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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Heinrich V. (König von England) - Heinrich VI. (König von England)
hob sich bald aufs neue, muhte aber, währeud seine
Genossen hingerichtet wurden, nach Schottland
fliehen; in mehrern Feldzügen warf darauf der
Prinz von Wales (s. Heinrich V.) nun aucy die
Erhebung Owen Glendowers nieder. Aus allen
diesen Wirren zog den Hauptvorteil das Parla-
ment. Während H. den rebellischen Adel nieder-
warf, erhielt der mittelalterliche Verfassungsstaat
seinen Abschluß. Das Unterhaus übte Minister-
anklage, Kontrolle der Beamten, der königl. Politik
und Staatsverwaltung und sicherte seine Wahlen
gegen jeden Negierungseinfluß. H. war geradezu
ein konstitutioneller Monarch im modernen Sinn
des Wortes. Die Usurpation, mit der er begann,
hat sich reichlich an ihm gerächt. In den Sorgen
und Mühen ununterbrochener Kriege und Empörun-
gen wurde die Kraft diefes befähigten und willens-
starken Mannes vor der Zeit aufgerieben, er starb
20. März 1413. Der Preis seiner Kämpfe war, daß
er den eroberten und so viel umstrittenen Thron sei-
nem Sohn, Heinrich V., unangefochten hinterlassen
tonnte. - Vgl. Pauli, Geschichte von England, Vd. 5
(Gotha 1858); Gairdner, 11i6 II0U868 oll^Hnc^ter
anä Vork (Lond. 1874); Wylie, lliLwr? ok Vn^nä
unäer Hsin-? IV., Bd. 1 (ebd. 1884); Stubbs, Oon-
Ltiwtionai llistorv, Bd. 3 (4. Allst., ebd. 1890).
Heinrich V., König von England (1413-22),
geb. 29. Aug. 1387 als Sohn Heinrichs IV., erhob
seine kurze Negierung zu der kriegerisch glanzvoll-
sten Zeit des cngl. Mittelalters. Als Kronprinz
kämpfte er entscheidend mit bei Shrewsbury gegen
Percy Heißsporn und gegen die Waliser. Die
tollen Streiche seiner Jugend, die Shakespeare in
Heinrich IV. so unvergleichlich geschildert hat, sind
nicht gänzlich in das Reich der Fabel zu verweisen,
wenn auch die überlieferten Einzelheiten erdichtet
sind. Er war eine Natur von übersprudelnder Kraft,
die in der Jugend austobte, von dem Augenblick
der Thronbesteigung an aber ganz in ihrem hohen
Berufe aufging. Er begann feine Negierung mit
einer allgemeinen Amnestie, sonst blieb er ganz in
den Bahnen seines Vaters und regierte von An-
fang an mit Rücksicht auf das Parlament und die
Geistlichkeit, der er die Lollharden, die Anhänger
Wiclifs, preisgab, gegen die schon 1414 neue und
härtere Ketzergefetze ergingen. Im Mittelpunkte
seiner Negierung stand seine Kriegspolitik, die ihn
zum Herrn Frankreichs machte. Sein Anspruch,
den er auf die franz. Krone erhob, und der Krieg,
den er mit Benutzung der zerrütteten Zustände
Frankreichs unter dem wahnsinnigen Karl VI. be-
gann, hatten kaum einen rechtlichen Grund, noch
weit weniger als Eduards III. Thronansprüche.
1415 segelte er nach der Normandie, nahm Har-
fleur, geriet aber mit seinen von Hunger und Seuchen
geschwächten Truppen gegenüber der großen heran-
rückenden Heeresmacht des Feindes in die schwierigste
Lage. Es war die glänzendste Probe seines kalt-
blütigen Mutes und seines Feldherrntalents, daß
er mit geschickter Benutzung des Geländes über
den weit überlegenen Gegner bei Azincourt (s. d.)
25. Okt. 1415 einen vollständigen Sieg errang. Doch
war es zunächst nur eine glänzende Wasfenthat,
ohne den entsprechenden polit. Erfolg. 1417 er-
schien er deshalb von neuem in Frankreich, 1419
war er nach dem Fall von Nouen Herr der Nor-
mandie. Die parteiische Zerklüftung kam H. zu
gute; diese ging so weit, daß der Herzog Philipp
der Gute von Burgund sich mit ihm verband und
die Königin Isabeau ebenfalls auf seine Seite trat.
