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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Höhlengänse - Höhlentempel
geschlechts. Man unterscheidet primäre und
sekundäre Lagerstätten. In erstern findet man die
Überreste von Tieren, die bei Lebzeiten in den Höh-
len Unterschlupf gesucht hatten und dann hier auf
irgend eine Weise durch Menschen oder andere Tiere
ums Leben gekommen waren; ferner Spuren mensch-
licher Kultur, wie zerschlagene Tierknochen, Kohlen
und Asche, auch primitive Geräte von Stein oder
Knochen, oder äußerst selten ganze menschliche Ge-
beine. Bei den sekundären Lagerstätten wurden die
Fundstücke durch elementare Kräfte, bei geolog. Um-
wälzungen, besonders durch. Wasserstuten in die
Höhle gespült oder eingeschwemmt. Die Knochen
sind dann fast immer "gerollt", d. h. an den Kanten
abgeschliffen, und liegen im wüsten Chaos durch-
einander. Viele Knochen in den mitteleurop. Höhlen,
die am besten untersucht sind, stammen von Tieren,
die jetzt überhaupt ausgestorben oderdoch aus Europa
ganz oder größtenteils verschwunden sind; so findet
man Mammut, Rhinoceros, Höhlenlöwe, Höhlen-
bär, Hyäne, Auerochs, Riesenhirsch, Renntier u. s. w.
und daneben von noch jetzt lebenden Wolf, Fuchs,
Dachs, Ziege, Gemse, Hirsch, Hase und vor allem,
wenigstens in einzelnen Gegenden, in besonders
großer Anzahl das Pferd. - Was die verhältnis-
mäßig sehr wenigen menschlichen Überreste anbetrifft,
so hat man von verschiedenen Seiten eine Rasse des
europ.Höhlenmenschen in paläolitbischer, resp.
vorsintflutlicher Zeit konstruieren wollen, und be-
sonders den 1856 in der Nähe des Wupperthales in
einer kleinen Höhle gefundenen sog. Neanderthal-
Schädel als typischen Repräsentanten derselben an-
gesehen, eine Meinung, die besonders von Schaaf-
kausen in Bonn vertreten und von Virchow, der den
Schädel für den eines an ^rtki-itig ckronica äsfor-
ui3,Q8 leidenden Individuums, sowie von K. Vogt,
der ihn für den Schädel eines Idioten bielt, scharf
bekämpft wurde. Die schmale flache Hirnschale des
Neanderthal-Menschen ist von elliptischer Form mit
außerordentlich großen Stirnhöhlen und stark vor-
springenden Augenbrauenknochen, die dem Kopf zu
seinen Lebzeiten allerdings einen wilden, fast tieri-
schen Ausdruck verlieben haben muffen.
Die zahlreichsten und berühmtesten Höhlen und zu
gleicher Zeit reichhaltigsten, was das Fundmaterial
anbetrifft, befinden sich in Belgien (Spicnncs, Fur-
fooz, Frontal, Chaleux, Engis und Engihoul) und
Frankreich (La Madelaine, Les Eyzies, Le Moustier,
Mentone und archäologisch vom selben Charakter die
Schwemmgebiete im Seine- und Sommetbal); erst
in zweiter Linie kommen die in Deutschland (Hohle-
fels-, Gailenreuther Höhle, Rabensteiner Höhle,
Baumannshöhle, zahlreiche im Rheinland und in
Westfalen fowie die Stationen von Taubach bei
Weimar, Tiede und Westeregeln in Vraunschweig)
und der Schweiz (Thayingen), in England lWookey-,
Traum-, Kmt-, Victoriahöhle) und Österreich-Ungarn
(Mammuthöhle, Drachenhöhle, Vyciskalahöhle und
Liszkovahöhle). Für die prähistor. Wissenschaft bilden
die Artefakte, die wenn auch noch so roh bearbeiteten
Waffen und Gerätschaften, die die alten Höhlen-
bewohner in ihren Behausungen hinterlassen haben,
das Wertvollste, und es ist erstaunlich, eine wie
kolossale Menge an Beilen, Messern, Schabern, Mei-
ßeln u. s. w. manche, wie besonders belg. Höhlen ge-
liefert haben. Die genannten Werkzeuge sind zum
bei weitem größten Teil aus Feuerstein, selten aus
