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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hungerbrunnen - Hungerkur
gefäße ausdehnt, das Hungergefühl unterdrückt, bei
trankhafter Kongestion ebenso wie durch Anfüllung
des Magens mit Speisen, welche die Drüsennerven
reizen und stärkern Blutzufluß erzeugen. Auch durch
die Einführung gewisser narkotischer Genuß- und
Arzneimittel (Tabak, Opium, Alkohol) kann das
Hungergefühl gestillt werden. In leichterm Grade,
als bloße Ehlust oder Appetit, ist der H. keine un-
angenehme Empfindung, und nur wenn die Eßlust
nicht befriedigt wird, der Mangel an Nahrung lange
anhält, beginnt die Empfindung unangenehm zu
werden, und es zeigen sich nun heftigere nervöse
Erscheinungen, wie Ohnmachtsgefühl, Mattigkeit,
Muskclschwä'che u. dgl. Bei gänzlicher Nahrungs-
enthaltung treten heftige Kopfschmerzen, Fieber,
Abmagerung, Delirien und Tobsucht, Ohnmachten,
Krämpfe und endlich der Tod durch Verhunge-
rung ein. Über das Verhältnis, in welchem beim
Hungertode die einzelnen Gewebe und Organe Ge-
wichtseinbuße erleiden, hat Voit eingehende Ver-
suche angestellt. So verloren bei einer verhunger-
ten Katze: das Fett 97 Proz., die Milz 66,? Proz.,
die Leber 53,7 Proz., die Hoden 40 Proz., die Mus-
keln 30,5 Proz., das Blut 27 Proz., die Nieren
25,v Proz., die Haut 20,6 Proz., der Darm 18 Proz.,
die Lungen 17,7 Proz., die Bauchspeicheldrüse 17
Proz., die Knochen 13,9 Proz., Gehirn, Rückenmark
und Nerven 9,2 Proz. und das Herz 2,6 Proz. ihres
Gewichts, woraus hervorgeht, daß die Widerstands-
fähigkeit der einzelnen Organe gegen das Ver-
brauchtwerden beim Verhungern in geradem Ver-
hältnis zu ihrer Wichtigkeit steht. Die Länge der
Zeit, welche der Mensch oder ein Tier ohne Nah-
rungsmittel zubringen kann, ist sehr verschieden;
kaltblütige Tiere ertragen den H. viel länger als
warmblütige; so kann man Wassersalamander und
Schildkröten jahrelang ohne Nahrung erhalten, wo-
gegen Vögel nur 5-28 Tage, Hunde 25 - 36
Tage ohne Speise und Trank leben können. Ge-
sunde Menschen ertragen H. und Durst meist nicht
länger als 1-2 Wochen, bei Wasseraufnahme je-
doch auch länger.
Besonders wurde dies dargethan durch Hunger-
versuche, die von excentrischen Personen auf Grund
von Wetten oder aus Neklamefucht angestellt wurden.
Diese Hungerversuche haben manche interessante, der
Wissenschaft förderliche Beobachtungen anzustellen
ermöglicht. Den Reigen der freiwilligen Hunger-
leider eröffnete der amerik. Arzt Dr. Henry Tanner
in Neuyork, welcher infolge einer eingegangenen
Wette sich anheischig machte, 40 Tage lang zu fasten,
ohne etwas anderes als Wasser zu genießen, und
vom 28. Juni bis 7. Aug. 1880 unter strenger Auf-
sicht diese freiwillige Fastenzeit trotz mancherlei übler
Zufälle glücklich zu Ende führte. Tanner hat später
dieses Experiment mehrmals wiederholt. Sein
Beispiel wurde von dem ital. Forschungsreisenden
G. Succi nachgeahmt, der sich, allerdings mit Hilfe
eines opiumhaltigen Liqueurs, vom 18. Aug. bis
17. Sept. 1880 zu Mailand einer 30tägigen Hunger-
kur unterzog und während dieser ganzen Zeit keine
Spur von der Schwäche, Erschlaffung und den Übel-
keiten darbot, welche bei Tanner häufig vorkamen.
Beide Hungervirtuosen wurden noch übertroffen
durch den 20jährigen ital. Maler Merlatti, welcher
volle 50 Tage hindurch, vom 27. Okt. bis 15. Dez.