Im Frieden von Troyes (21. Mai 1420) wurde
H.s Anrecht auf die franz. Krone anerkannt und
zugleich seine Verlobung mit Karls VI. Tochter
Katharina gefeiert. H. trat als Regent Frankreichs
auf und wurde von den Neichsständen zu Paris mit
übergehung des Dauphin, des spätern Karls VII.,
als Nachfolger Karls VI. anerkannt. Seine Kriegs-
thaten wirkten auf die Heimat zurück, bedingungs-
los machten die Parlamente dem königl. Sieger
ihre Bewilligungen, ja sie sprachen ihm die Zölle,
das Pfund- und Tonnengeld sogar auf Lebenszeit
zu. Im weitern Kampf mit dem Dauphin wurde H.
von tödlicher Krankheit ergriffen und starb 31. Aug.
1422 zu Vincennes. Er hinterließ aus seiner Ehe
mit Katharina nur einen unmündigen Sohn, Hein-
rich VI. - Vgl. Pauli, Geschichte von England,
Vd. 5 (Gotha 1858); Vrougham, IliZtoi^ ok NriZ-
lanä unäki- tk6 Ü0U86 ok I^nea8t6i- (Lond. 1852;
neue Aufl. 1861); Stubbs, OonFtiwtionai H^toi-^,
Bd. 3 (4. Aufl., ebd. 1890).
Heinrich VI., König von England (1422-
61), geb. 6. Dez. 1421 zu Windsor, war ein Kind von
wenigen Monaten, als sein Vater, Heinrich V., auf
derHöhe seines Nuhms starb und ihm dieKronenvon
England und Frankreich hinterließ. Die fast vierzig-
jährige Negierung H.s, der auch in den Mannbs-
jahren geistig unmündig blieb, brachte eine Zeit all-
gemeinen Verfalls innen wie außen für England,
die in einen dreißigjährigen verheerenden Bürger-
krieg auslief. Da der ältere von H.s Oheimen, der
Herzog John von Bedford, in Frankreich im Felde
stand, um H.s Ansprüche auf den franz. Thron zu
behaupten, so erhielt der jüngere, der Herzog Hum-
phrey von Gloucester, den Vorsitz im Geheimen
Nat. Bedfords treffliche Kriegführung wurde durch
Gloucesters ehrgeizige Umtriebe sehr behindert,
durch die Erscheinung der Jungfrau von Orleans
erfolgte der entscheidende Umschwung zu Ungunsten
Englands. Wohl wurde nach ihrer Hinrichtung H.
noch 16. Dez. 1431 in Paris gekrönt, aber der Rück-
gang der engl. Sache war unaufhaltsam. 1435
starb Bedford, Philipp der Gute von Burgund trat
auf die Seite Karls VII., mit größter Anstrengung
hielt der tapfere Talbot die Normandie, Maine und
Picardie. Von fchlimmstem Einfluß war der Hader
unter den Führern der engl. Regierung. H. stand
ganz unter dem Einfluß seiner Gemahlin Marga-
rete von Anjou, mit der er seit 1445 vermählt war,
und ihres Günstlings Suffolk. Damit erreichte die
Macht ihres Widersachers Gloucester ein Ende, den
sie 1447 aus dem Wege räumten. In Frankreich
nahmen die Dinge einen immer ungünstigern Ver-
lauf. Bis 1450 ging die Normandie, im folgenden
Jahre die Guyenne verloren, nach einem letzten ver-
geblichen Nettungsverfuch Talbots 1453 waren den
Engländern alle franz. Besitzungen bis auf Calais
für immer entrissen. In England zeigte sich längst
Unzufriedenheit über die elende Negierung, 1449
fiel der Günstling der Königin, Suffolk, als Opfer
der Erbitterung, und endlich brach ein offener von
Kent ausgehender Volksaufstand aus. Unter der
Führung von John Cade (s. d.) drangen die Ban-
den in London ein, doch wurden sie zurückgeschla-
gen, Cade selbst kam um (1450). Neue Verwirrung
erregten die Kronansprüche des ehrgeizigen Herzogs
Richard von Jork. Bei einer Erkrankung H.s er-
langte er das Protektorat (1454). Die Bemühun-
gen der Königin, ihm dasselbe wieder zu entziehen,