Kalkstein, Sandstein, Quarzit oder andern Gesteinen
hergestellt und unterscheiden sich durch ihre unendlich
rohen, aber meist sehr typischen Formen sehr von
den Gerätschaften der jüngern Steinzeit, in der die
schönen, regelmäßig geformten und fein polierten
^teingeräte gearbeitet wurden. Die Äxte besonders
sind in der ältesten Zeit oft nur so außerordentlich
roh zubehauen, daß sie das Auge eines Laien wohl
nie als von Menschenhand gefertigte Werkzeuge be-
trachren würde. Die bessern Stücke haben etwa die
Form einer Mandel, d. h. sie sind in der Mitte ziem-
lich stark gewölbt und zeigen auf der einen Seite
eine etwas stumpfere rundliche, auf der andern eine
flachere, ein wenig mehr zugespitzte Schneide. Ferner
kommen besonders häusig Messer vor (die sog. Flint-
späne), in den verschiedensten Größen bis 15,20 und
mehr Centimeter, die kunstgerecht von einem großen
Nucleus (Mutterkern) abgeschlagen wurden; ferner
Meißel und Schaber, dolch- und pfeilspitzenartige Ge-
räte. Neben diesen Steinartefakten kommen auch
zahlreickc Geräte, Waffen, ja auch Schmucksachcn und
andere Fundstücke von Knochen vor, Beile, Meißel,
Harpunen mit sorgfältig ausgearbeiteten Wider-
haken, Pfriemen, ziemlich zierlich gearbeitete Nadeln
mit und ohne Öhr, auch Ringe, alle möglichen zum
Teil mit fein eingeritzten Linien versehene Zierstücke,
die wohl als Körperschmuck anzusehen sind, durch-
bohrte Tierzähne, die man, wie auch in späterer
Zeit, als Halsschmuck verwandte u. s. w. Einzelne
Fundstellen, wie besonders La Madclaine und Les
Eyzies in Frankreich und Thayingen in der Schweiz,
haben auch ganz seltsame Stücke mit bildlichen Dar-
stellungen, Gcweihstücke, Knochen- und Steinplatten
mit den mehr oder weniger vollkommenen Zeich-
nungen von Elentieren ^ vom Mammut, Hirsch,
Bär u. s. w. geliefert. Einzelne diefer angeblich ur-
ältesten menschlichen Kunstwerke sind nicht ohne tech-
nische Fertigkeit und ein gewisses Schönheitsgcfühl
hergestellt. Die meisten dieser Stücke und besonders
die vollkommener gearbeiteten sollten aber überall
mit großer Vorsicht aufgenommen werden, denn
auch viele Autoritäten, wie befonders Lindenfchmitt
in Mainz, haben sich sebr energisch gegen ibre Echt-
heit erklärt. Auf jeden Fall sind sehr viele Fälschun-
gen vorgekommen, und es ist jetzt ost nicht mehr
möglich, unter dem vorhandenen Material das Echte
vom Falschen zu unterscheiden. Welches Alter diese
H. haben, ist nicht genau anzugeben. Natürlich
gehören Höhlen Wohnungen nicht nur der ältern
Steinzeit an; auch in den spätern prähistor. Perio-
den, im Mittelaltcr und in der Neuzeit wurden Höh-
len gelegentlich als Schlupfwinkel und Wobnungen,
auch als Begräbnisplätze benutzt und enthalten in
ibren obcrn Kulturschichten Gegenstände aus den ver-
schiedensten Zeitperioden, die vom Standpunkt der
eigentlichen Höhlenforschung von keinem so großen
wissenschaftlichen Interesse sind. - Vgl. Fraas, Die
alten Höhlenbewohner (Berl. 1873); B. Dawkins,
Die H. und die Ureinwohner Europas (aus dem
Englischen von Spengel, Lpz. 1870).
Höhlengänse, s. Fuchsenten.
Höhlenhyäne, s. Hyäne.
Höhleninfekten, s. Höhlentiere.
Höhlenkrebs, s. Grottenkrebs.
Höhlenmensch, s. Höhlenfunde.
Höhlenstein, s. Tropsstein.
Höhlentempel, Fclsentempel, Grotten-
tempel, aus den Felsen ausgehauene Tempel,
die besonders im westl. Teil von Vorderindien, im
Religionsgebiet der Buddhisten und Vrahmanisten
häufig sind. Berühmt sind die H. zu Adsckanta,