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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hundswut

haben sich sämtlich als wirkungslos erwiesen. Bei der schlimmen Prognose der Wutkrankheit und der vollkommenen Unwirksamkeit aller therapeutischen Methoden gegen die ausgebrochene Krankheit ist die allgemeine staatliche sowie die individuelle Prophylaxis von der größten Bedeutung. Die Verminderung der Hundezahl durch möglichst hohe Besteuerung der Luxustiere, die strenge polizeiliche Beaufsichtigung aller herumstreifenden Hunde, bei vorkommenden Wutfällen die Anordnung des allgemeinen Tragens von Maulkörben für längere Zeit sowie die Beseitigung der wütenden und wutverdächtigen Hunde und die Vernichtung aller von den kranken Tieren mit Speichel u. dgl. besudelten Gegenstände haben sich als die einzig zweckmäßigen und erfolgreichen Mittel erwiesen.

In der neuesten Zeit hat Pasteur die Einimpfung des künstlich modifizierten Wutgiftes nicht nur als zuverlässige prophylaktische Schutzmaßregel, sondern auch als sicheres Heilmittel bei bereits ausgebrochener Krankheit dringend empfohlen. Den Pasteurschen Präventiv- oder Schutzimpfungen gegen den Ausbruch der Tollwut liegen folgende Beobachtungen zu Grunde. Das Wutgift kommt nicht nur im Geifer sowie in den Speichel- und Unterkieferdrüsen, sondern auch konstant und in reinem Zustand im Gehirn und Rückenmark der wutkranken Tiere vor, und es genügt, eine geringe Menge vom Rückenmark oder Gehirn eines an der Tollwut gestorbenen Hundes einem gesunden Tier unter die Haut oder durch eine Trepanationsöffnung im Schädel unter die harte Hirnhaut einzuführen, um bei diesem Tier sicher tödliche Wutkrankheit hervorzurufen. Von besonderer Wichtigkeit ist nun, daß sich das Virus oder Wutgift durch Übertragung auf verschiedene Tierspecies hinsichtlich seiner Intensität beliebig modifizieren läßt. Wenn es vom Hund auf den Affen und von diesem wieder auf Affen verimpft wird, so schwächt sich das Virus bei jeder neuen Verimpfung immer mehr ab, sodaß es schließlich beim Hunde, selbst wenn es direkt unter die harte Hirnhaut gebracht wird, nicht mehr im stande ist, die H. hervorzurufen, wohl aber das Tier immun, unempfänglich gegen die Krankheit zu machen. Umgekehrt steigert sich die Virulenz des Wutgiftes, wenn es vom Hund auf Kaninchen und von diesen wieder auf Kaninchen oder von Meerschweinchen wieder auf Meerschweinchen übertragen wird. Impft man einem Kaninchen vermittelst der Trepanation der Schädelhöhle Hirn- oder Rückenmarksmasse von einem tollen Hunde unter die harte Hirnhaut, so wird es sicher nach einer mittlern Inkubationszeit von etwa 14 Tagen wutkrank. Wenn man nun auf dieselbe Weise Virus von diesem Kaninchen auf ein zweites, von diesem wiederum auf ein drittes u. s. f. überträgt, so zeigt es sich bald, daß die Virulenz des Wutgiftes dann mehr zunimmt und sich dementsprechend die Inkubationszeit stetig verringert; nach 20-25 Übertragungen beträgt die letztere nur noch 8 Tage, nach weitern 20-25 Übertragungen nur noch 7 Tage, und auf dieser Höhe hält sich nun die Inkubationszeit mit einer überraschenden Sicherheit in einer Reihe von 90 Übertragungen. Wenn das Virus durch diese Übertragungen das Maximum der Virulenz erreicht hat, so wirkt es bei der Rückübertragung auf den Hund stärker als das gewöhnliche, durch den Biß eines tollen Hundes einverleibte Wutgift. Wenn man aber ein solches Rückenmark von einem wutkranken Kaninchen mit der siebentägigen Inkubationsdauer unter Beobachtung der sorgfältigsten Reinlichkeit in Stücke schneidet und sie in trockner Luft aufhängt, so verschwindet die Virulenz allmählich und erlischt schließlich ganz, und zwar geschieht das um so schneller, je dünner die Schnitte sind und je höher die Lufttemperatur ist. Hierdurch ist man im stande, sowohl ein ungemein starkes, als auch ein äußerst schwaches Wutgift zu erzeugen und sich beliebig alle Nüancierungen in der Virulenz zu verschaffen, welche zwischen diesen beiden Extremen liegen. Hierauf beruht aber Pasteurs Methode der prophylaktischen Wutimpfung.

