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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hermeneutik - Hermes (griechischer Gott)
gleichzeitige span. Bischöse kath. Konfession sehen in
ihm nur den Rebellen. Thatsache ist nnr, daß H.
mit der kath. Ingunthis, der Tochter des Franken-
königs Sigibert und der Vrunhilde, vermählt war.
Indessen bewirkte die Legende doch, daß Papst
Sirtus 1000 Jahre später auf König Philipps II.
Bitte den H. heilig sprach.
Hermeneutik (grch.), die Wissenschaft von
den Grundsätzen und Hilfsmitteln, durch die man
den Sinn einer Rede oder Schrift, den der Redner
oder Verfasser ursprünglich mit seinen Worten
verbunden hat, aufzufinden und festzustellen ver-
mag. Besonders wird der Ausdruck von der An-
weisung zur richtigen Auslegung der biblischen Schris-
ten gebraucht (biblischeH.). Ihre Geschichte ist
zugleich die Geschichte der biblischen Exegese (s. d.).
- Vgl. Dopte, H. der neutestamentlichen Schrift-
steller'(Tl. 1, Lpz. 1829); Wilke, Die H. des Neuen
Testaments (2 Bde., ebd. 1843-44); Lutz, Biblische
H. (Pforzh. 1849; 2. Ausg. 1861); Kuenen, 0iitic63
6t, i^6riii6N6uticN6 liln'orum ^lovi I^oederiZ linog.-
M6M3. (Leid. 1858); Immer, H. des Neuen Testa-
mentes Mittend. 1873).
Hermes, griechischer, namentlich in Arkadien
und der übrigen Peloponnes, ferner in Attika,
Böotien, Phokis, Thessalien verehrter Gott, dessen
Wesen sich am leichtesten verstehen läßt, wenn man
ihn als Windgott auffaßt. So erklärt sich die Be-
deutung, die H. als Diener der Götter, namentlich
des Zeus, hatte, sehr einfach aus der das ganze
Altertum, namentlich den Homer und die übrigen
Dichter beherrschenden Anschauung, daß der Wind
das Werkzeug der Götter, vor allen des Zeus, sei.
Demgemäß dachte man sich den .h. als göttliches
Ideal aller Herolde und Diener und als ein überaus
iluges Wesen, dem man unter anderm die Erfindung
des Opferfeuers, der Leier, Syrinr, Flöte, Sprache,
Schrift u. s. w. zuschrieb. Wie ferner die Winde
nach der Vorstellung der Griechen in der Regel aus
dem Äther oder den Wolken oder von den Spitzen der
Berge niederfahrend und in Berghöhlen (Windhöh-
len, Wetterlöchern) wohnend gedacht werden, fo ist
H., der Sohn des Äthergottes Zeus und der Regen-
wolkengöttin Maia (einer Pleiade), entweder auf
dem Olymp oder in der Höhle des arkadifchen
Kyllenegebirges (auf dessen höchster Spitze sein
ältester und berühmtester Tempel stand) geboren.
Den an Schultern und Füßen beflügelten Winden
(s. Voreaden) ist der an Schultern oder Füßen be-
flügelte H. zu vergleichen; wie jene, so wird auch
dieser als schnell, gewandt und kraftvoll gedacht,
womit feine Bedeutung als Gott der Gymnastik und
Agonistik in engem Zusammenhange steht. Der sehr
verbreiteten Vorstellung vom Stehlen, Rauben und
Betrügen der Winde (s. Harpyien) entspricht das
diebische, trügerische Wesen des Gottes, der unter
anderm auch als Entführer der Götterrinder, d. h.
der Wollen, auftritt. Unmittelbar nach seiner Ge-
burt auf der Kyllene ging H., wie ein Homerischer
Hymnus erzählt, nach Pierien am Olympos, wo die
von Apollon geführten Götterrinder weideten, stahl
^ va^> ^vld sie nach Pylos, wo er einige von ihnen
schlachtete, abhäutete und in einer Grotte verbarg,
deren Tropfsteingebilde wie aufgehängte Rinds-
häute aussehen. Um nicht entdeckt zu werden, hatte
er die Hufe der Rinder verkehrt, während er selbst
rückwärts ging und sich Vaumzweige statt der
bohlen unter die Füße band, um die Fußstapfen zu
verwischen. Apollon aber entdeckte durch seine Wahr-
sagergabe den Dieb der Rinder und verklagte den
H. bei Zeus, vor dem sich jener durch geschickte Lügen
zu rechtfertigen fuchte. Schließlich gehorchte H. dem
Befehle des Jeus, gab die Rinder heraus und ver-
föhnte sich mit Apollon, dem er die eben erfundene
Lyra abtrat, wogegen ihm Apollon einen goldenen
Stab (den Herolds st ab, grch. kEi-^keioii; lat.