1886, unter allerdings nicht ganz einwandsfreier
ärztlicher Kontrolle im großen Saal des Grand
Hotel zu P^ris hungerte,' er rauchte bloß täglich
einige Cigarren und trank etwas filtriertes Wasser.
Am Ende des Fastversnchs war sein Körper auf das
äußerste zusammengeschrumpft, die Hände und Füße
erschienen ungewöhnlich lang, das Gesicht war außer-
ordentlich abgemagert, die Nase auffallend spitz,
und aus seinem Munde entströmte ein Geruch, wie
ihn wilde Tiere in Menagerien verbreiten; die ersten
Versuche, wieder Nahrung zu sich zu nehmen, hatten
hartnäckiges Erbrechen zur Folge, und erst nach
Wochen hatte sich sein Magen wieder so weit gekräf-
tigt, daß er ein einfaches Mahl vertrug. Nach einem
fpätern Hungerversuch ging er elend zu Grunde.
Aus der ältern Zeit führt übrigens schon Tiede-
mann einzelne wohlbeglaubigte Fälle an, in welchen
Hungernde, die Wasser genießen konnten, 50 und
mehr Tage ausdauerten.
In Krankheiten, namentlich des Magens, des
Centralnervensystems, bei Verschluß der Speiseröhre
u. s. w., beobachtet man nicht selten, daß fast voll-
kommenes Hungern lange Zeit ertragen wird. Als
lebhaftere Äußerungen des Hungergefühls erscheinen
Heißhunger (s. d.) und Iähhunger. Ersterer
fällt bereits unter das Gebiet der krankhaften Er-
scheinungen, letzterer ist blos eine intensivere Form
des gewöhnlichen H. ^s. Quellen.
Hungerbrunnen, soviel wie Hungerquellen,
Hungergrube, bei den Haustieren eine nor-
mal eingefallene, dreieckige Partie in der Flanken-
gegend zwischen hinterm Rippenbogen und der
Hanke ss. d.) seitlich von den Lendenwirbeln. Die
H. tritt bei schlechtgenährten Tieren besonders her-
vor; sie verschwindet und wird zu einer nach außen
gewölbten Fläche beim Aufblähen ss. d.).
Hungerharke, f. Pferderechen.
Hungerkrankheiten, Erkrankungen mit meist
epidemischem Charakter, wie Flecktyphus, Dysen-
terie, Skorbut u. a., deren Ursachen in der unge-
nügenden Ernährung liegen; sie entstehen durch den
Hunger und sind deshalb die steten Begleiter von
Hungersnöten. In frühern Jahrhunderten haben
die H. eine viel größere Bedeutung besessen als
gegenwärtig, wo die modernen Hilfsmittel des
Verkehrs und der Technik eher gestatten, Hungers-
gefahren vorzubeugen. Daß sie aber jederzeit wieder
möglich sind, lehrt die schwere Hungersnot in Ruh-
land in den 1.1891 und 1892 und beweisen die fast
alljährlich in einzelnen Bezirken Indiens und Chinas
wiederkehrenden Hungersnöte, denen zahllose Men-
schen und Tiere zum Opfer fallen.
Hungerkur (Oui-atio p6riQ6äig.m; ^68totli6i-ä-
pia.) oder Entziehungskur, im allgemeinen jedes
ärztliche Verfahren, welches durch die Entziehung
eines Teils der dem Körper nötigen Nahrungs-
menge eine Verminderung oder gänzliche Auf-
hebung des Stoffanfatzes und dadurch die Heilung
von Krankheiten, insbesondere von entzündlichen
und dyskrasischen Zuständen, herbeizuführen sucht.
Noch eingreifender wirkt die Verbindung einer H.
mit gleichzeitiger Wasserentziehung, wie z. B. bei
der Schrothschen Kur, bei welcher der Patient
wochenlang nur mit trockner Semmel ernährt wird.
In früherer Zeit legte man derartigen Entziehungs-
kuren einen großen Wert bei, namentlich in der Be-
handlung der Syphilis. Gegenwärtig ist man der
Ansicht, daß ein Körper eine Krankheit um so
schwieriger überwindet, je geschwächter derselbe ist,
und man sorgt daher selbst in Krankheiten, bei
denen man sonst am liebsten gar nichs genießen
ließ, wie z. V. beim Typhus, sür eine zeitige Zu-