Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hugenotten
riß den König zu antiprot. Vorgehen hin. In dem
Edikt von Nemours <Iuli 1585) widerrief der König
alle den Protestanten eingeräumten Rechte, bewirkte
dadurch aber auch eine kräftigere Erhebung Hein-
richs von Navarra mit deutfcher und engl. Beihilfe
(achter Hugenottenkrieg). Navarra siegte 1587
bei Coutras; fein deutfches HilfsHeer aber wurde
durch Guife geworfen und der König durch diefen
zu immer fchärfern Mahregeln gegen die H. ver-
anlaßt. Im Munionsedikt von Rouen lIuli 1588)
verkündigte er feine Absicht, die H. gänzlich aus-
zurotten. Bald darauf trieb jedoch der Konflikt mit
den Guifen und deren Ermordung Heinrich III. den
Protestanten in die Arme (1589). Nach feinem Tode
(Aug. 1589) wurde mit Heinrich IV. ein Hugenott
Kömg. Aber die Liga nötigte ihn, zum Katholicis-
mus überzutreten; diefer Schritt führte zu ernst-
haften Zwistigkeiten feiner alten Glaubensgenossen
mit ihm, denen erst das Edikt von Nantes 1598 ein
Ende fetzte; es verlieh den H. freie Religionsübung,
mit Ausnahme einiger Städte, wie Reims und
Soiffons, wo befondere Verträge entgegenstanden,
die Partei sich gegeben, sie durften fortan Synoden,
selbst unter Zuziehung auswärtiger Protestanten,
halten, ihre Söhne konnten gleich den Katholiken
auf franz. Schulen studieren, ebenfo wurde ihnen
der Hutritt zu allen Ämtern und Würden und die
Befetzung der bei den Parlamenten schon früher
zur Schlichtung der Parteihändel errichteten Tribu-
nale (Obkmdreg inipaltißs) zur Hälfte gestattet. Die
überaus zahlreichen Sicherheitsplätze follten sie noch
acht Jahre behalten, eine Frist, die fpäter verlängert
wurde. Sowohl die Befatzungen diefer Plätze als
die prot. Geistlichen hatte der Königs zu befolden.
Das Parlament bestätigte das Edikt erst 25. Febr.
1599. Das Edikt fchuf den H. einen Staat im Staate,
nur fo konnten sie zunächst Sicherheit finden, aber
der Bestand ihrer Sonderverfassung blieb für sie
wie für Frankreich eine Gefahr. Mit Heinrich IV.
lebten sie, trotz mannigfacher Reibungen, im Frie-
den; aber die Reaktion des Nltramontamsmus, der
nach des Königs Tode mit Maria von Medici 1610
ans Ruder kam, und die Reaktion des Adels, der
sich gleichzeitig gegen die Macht der Krone erhob,
riß auch die H., innerhalb deren der mehr polit.
Hochadel sich mit den religiös-leidenschaftlichen
Handwerkern und Predigern, den friedlichen Mittel-
schichten gegenüber, zu einer Aktionspartei vereinigte
(s. Rohan), in neue Bewegungen hinein; in Be-
sorgnis vor einem Bruch des Edikts liehen sie sich
verführen, ihre Macht den Parteikämpfen der Großen
zur Verfügung zu stellen, und knüpften felbst mit
dem kath. Landesfeind Spanien gelegentlich Be-
ziehungen an. In sich gefchwächt, in ihrem religiösen
Charakter feit langem getrübt und beeinträchtigt,
verfielen sie fo in Aufruhr und kamen bald in den
schwersten Gegenfatz zur Krone. Ludwig XIII. unter-
drückte 1617 durch ein Edikt die kirchlichen und stän-
difchen Freiheiten feines Erbländchens Warn. Die
Protestanten Frankreichs erklärtenden Gewaltstreich
für eine Verletzung des Edikts von Nantes und hielten
zu La Rochelle eine Verfammlung, die der Hof als
aufrührerisch verbot. Doch gaben die Protestanten,
an deren Spitze jetzt die beiden Brüder Herzog von
Rohan und Prinz Soubife standen, nicht nach, und
der Hof eröffnete im Mai 1621 den Krieg, der ihnen
zum Nachteil ausfchlug. Allmählich sielen alle prot.