Um einen Hund in verhältnismäßig kurzer Zeit unempfänglich gegen die Wutkrankheit zu machen, verfährt Pasteur folgendermaßen. In eine Reihe von weithalsigen, mit desinfizierter Watte verschlossenen Glasflaschen, deren Luft durch Stücke von Ätzkali trocken erhalten wird, hängt man täglich ein Stück vom frischen Rückenmark eines an Wutkrankheit verendeten Kaninchens auf, bei welchem die Wut sieben Tage nach der Impfung ausgebrochen war. Nun wird dem Hunde täglich eine Pravazsche Spritze voll sterilisierter Fleischbrühe, in welcher ein kleines Stück von dem der Trocknung unterworfenen Rückenmark verrieben wurde, unter die Haut gespritzt, und zwar beginnt man dabei, um sicher zu sein, daß die vorgenommene Impfung unschädlich ist, mit einem Stückchen, welches an einem vom Impftermin möglichst weit entfernten Tage (14. Tage) in die Trockenflasche eingelegt wurde. In den folgenden Tagen verwendet man, regelmäßig fortschreitend, immer frischeres Rückenmark, bis man zuletzt einen Tag altes, sehr stark virulentes nimmt. Jetzt ist der Hund immun oder wutfest, d. h. man kann ihm das Wutgift subkutan oder durch eine Trepanationsöffnung oder durch den Biß eines tollen Hundes beibringen, ohne daß er die Tollwut bekommt.

Nachdem Pasteur seine Methode an 50 hinsichtlich der Rasse und des Alters verschiedenen Hunden erprobt, hat er dieselbe 6. Juli 1885 zum erstenmal in der gleichen Weise auch am Menschen ausgeführt und seitdem bis zum 1. Juli 1888 in seinem Institut im ganzen 5374 von tollen oder wutverdächtigen Hunden gebissene Personen geimpft. Auch beim Menschen geschehen die Impfungen in der Weise, daß man zuerst mit einem seit 14 Tagen trocknenden Rückenmark impft und fortschreitend zu frischerm Mark übergeht, bis man am 10. Impfungstage mit dem seit einem Tage trocknenden, in hohem Grade virulenten Mark schließt. In neuester Zeit hat Pasteur seine Behandlung infolge mehrfacher Mißerfolge etwas modifiziert, indem er namentlich bei tiefen und zahlreichen Bissen im Gesicht täglich vier Impfungen vornimmt und so in zehn Tagen drei Impfserien vollendet, deren jede mit dem frischesten Mark schließt. Üble Zufälle sind während und nach der Impfung von Menschen nicht vorgekommen. Von 1726 geimpften Franzosen starben 12 an ausgebrochener Tollwut, von 19 von einem Wolf gebissenen Russen starben trotz der Impfung 5, welch letztern Umstand Pasteur darauf zurückführt, daß der Wolfsbiß gefährlicher und die Inkubationszeit nach demselben geringer sei als nach dem Hundebiß, und daß die betreffenden Kranken infolgedessen zu spät in seine Behandlung gelangt seien. Die ersten Schutzimpfungsanstalten außerhalb Paris sind in Rußland (Petersburg, Moskau, Odessa, Warschau, Samara) errichtet worden; später- ^[folgende Seite]