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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Heinrich VIII. (König von England)
1521 ausbrechenden ersten Krieg zwischen Franz I.
und Karl V. England neutral zu halten. Aber die
eitle Kriegslust des Königs, geschürt von einer dem
Kardinal feindlichen Hofpartei, zwang ihn zum An-
schluß an Karl V. und zum Beginn eines Krieges
gegen Frankreich (1522 - 25), der nur dem Kaiser
nützen konnte. Die Geldanforderungen dieses Krieges
zwangen Wolsey zur Berufung des einzigen Par-
laments unter feiner Leitung (1523). Endlich ge-
lang es ihm, H. von dem unnützen Kriegsbündnis
abzubringen, er fchloß 6. Sept. 1525 den Separat-
frieden von Moor mit Frankreich, der England
große Geldzahlungen zusicherte.
Während er so die engl. Politik wieder in neu-
tralen Bahnen hielt, bereitete sich schon das folgen-
schwerste Ereignis von H.s Regierung vor, fein be-
rüchtigter Ehcfchcidungshandel. Es sind vergeb-
liche Versuche gemacht worden, des Königs Beweg-
gründe bei dieser Angelegenheit in günstigerm Lichte
erscheinen zu lassen; der wirkliche Änlasi war ledig-
lich Überdruß an der früh verblühten, fast sechs
Jahre ältern Gattin Katharina und die blinde
Leidenschaft für Anna Voleyn (s. d.). Diefe ver-
band sich mit der Wolfey feindlichen Hofpartei,
deren Häupter Annas Verwandte waren, vor allem
ihr Oheim Thomas Howard, Herzog von Norfolk.
Sie trieben den König geschickt tiefer und tiefer in
seine Leidenschaft zu Anna, bis zum Entschluß,
sie zu seiner Gattin zu erheben. 1523 hatten die
ersten Beziehungen H.s zu Anna begonnen, 1527
leitete man die Scheidung von Katharina ein; aber
Wolseys Versuche, dazu einen päpstl. Ehedispens
von Clemens VIl. zu erzwingen, scheiterten an der
damaligen polit. Lage. Dieser Mißerfolg gab feinen
hösifchen Feinden die Waffen gegen ihn in die Hand,
der launische Monarch ließ ihn fallen (1529) und
ging nun Schritt um Schritt vor, um zu ertrotzen,
wozu ihm der Papst den Beistand weigerte. So
erwuchs aus dem Scheidungshandel die kirchliche
Losreißung Englands von Rom. Hierfür gab ein
günstiges Geschick dem König einen neuen staats-
männischen Helfer zur Seite in Thomas Cromwell
(s. d.), der den Schritt blinder Leidenschaft zum
Zwecke einer wirklichen kirchlichen Reformation aus-
zunützen suchte. In Thomas Cranmer (s. d.), dem
Erzbischof von Canterbury, erhielt Cromwell den
kirchlichen Berater, H. ein gefügiges Werkzeug feines
Willens, indem dieser im Mai 1533 die alte Ehe des
Königs löste und die neue, bereits im Januar heim-
lich vollzogene mit Anna Voleyn für rechtsgültig
erklärte. H.s Gefallen an der endlich errungenen
Gemahlin danerte nur kurze Zeit. Sie täufchte
seine Hoffnung auf einen Sohn, 7. Sept. 1533 ge-
bar sie ihm eine Tochter, die spätere Königin Elisa-
beth. Als eine neue Rivalin, Johanna Seymcmr,
des Königs Herz gewonnen hatte, wurde sie gestürzt,
unter dem erlogenen Vorwande ehelicher Untreue
ließ H. sie 19. Mai 1536 hinrichten und heiratete
dald darauf feine neue Geliebte.
In diesen Jahren waren Cromwell und Cranmer
in ihren reformatorifchen Plänen ein gutes Stück
vorwärts gekommen, als H. ihnen Einhalt gebot,
dcnn er wollte keinen Schritt weiter gehen, als zur
Erreichung feiner persönlichen Zwecke notwendig
gcwefen, und dazu genügte die Trennung von Rom.
