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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Litteratur

Jolly herausgegeben (Kalkutta 1885), die Vishṇusmṛti derselbe (ebd. 1884). 28 verschiedene Werke dieser Art sind vereinigt in dem Dharmaçāstrasaṃgraha (Bombay 1883). Außerdem giebt es eine große Zahl von Werken über verschiedene Teile des Rechts. Vgl. Jolly, Outlines of an history of the Hindu law of partition, inheritance and adoption (Kalkutta 1885); West und Bühler, A digest of Hindu law (Bombay 1867-69; 3. Aufl. 1884). In der Rhetorik ist das älteste Werk das Bhāratīyanāṭyaçāstra, das an den Anfang der klassischen Zeit gehören dürfte. Eine Ausgabe in der Kāvyamālā ist fast vollendet. Andere kommen unten zur Sprache, ebenso wie die wichtigsten mathem. und astron. Werke, da deren Zeit feststeht. Auch über Medizin besitzt man viele Werke, worunter das berühmteste das Āyurvēdaçāstra des Suçruta ist, danach die Saṃhitā des Tscharaka (hg. Kalkutta 1877 u. sonst). (Vgl. Wise, Commentary on the Hindu system of medicine, 2. Aufl., Lond. 1860.) Aus dem Gebiet der Tierarzneikunde sind uns bekannt das Açvavāidyaka des Dschajadatta und das Açvacikitsita des Nakula, beide über Roßheilkunde (hg. in der "Bibliotheca Indica", Kalkutta 1887). Von der Litteratur über Musik ist noch wenig bekannt. Vgl. Tagore, Hindu music from various authors (Kalkutta 1875); Grosset, Contribution à l’étude de la musique hindoue (ohne Ort und Jahr).

Die älteste Form der epischen Erzählung war eine Mischung von gebundener Rede und Prosa. So kann man es noch an den buddhistischen Jātaka beobachten, und eben darauf weisen die epischen Lieder des Ṛgvēda hin. Fixiert waren nur die Verse, während der verbindende Prosatext von den Rhapsoden jedesmal frei hinzugefügt wurde. Das Gleiche gilt von den Anfängen des Dramas, das eine durchaus nationale Schöpfung der Inder ist, völlig unberührt von jedem fremden Einfluß. Der Ṛgvēda enthält bereits eine Anzahl dramatisch gehaltener Lieder; im Epos treten die handelnden Personen ganz wie bei Homer immer selbst redend auf und Gesang, Instrumentalmusik und Tanz waren von ältester Zeit an beliebt. Zwischen die Gesänge und Tänze wurde anfänglich ein improvisierter Dialog eingeschoben, eine Stufe der Entwicklung, auf der die sog. yātras, die Volksschauspiele in Bengalen, heute noch stehen. Hier wird in Bühnenanweisungen nur der Verlauf der Handlung angegeben, die nähere Ausführung bleibt dem Schauspieler selbst überlassen. Das gleiche Gepräge zeigen Stücke aus Nepal und teilweise das Drama Mahānāṭaka oder Hanumannaṭaka, das trotz starker Überarbeitung für die Geschichte des ind. Dramas von größter Wichtigkeit ist. Bis in die späteste Zeit hinein findet man Stücke, in denen nur ein Schauspieler auftritt und die lediglich eine Art Recitation sind. Das klassische Drama hat die Erinnerung an seinen Ursprung noch treu bewahrt. Es wechselt auch hier Prosa mit gebundener Rede ab; Frauen und Personen niedriger Herkunft sprechen Prākrit. Sehr einfach war die Technik des ind. Dramas. Das Schauspielhaus wurde aus Lehm und Holz errichtet, Säulen und bemalte Wände machten die ganze Dekoration aus; alles übrige drückte der Schauspieler durch bestimmte Bewegungen des Körpers, Stellungen der Hände und durch Gegenstände aus, die er in die Hand nahm. Der Phantasie des Zuschauers blieb das meiste überlassen. Leider sind ältere Dramen gar nicht erhalten und auch von der großen Masse der übrigen Litteratur, abgesehen von der erwähnten, der in Pali geschriebenen Litteratur der Buddhisten und der in Prākrit geschriebenen Litteratur der Dschains, sind bis zum 6. Jahrh. n. Chr. Einzelwerke fast gar nicht erhalten. Der Hauptgrund liegt jedenfalls darin, daß alles was an Sage und Märchen, an epischer Erzählung und Götterlegende in Indien umlief, in das große Nationalepos, das Mahābhārata und Purāṇa, aufgenommen und dort überarbeitet wurde. Das zweite Nationalepos, das Rāmāyaṇa, ist ein Kunstgedicht und gehört schon an den Anfang der klassischen Zeit selbst.

