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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Litteratur

n. Chr. unweit Madras, die letztere durch den berühmten Kailās bei Elura (s. d.) aus dem 8. Jahrh. vertreten. Sie sind die frühesten Vertreter des südind. Stils. Den Zusammenhang mit der in den Höhlenbauten versteinerten Architektur beweisen die sowohl tonnenförmigen als auch kuppelförmigen Dächer dieser Monumente und der an ihnen angebrachten Pavillons sowie das als Ornament verwertete Bogenfenster. Der wichtigste Teil eines Tempels ist die Cella, die das Götterbild enthält und meistens nicht von den Gläubigen betreten wird. Sie hat nur eine Thür, dem Götterbild gegenüber. Kleinere Tempel bestehen oft nur aus der Cella. Jedoch ist derselben gewöhnlich eine Vorhalle vorgelagert, in der die Gläubigen ihre Andacht verrichten. Die Cella, meist mit turmförmigem Dach, überragt an Höhe die Vorhalle (maṇḍapa), während diese an Breite und Tiefe den lichten Raum jener vielfach übertrifft. Zuweilen schließen sich an die erste Vorhalle noch andere an oder an ihren drei freien Seiten befinden sich Portale. Der ganze Komplex kann in einem von einer Mauer umgebenen Tempelhof liegen, in dem je nach Bedürfnis kleinere Kapellchen errichtet werden.

In dem nordindischen Baustil ist der Grundriß der Cella ursprünglich quadratisch; das turmförmige Dach hat schwach gebogene, oben stärker gekrümmte Flächen und trägt eine wuchtige linsenförmige Scheibe mit gekerbtem Rande, worüber noch ein spitzer Aufsatz steht (s. Taf. III, Fig. 1). Die Gliederung ist durchaus vertikal, den Wänden sind breite Pilaster aufgelagert, die manchmal auch eine Nachbildung des Daches in verkleinertem Maßstab tragen. Die Vorhalle hat kein turmförmiges Dach; meist steigt es treppenförmig auf und wird im Innern durch Säulen gestützt, ja zuweilen verwandelt sich die Vorhalle in eine mehr oder weniger offene Säulenhalle. Die Ornamentierung ist reich, Arabesken, Skulpturen (s. Taf. III, Fig. 3) und Statuetten sind überall, namentlich im Innern angebracht. Eine Abart dieses Stils ist der sog. Jainastil. Er zeichnet sich durch seine domförmigen Mandapas aus; dieselben tragen auf vier, acht oder mehr Säulen eine Kuppel, die durch Überkragung von Steinbalken, die auf dem Architrav ruhen, gebildet ist. In einigen Fällen ist der ganze oder größere Teil des Tempelhofs in eine Säulenhalle verwandelt, indem je 4 Säulen eine kleinere Kuppel tragen und dazwischen mehrere größere Dome als Mandapas eingeschaltet sind.

Entfernter verwandt mit dem nordindischen ist der sog. Tschalukjastil im mittlern Teil des Dekan. In demselben ist der Grundriß der Cella sternförmig, ihr Dach pyramidenförmig mit horizontaler Gliederung. Diese Stilarten erhielten sich im Laufe der Zeit nicht rein; die jüngern Tempel haben meist zierlichere und schlankere Formen.

Abweichende Formen zeigt der dravidische Stil im Süden des Dekan. Der Grundriß von Cella und Vorhalle ist ursprünglich ein Rechteck; über der Cella erhebt sich ein aus mehrern Stockwerken bestehender, sich allmählich verjüngender Turm, der eine Kuppel trägt (s. Taf. III, Fig. 2). Manche Tempel sind von einem viereckigen Hof umgeben, zu welchem zwei oder vier Thorbauten führen; diese haben einen pyramidenartigen Turm, der in mehrere Stockwerke geteilt ist und eine tonnenförmige Kuppel trägt. Oft umgiebt ein zweiter, ja dritter Tempelhof den ersten, und dann sind die äußern Thorbauten höher und prächtiger als die innern. In den Tempelhöfen liegen planlos andere Heiligtümer und Gartenanlagen zerstreut. Meistens ist eine Säulenhalle angebracht, die tausend Säulen enthalten sollte (s. Taf. III, Fig. 4).

