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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hoffmann (Ernst Theod. Amadeus)
Kenntnis er namentlich durch glückliche Funde ge-
fördert hat. Unter seinen Leistungen auf dem Ge-
biete der altdeutschen Litteratur sind besonders her-
vorzuheben die Sammelwerke "llorae LeiZicae"
(Bd. 1-12, Bresl., Lpz., Gott. und Hannov. 1831
-62), "Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache
und Litteratur" (2 Bde., Bresl. 1830-37), "Alt-
deutsche Blätter" (mit Haupt, 2 Bde., Lpz. 1835-40),
denen sich später die "Spenden zur deutschen Litte-
raturgeschichte" (2 Bde., ebd. 1844) und die "Find-
linge" (Bd.1in4Heften,ebd.1859-60) anschlössen.
Von ganz besonderm Werte sind seine "Geschichte
des deutschen Kirchenliedes bis auf Luther" (Bresl.
1832; 3. Aufl., Hannov. 1861) und das bibliogr.
Werk "Die deutfche Philologie im Grundriß" (Bresl.
1836). Unter den Ausgaben älterer deutscher Schrift-
werke sind namentlich "KeiuekL Vos" (Vresl. 1834;
2. Aufl. 1852), die "N1ii0ii6ii8ig,. Monuments ä68
1kMFU68 r0IU3.H6 6t tuä68M6 6^118 16 IX^ 8iQd6"
(Gent 1837) und "Iti6oM1u8" (2 Bde., Hannov.
1853-54) von Bedeutung. Viele seiner Arbeiten
verdanken ihren Ursprung seiner Vorliebe für die
deutfche Volkspoesie, deren Stil er so inne hatte,
daß seine Neudichtungen altniederländ. Lieder auch
von Kennern für echte alte Dichtungen gehalten
wurden. Sammlungen von Volks- und Gefellfchafts-
liedern waren feine "Schlef. Volkslieder mit Melo-
dien" (Lpz. 1842), die "Niederländ. Volkslieder"
(2. Aufl., Hannov. 1856), "Unfere volkstümlichen
Lieder" (3. Aufl., Lpz. 1869), "Die deutfchen Gefell-
schaftslieder des 16. und 17. Jahrh." (2. Aufl., 2 Tle.,
ebd. 1860), "Lieder der Landsknechte unter Frunds-
berg" (Hannov. 1868). H.s eigene Dichtungen
schließen sich aufs engste an das Volkslied an und
zeichnen sich oft durch echte Einfalt, Lieblichkeit und
Innigkeit aus, wenn ihn auch die unglaubliche
Leichtigkeit feiner Produktion zu viel minderwertigen
Leistungen verführte. Viele feiner Lieder, zu denen
er, obgleich nicht musikalisch gebildet, doch selbst an-
mutige Gesangweisen angiebt, sind im Volksmunde
heimisch geworden. Außer den "Gedichten" (8. Aufl.,
Verl. 1874) sind insbesondere folgende Sammlungen
hervorzuheben: "Allemann.Lieder" (5.Aust., Mannh.
1843), "Fünfzig Kinderlieder" (Lpz. 1843), "Fünfzig
neue Kinderlieder" (Mannh. 1845), "Soldaten-
lieder" (Mainz 1851), "Rheinleben" (Neuwied 1865),
"Alte und neue Kinderlieder" (4 Hefte, Verl. 1873)
u. s. w. Eine vollständige Ausgabe der "Kinder-
lieder" besorgte L. von Donop (Berl. 1877). In
anderer Richtung, aber auch schon durch ihre Melo-
dien volkstümlich, bewegten sich die "Unpolit.Lieder"
(2 Bde., Hamb. 1840-41), die, noch vor Herwegh,
mehr durch ihren Inhalt als durch ihren poet. Wert
das größte Aufsehen erregten. Ihnen schließen sich
an: "Deutsche Lieder aus der Schweiz" (Zür. 1842;
3., verminderte und vermehrte Aufl. 1845) und
"Streiflichter" (Berl. 1872). Sein berühmtestes,
noch heute politisch wirksames Lied "Deutschland,
Deutschland über Alles" dichtete er 26. Aug. 1841
auf Helgoland. H.s "Gefammelte Werke" erfchienen
in 8 Bänden (Berl. 1890fg.), hg. von H. Gersten-
berg. Eine eingehende Selbstbiographie veröffent-
lichte H. u. d. T. "Mein Leben. Aufzeichnungen
und Erinnerungen" (6 Bde., Hannov. 1868). - Vgl.