Städte in die Hände des Königs. Endlich, nach der
Brockhaus' Konversations-Lexikon. 14. Aufl. IX.
Kapitulation von Montpellier (21. Okt. 1622), er-
folgte ein allgemeiner Friede, worin den Protestan-
ten das Edikt von Nantes bestätigt, das Recht zur
Abhaltung von Verfammlungen aber genommen
wurde. Der Konflikt ging weiter; 1625 erfolgte ein
neuer Aufstand. Aber fobald Richelieu die Zügel
des Staates fest in feiner Hand hatte, wandte er alle
Kräfte auf die Eroberung La Rochelles, das von
England unter Buckingham energifch unterstützt
wurde. Am 10. Aug. 1627 wurde die Belagerung von
La Rochelle eröffnet. Nachdem die Engländer 8. Nov.
von der Infel Rö vertrieben worden, ließ Richelieu
die Stadt auch von der Seefeite durch einen ins
Meer gebauten Damm einschließen. Die Belager-
ten verteidigten sich zwar tapfer, litten aber bald
großen Mangel. Engl. Entsatzflotten mußten sich
1628 zurückziehen, und 28. Okt. 1628 zwang endlich
die Not die Stadt zur Unterwerfung. Der Rest der
Einwohner wurde begnadigt, die Stadt hingegen
verlor ihre Privilegien und ihre Festungswerke.
Noch hatte Rohan viele wichtige Plätze, wie Nimes,
Montauban und Castres, inne; auch er mußte sich
aber in einem Vertrage 27. Juni 1629 zu Alais auf
gleiche Bedingungen unterwerfen.
Die polit. Selbständigkeit der H. und damit ihre
Stellung als Partei im Staate war von nun an zu
Gunsten der franz. Nationaleinheit vernichtet. Hin-
sichtlich ihres Kultus erfreuten sie sich unter Riche-
lieu und Mazarin der Schonung; mit dem Anwach-
fen der Monarchie unter Ludwig XIV., mit der
Steigerung des königl. Anfpruches auf Alleinherr-
schaft auch über die Seelen, erhoben sich aber die
Verfolgungen etwa feit 1675 von neuem. Soweit
Lockungen und Überredung nicht verfingen, begann
man die Bekehrung mit Gewalt. Drückende Ein-
quartierungen wurden den Widerstrebenden ins
Haus gelegt (s. Dragonaden), Truppenabteilungen,
mit Mönchen im Gefolge, durchzogen die füdl. Pro-
vinzen, zwangen die Einwohner zur Verleugnung
ihres Glaubens, rissen die Kirchen nieder und er-
mordeten oft die Prediger. Hunderttaufends von
Protestanten flohen nach der Schweiz, den Nieder-
landen, England, Deutfchland, wo sie mit offenen
Armen empfangen wurden. Am 23. Okt. 1685 hob
Ludwig, dem man das Hugenottentum als erloschen
dargestellt hatte, das Edikt von Nantes auf. Hier-
mit begann eine neue Flucht und zugleich eine noch
furchtbarere Verfolgung. Aus der Gegend von
Nimes, wo sie immer noch sehr zahlreich waren,
warfen sich Taufende von Protestanten in die Ce-
vennen (s. d.) und übten hier insgeheim ihren
Gottesdienst aus. Gegen diese wurde 1702 der sog.
Cevennenkrieg eröffnet, der unter großen Opfern
und Greueln bis 1705 dauerte. Der Hof, durch den
Spanifchen Erbfolgekrieg gedrängt, gab endlich die
Verfolgung auf, bewilligte Amnestie und störte die
Protestanten nicht mehr in ihrem Kultus. Frank-
reich hatte mehr als eine Million feiner fleißigsten
und wohlhabendsten Bürger verloren; aus dem
geistigen Leben des Landes war eine Kraft aus-
gestoßen worden, die polit. Unheil zu stiften nicht
mehr im stände und auch nirgends mehr willens
gewesen war; im stillen freilich blieb die Zahl der
Protestanten immer noch groß. Der Kampf der
Staatsgewalt gegen sie, der oft mit schonungslose-
ster Grausamkeit geführt wurde, ging das 18. Jahrh,
hindurch weiter, eine eigene Verwaltung wachte über
den H., zahlreiche Märtyrer litten in diefen "Ge-
meinden der Wüste" für ihren Glauben, in welche
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