Englands Kirche sollte in Dogma und'Kultus ka-
tholisch bleiben, nur er wollte an des Papstes Stelle
an die Spitze treten. Dem entsprach die Supix^
matsaktc, die ihn zum obersten Haupt in Kircbc
und Staat erhob, der dogmatische Abschluß in den
ganz anf kath. Boden stehenden "Sechs Artikeln"
(1539), und nicht zuletzt die Säkularisation des ge-
samten Kirchengutes. (S. Anglikanische Kirche.) Wohl
hatten diese beginnenden Maßnahmen schon 1536
eine mächtige reaktionäre Volkserhebung in der
"Pilgerfahrt der Gnade" entflammt, sie wurde aber
niedergefchlagen, und des Papstes Bannbulle (1538)
blieb ohne Wirkung. Mit diefer Kirchenreform ge-
langte der königl. Absolutismus, den Heinrich VII.
begründet hatte, auf feine Höhe; willenlos gab das
Parlament feine Zustimmung zu allen Geboten des
Königs. Nach Johannas Tod, die den ersehnten
Thronerben, Eduard, 1537 geboren hatte, setzte
Cromwell 1540 des Königs Ehe mit einer prot.
Fürstin, Anna von Cleve, durch. Aber H.s Ab-
neigung gegen die geistig und körperlich wenig be-
vorzugte Gattin gab Cromwells Gegnern die er-
wünschte Gelegenheit, ihn zu stürzen. Wieder war
der Führer diefer Hofintrigue der Herzog von Nor-
folk, wieder fein Werkzeug eine Nichte, Katharina
Howard, deren Reize den König gefangen nahmen.
Cromwell wurde gestürzt und unter dem Vorwand
des Hochverrats hingerichtet (28. Juli 1540). Aber
auch Katharina Howard, die kurz darauf, nachdem
H. sich von Anna hatte fcheiden lassen, seine Gattin
wurde, verfiel dem Schicksal Anna Boleyns und
Cromwells. Die Beschuldigung der Untreue war bei
ihr obendrein besser begründet, schon 6. Febr. 1542
starb sie auf dem Schafott. Katharina Parr wurde
1543 die sechste Gemahlin H.s und überlebte ihn.
In der äußern Politik hatte die Scheidung von der
ersten Gattinund die ihr folgende Gegnerschaft gegen
Spanien H. znm engsten Anfchluß an Frankreich ge-
trieben, der erste Beginn reformatorischer Thätigkeit
führte zu einem mißglückten Annäherungsversuch
an die deutschen Protestanten. In einem Kriege mit
Jakob V. von Schottland siegten die Engländer
glänzend bei Solway Moß (1542), H. trug sich so-
gar mit der Idee einer Union der beiden Reiche.
1543 trat er nochmals als Bundesgenosse Karls V.
in dessen Krieg gegen Franz I. von Frankreich ein,
der für England erst 1546 beendet wurde und ihm
zwar Boulogne brachte, aber Unsummen kostete.
Noch einmal schien in H.s letzter Zeit dem Prote-
stantismus einige Hoffnnng zu leuchten, das Haupt
der Katholiken, der alte Herzog von Norfolk, mußte
in den Tower, fein Sohn Graf ^urrey wurde ent-
hauptet, dem Vater drohte ein ähnliches Schicksal, als
H., der mächtigste Despot Englands in der neuern
Zeit, nach 38jähriger Negierung 27. Jan. 1547 starb.
H. besaß weder'die Arbeitslust noch das Pflicht-
gefühl feines Vaters, der ihm an polit. Verstände
weit überlegen war. Wohl hatte er mancherlei Kennt-
nisse in Wissenschaft und Kunst, aber in keiner Weise
tiefere Anlagen des Geistes oder gar des Gemüts,
er war vor allem außerordentlich eitel und egoistisch.
Dafür befaß er ein großes Selbstbewußtsein und
einen ungeheuern Selbstwillen, der möglich machte,
was seine eigensinnige Laune forderte, fei es zu des
Landes Schaden oder zu defsen Bestem. Damit hat
er aber zugleich auch seine Diener zu stützen ge-
wußt, vor allem die beiden hervorragenden Staats-
männer, auf denen die Größe feiner Epoche beruht,
Wolfcy und Cromwcll.
Vgl. Fronde, Ili^wi)' ok I^i^nä, Bd. 1-4
(Lond. 1856-58; neue Aufl. 1881-82); Mauren-
brecher, England im Reformationszeitalter (Düsseld.
1866); Paüli, Aufsätze zur engl. Geschichte (Lpz.