Wagner,H.vonFallersleben 1818-68 (Wien1869);
Gottschall, Porträts und Studien, Bd. 5 (Lpz. 1876).
Hoffmann, Ernst Theod. Amadeus, eigentlich
Wilh., Novellist und Romandichter, geb. 24. Jan.
1776 zu Königsberg in Preußen, studierte daselbst
die Rechte und arbeitete dann bei der Oberamts-
regierung in Großglogau und dem Kammergericht
in Berlin. 1800 wurde er Assessor bei der Regierung
in Posen, fodann wegen einiger von ihm gefertigter
Karikaturen, die der General Zastrow und andere
Hochgestellteaufstchbezogen,1802alsRatnachPlock
und 1804 in gleicher Eigenschaft nach Warschau ver-
setzt, wo der Einmarsch der Franzosen 1806 seine Ae-
amtenlaufbahn vorläufig endete. Ohne Vermögen,
benutzte er nun seine musikalischen Kenntnisse als Er-
werbszweig und folgte 1808 einer Einladung des
Grafen Julius von Soden nach Bamberg als Musik-
direktor bei dem dort neuerrichteten Theater. Als
dieses bald nachher geschlossen wurde, erhielt er sich
mit Musikunterricht und arbeitete für die Leipziger
"Allgemeine musikalische Zeitung", ging 1813 als
Musikdirektor bei der Ios. Secondaschen Schau-
spielergesellschaft nach Dresden und leitete bis 1814
das Orchester dieser abwechselnd dort und in Leipzig
spielenden Gesellschaft. 1816 wurde er wieder als
Rat bei dem königl. Kammergericht in Berlin an-
gestellt, wo er 25. Juni 1822 starb.
H. war von der Natur überreichlich mit Talenten
ausgestattet worden. Nicht nur, daß er auch als
Musiker und Zeichner eine sehr glückliche Schaffens-
kraft befaß, auch als Dichter vereinigte er die ver-
schiedenartigsten Gaben. Er verband einen scharfen
Verstand, der an den Erscheinungen sehr bald die
schwachen und lächerlichen Seiten erkannte, mit einer
überreizten romantischen Phantastik, die überall ge-
heimnisvolle, überirdische Mächte witterte und selbst
das Philistertum gespenstisch fand. In seinen
humoristischen Sprüngen erinnert er an Jean Paul,
den er aber an novellistischer Erfindungsgabe und
an künstlerischer Abrundung ebenso übertrifft, wie
er ihm an Umfang und Tiefe des Humors nachsteht.
Das Krankhafte und Ungefunde in H.s Schöpfungen
darf doch nicht verkennen lassen, daß er der reife
Meister eines Darstellungsstiles ist, dem nichts zu
fchwer wird, durch den er die gewagtesten Übergänge
und die tollsten Ausgeburten seiner üppigen Ge-
staltungskraft überzeugend glaublich macht, ohne je
gefchmacklos zu werden; gerade diefer großen for-
malen Kunst dankt H., daß er bis heute im Aus-
land, namentlich Frankreich, einer der gelesensten
deutschen Dichter ist.
H. bewährte zuerst sein Komponistentalent. In
Posen brachte er das Goethesche Singspiel "Scherz,
List und Rache" aufs Theater, in Warschau "Die
lustigen Musikanten" von Brentano, die Opern
"Der Kanonikus von Mailand" und "Schärpe und
Blume" oder "Liebe und Eiferfucht", wozu er selbst
den Text dichtete. Auch setzte er die Musik zuWerners
"Kreuz an derOstsee" und komponierte später für das
Berliner Theater Fouquös zur Oper umgestaltete
"Undine", die großen Erfolg hatte, deren Partitur
aber leider verloren ist. Die Aufforderung, feine in
der "Musikalischen Zeitung" erschienenen Auffätze
zu fammeln, veranlaßte ihn zu der Herausgabe der
"Phantasiestücke in Callots Manier" (4 Bde., Bamb.
1814-15; 4. Aufl., Lpz. 1854). Danach gab man ihm
die Bezeichnung Callot-Hoffmann. Weiterver-
öffentlichte erden wüsten Roman "ElixiredesTeufels"
(Berl. 1815-16), die düstern Erzählungen "Nacht-
stücke" (2 Bde., ebd. 1817) und die vortreffliche No-
vellenfammlung "Die Serapionsbrüder" (4 Bde.,
ebd. 1819-21; nebst einem Supplementband "Letzte
Erzählungen", ebd. 1825); ferner: "Klein Zaches, ge-
nannt Zinnober" (ebd. 1819), "Prinzessin Brambilla.