Von geringerer Verbreitung als die genannten Baustile ist der kaschmirische, in welchem die Cella ein schräges pyramidenförmiges, zweistöckiges Dach und die Thür derselben einen hohen dreieckigen Giebel mit kleeblattartigem innern Bogen hat. Die Säulen sind den Dorischen ähnlich. In Nepal besteht ebenfalls ein besonderer Stil. Das Dach springt an allen Seiten weit vor und ist durch schräge Streben gestützt; meist sind, wie bei den chines. Pagoden, mehrere solcher Dächer übereinander angebracht. Ähnlich sind die Tempel in dem Küstenlande von Kanara, das durch die ganze Länge des Kontinents von Nepal getrennt ist.

Von Indien ging die Baukunst Tibets, Hinterindiens und der ind. Inseln (Java u. s. w.) in frühen Jahrhunderten aus. Man erkennt überall den ind. Geist, wenn auch diese Baustile sich in selbständiger Weise weiter entwickelt haben.

Vgl. Fergusson, History of Indian and Eastern architecture (Lond. 1876); die verschiedenen Bände von Cunningham, Archæological survey of Western India: Rám Ráz, Essay on the architecture of the Hindus (Lond. 1836).

2) Bildnerei. Die Bildnerei hat sich in Indien nicht zu rechter Selbständigkeit entwickelt; sie dient zumeist der Architektur als dekorative Kunst. Die freistehenden Figuren sind meist steif und unnatürlich, die in Hochrelief gemeißelten ohne scharfe Charakteristik und in den Stellungen nur zu oft verzerrt (s. Taf. II, Fig. 2, und Taf. III, Fig. 3 u. 5). Daß die griech. Skulptur auf die indische Einfluß gehabt hat, zeigen Funde im nordwestl. Indien in unverkennbarer Weise.

3) Malerei. Die Malerei tritt ebenfalls oft im Dienste der Baukunst auf, doch ist sie auch als selbständige Kunst gepflegt worden und scheint viel von Frauen und Dilettanten geübt worden zu sein. Ihre Werke sind wegen der Natur des Materials von sehr vergänglichem Charakter. Doch die Wand- und Deckengemälde in den Grottenbauten von Adschanta (s. d.) beweisen, zu welcher Höhe die Malerei in frühen Jahrhunderten gelangt war. (Vgl. Burgeß, Archæological survey of Western India, Nr. 9.) Auch jetzt noch begegnet man unter vielen rohen und schematischen Bildwerken manchen von besserm Geschmack. Namentlich sind die Miniaturen auf Elfenbein mit Recht berühmt.

Das Kunsthandwerk hat in Indien von jeher in hoher Blüte gestanden. Die Sorgfalt des orient. Arbeiters in der Ausführung auch des kleinsten Details, sein Gefühl für gefällige Formen und wirksame Farbenkontraste haben auf allen Gebieten des Kunstgewerbes Bewunderungswertes zu Tage gefördert. (S. Tafel: Indische Kunst I.)

Indische Litteratur. Die I. L. tritt uns in ihrem ältesten Denkmal, dem Ṛgvēda (gewöhnlich Rigveda genannt), bereits als ein völlig abgeschlossenes und national scharf ausgeprägtes Ganzes entgegen. Über die Zeit des Ṛgvēda läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Er muß jahrhundertelang vor Buddha, also mindestens um 1000 v. Chr., schon Autorität gewesen sein, da die spekulative Lehre Buddhas die Philosophie der Brāhmaṇa voraussetzt, die ihrerseits die Veden zur Grundlage haben. Auf Grund astron. Angaben hat Bal Gan-^[folgende Seite]