caäuc6u3, s. d.) gab. Auch die Rolle, welche H. als
Geleiter der (von jeher luftartig gedachten) Seelen
ins Jenseits spielt (H. Psychopompos), läßt sich
auf seine ursprüngliche Bedeutung als Windgott
zurückführen. Wie die Seelen scheinen aber auch
die ihnen verwandten Traumbilder aus der Luft zu
stammen und den schlafenden vom Winde zugeführt
zu werden. Darum ist H. zugleich Seelenführer und
Traum- oder Schlafgott geworden. Da ferner die
Winde dem Ackerbauer und Hirten bald die frucht-
baren Regenwolken, bald heiteres Wetter bringen
und daher vielfach als befruchtend gedacht werden
und nach einem uralten, von Aristoteles und Plinius
bezeugten Hirtenglauben sogar die Befruchtung der
Herden hauptfächlich vom Winde abhängt, fo gilt H.
als Verleiher des Herdenreichtums und Hirtengott
und wird oft in der Form des Phallus (s. d.) dar-
gestellt. Auch als Förderer der Gesundheit wurde er
verehrt, weil die Winde oft die Luft von schädlichen
Miasmen reinigen und dadurch Krankheiten ab-
wehren oder lindern. Weil der Wind wegen seiner
Launenhaftigkeit und Unbeständigkeit von jeher und
überall als ein Sinnbild des Glückes angesehen
wurde, so ist H. zu einem Gotte des plötzlich und un-
erwartet eintretenden Glückes und Zufalls geworden,
dem deshalb auch die Glücksrute und die Lose geheiligt
waren. Sehr einfach erklärt sich die Funktion des
H. als Gottes der Wege, Wanderer und reifenden
Kaufleute aus seinerursprünglichen Windbedeutung,
wenn man bedenkt, daß solche Leute vorzugsweise
von Wind und Wetter abhängig sind. Endlich findet
sich vielfache Übereinstimmung des H. mit andern
Windgöttern indogerman. Völker, namentlich mit
dem german. Wodan (Odin) und den ind. Wind-
göttern Vaju und Marut. Bei den Römern ent-
spricht ihm Mercurius (s. d.). Dem H. waren die
Hermen (s. d.) geweiht. Die ihm zu Ehren gefeier-
ten Feste hießen Hermaia iHermäen).
In der ältern griech. Kunst erscheint H. gewöhn-
lich als ein kräftiger Mann mit spitzem Bart, langen
Haarflechten, in Heroldstracht, d. h. in einer zurück-
geschlagenen Chlamys, mit einem Reisehute, Fuß-
flügeln und dem Heroldsstabe in der Hand. Die-
jenige Ausbildung des Hermes-Ideals, die besonders
durch Polyklet und die jüngere attische Bildhauer-
schulevollendet wurde,zeigteihndagegen regelmäßig
als einen schlanken, kräftigen Jüngling. Als Be-
kleidung hat er auch jetzt die Chlamys und nicht
selten den meist mit Flügeln versehenen Hut als Be-
deckung des Kopfes, dessen Haar kurz abgeschnitten
ist und etwas kraus zu sein pflegt. In der in Olym-
pia gefundenen Statue des H., der mit dem kleinen
Dionyfos auf dem Arm sich auf einen Baumstamm
stützt, über den die Chlamys herabhängt, ist ein
Originalwerk aus der Blütezeit der griech. Kunst
ans Licht gekommen. (S.dieTafel: Hermes. Von
Praxiteles.) In einer ganzen Reihe von Kunst-
werken erscheint H. ebenfalls in reifer Iünglings-
gestalt und mit der Chlamys, welche zurückgeworfen
und um den linken Arm gewickelt ist. Hieran schließen
sich ähnliche Statuen, bei denen der erhobene rechte
Arm zeigt, daß er als H. Logios, als Gott der