zählt
über 400000 Bände mit über 1000 Inkunabeln,
175000 Dissertationen und Broschüren, 3350 Co-
dices, 2512 Aktenfascikel und 2495 Handschriften,
darunter feit 1888 die große sog. Manessische Hand-
schrift (s. d.). (Vgl. Wi'lken, Gefchichte der Bildung,
Beraubung und Vernichtung der alten Heidelberger
Büchersammlungen, Heidelb. 1817; Vähr, Ent-
führung der Heidelberger Biblothek, Lpz. 1845;
Bartsch, Die altdeutschen Handschriften der Univer-
sitätsbibliothek in H., Heidelb. 1887; von Oechel-
häuser, Die Miniaturen der Universitätsbibliothek
zu H., Tl. 1, ebd. 1887.) Das archäol. Institut
hat eine Sammlung von Gipsabgüssen. Im Aug.
1886 wurde das fünfhundertjährige Jubiläum der
Universität unter großen Festlichkeiten gefeiert.
Weiter hat H. ein Gymnasium, 1808 aus dem
1546 gegründeten reform. und dem 1705 gegrün-
deten kath. Jesuiten-Gymnasium hervorgegangen
(Direktor vr. Uhlig, 18 Lehrer, 15 Klassen, 407
Schüler), eine Realschule, früher höhere Bürger-
schule, Gewerbeschule, höhere Mädchenschule mit
Lehrerinnenseminar (Direktor Thorbecke, 17 Lehrer,
18 Klassen, 380 Schüler) und zahlreiche private Er-
ziehungsinstitute. Unter den wissenschaftlichen Ver-
einen nehmen der Historifch-Philofophifche Verein,
der Naturhistorisch-Medizinische und die neu gegrün-
dete Chemische Gesellschaft den ersten Rang ein.' Der
bedeutendste gesellige Verein ist das Museum mit
wohleinaerichtetem Gebäude am Ludwigsplatz und
sehr reichem Lesezimmer. Hier befindet sich auch eine
kleine Bildersammlung des Kunstvereins, in der na-
mentlich Rottmann, Feuerbach, Fries und andere
Heidelberger Maler vertreten sind. Ferner hat H.
ein Theater, ein Waisenhaus, eine Reichsbankneben-
stelle, Handelskammer für den Kreis H. und die
Stadt Eberbach und eine Gewerbebank, eine Feuer-
bestattungsanstalt (seit 1891).
An industriellen Etablissements hat H. eine groß-
artige Cementfabrit, Tabak- und Cigarrenfabriken
(vor allem die der Gebrüder Landfried), die Fabrik
von Feuerlöfch - und Rettungsapparaten, gegrün-
det von Karl Metz (s. S. 953d), eine große Kunst-
wollfabrik, Fabriken von chirurg. und mathem. In-
strumenten und Leder sowie Brauereien. Aus den
Höhen um H. wachsen Neben, Kastanien, Mandeln
und Kirschen, mit welchen letztern ein bedeutender
Handel nach Holland und England getrieben wird;
in der benachbarten Ebene werden vielfach Handels-
gewächse, wie Tabak und Hopfen, gebaut.
Umgebung. Oberhalb des Schlosses (301 m
ü. d. M.) befindet sich die Anhöhe, auf welcher früher
die ältere Burg stand, welche Konrad von Hohen-
staufen, Bruder Kaiser Friedrichs I., gegründet
haben und wo er 1195 gestorben sein soll. Die-
selbe wurde 1537 durch den Blitz und eine Pulver-
explosion zerstört; jetzt befindet sich daselbst eine Wirt-
schast, die sog. Molkenkur, zu welcher seit 1888 vom
Kornmarkt aus am Schlosse vorüber eine Drahtseil-
bahn sür Personenbeförderung führt. Südöstlich
davon der Königsstuhl (568 m) mit Aussichtsturm
(29 m), südwestlich der Gaisbergturm (376 m). Auf
dein rechten Ncckarufer liegt der Heiligenberg (381 m)
mit Aussichtsturm und auf halber Höhe der Phi-
lofophenweg, der sich unfern vom Ufer am Berge
von Neuenheim bis zur Hirfchgasse hinzieht und
einen prächtigen Blick auf Stadt, Schloß und Thal
bietet. Östlich von H. zieht sich das Dorf Schlierbach
3 kni am linken Neckarufer entlang.
Gefchichte. Auf dem Boden des Bergheimcr
Stadtviertels bestand bis in das 3. Jahrh, eine
Kolonie röm. Bürger, von der in neuern Zeiten
zahlreiche Überbleibsel gefunden wurden. Die Ent-
stehung der jetzigen Stadt, ursprünglich ein Lehn
der Bischöfe von Worms, geht wohl nicht über das
12. Jahrh, zurück. Urkundlich kommt der Name H.
1196 zum erstenmal vor. Pfalzgraf Otto der
Erlauchte (1228-53), aus dem Hause Wittelsbach,
verlegte seine Residenz von Stahleck bei Bacharach
hierher. H. blieb nun Hauptstadt der Pfalz bis 1720.
Im 1.1556 wurde hier die Reformation eingeführt,
1563 erschien der in fast alle Kultursprachen über-
setzte Heidelberger Katechismus (s. d.), als Ausdruck
der Calvinischen Glaubensanschauung; 1622 wurde
die Stadt von Tilly erobert und geplündert und
von den Franzosen unter Mölac 1689 teilweise und
1693 völlig zerstört und in eine menschenleere Ode
verwandelt. 1718 verlegte der kath. Kurfürst Karl
Philipp seine Residenz wieder nach H. und fing an,
das Schloß zu restaurieren, geriet aber mit seinen
reformierten Unterthanen in Streit, denen er die
Heiliggeistkirche wegnehmen wollte, und zog 1720