Diese klassische Zeit pflegte man erst mit dem 6. Jahrh. n. Chr. beginnen zu lassen und Max Müller ("Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung", übersetzt von C. Cappeller, Lpz. 1884, S. 245 fg.) wollte ein litterar. Interregnum annehmen, das vom 1. Jahrh. v. Chr. bis wenigstens zum 3. Jahrh. n. Chr. gedauert habe. Die indoskytischen Könige, die seit dem 1. Jahrh. v. Chr. erobernd in Indien vordrangen, aber nur einen kleinen Teil, vorwiegend den Westen, dauernd beherrschten, haben jedoch nicht störend in die Entwicklung eingegriffen, vielmehr sich ihrerseits dem Einflusse der ind. Kultur nicht entziehen können. Das beweist namentlich Kanishka, der mächtigste dieser Fürsten, der sich 78 n. Chr. zum Könige krönen ließ und von diesem Jahre seine Ära datierte, die noch heute in Indien eine der beiden Hauptären ist, nach denen man rechnet. Er war ein großer Gönner des Buddhismus und die ind. Tradition versetzt glaubwürdig an seinen Hof den Açvaghosha, den Dichter des Buddhacarita oder Buddhacaritakāvya, eines Kunstgedichtes, das nicht vollständig erhalten und von dem nepalesischen Pandit Amṛtānanda 1830 ergänzt worden ist (hg. von Cowell in den "Anecdota Oxoniensia", Oxford 1893). Dieses Gedicht ist 420 n. Chr. bereits ins Chinesische übersetzt worden (ins Englische übertragen von S. Beal, "Sacred Books of the East", Bd. 19, Oxford 1883), im 7. oder 8. Jahrh. ins Tibetanische, und trägt bereits völlig den Charakter der spätern Kunstgedichte, der sog. mahākāvya (s. S. 568 a.). Açvaghosha ist bis jetzt der älteste bekannte Dichter, der in der Art der klassischen Zeit dichtete und dieser "Ennius der klassischen Zeit der Sanskrit-Poesie" beweist, daß diese Litteratur viel älter ist als man bisher annahm. Das Gleiche ergiebt sich aus den Inschriften. Man ersieht aus ihnen, daß schon im 2. Jahrh. n. Chr. die Poesie eifrig gepflegt wurde und die Inschriften der Könige und Satrapen der mächtigen Guptadynastie (hg. von Fleet, "Corpus inscriptionum indicarum", Bd. 3, Kalkutta 1888) beweisen, daß im 4. Jahrh. n. Chr. die Poesie unter genau denselben Bedingungen blühte wie in der vedischen Zeit. Auch damals suchten die Dichter die Nähe der Fürsten, schmeichelten ihnen in übertriebener Weise und erlangten an den Höfen Ehre und Gewinn. Die Guptainschriften unterscheiden sich in Sprache und Form durchaus nicht von den Dichtungen des 6. Jahrh., das den Höhepunkt der klassischen Zeit darstellt. (Vgl. Bühler, Die ind. Inschriften und das Alter der ind. Kunstpoesie, Wien 1890, in den "Sitzungsberichten" der Wiener Akademie, Bd. 72.)

Ein Versuch, die I. L. chronologisch anzuordnen, muß sich anlehnen an die Geschichte der ind. Könige. Unter ihnen ragt hervor Vikramāditja von Ud-^[folgende Seite]