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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien (Geschichte 1849-70)

Frankreich seine Truppen in Rom und Umgebung verstärkte, übernahm Victor Emanuel selbst den Oberbefehl, um Garibaldi zuzueilen. Nachdem bereits Ende Oktober die Volksabstimmung in Sicilien, Unteritalien, Umbrien und den Marken für den Anschluß an Piemont mit ungeheurer Mehrheit entschieden hatte, zog der König an Garibaldis Seite 7. Nov. in Neapel ein. Garibaldi zog sich nun wieder nach Caprera zurück und überließ Victor Emanuel die Vollendung seines Werkes. Nach Abfahrt der franz. Flotte, welche Gaëta von der See her gedeckt hatte, fiel die Festung 18. Febr. 1861. Darauf stimmte 10. März 1861 das erste ital. Parlament dem Beschlusse des Senats vom 26. Febr. zu, wonach Victor Emanuel II. den Titel König von I. annahm. Noch war aber eine schwere Arbeit zu thun. Während die Aktionspartei auf ein sofortiges Vorgehen gegen Rom und Venetien hindrängte, mußte die Regierung auf die Sicherung des Erworbenen bedacht sein. Zu den Schwierigkeiten, welche die Aufnahme der Offiziere und Truppen Garibaldis in das ital. Heer bereitete, kam das Aufflammen des Brigantentums und der Camorra (s. d.) in Unteritalien. Allenthalben handelte es sich um Einführung der gemeinsamen Währung und Zollgrenze und übereinstimmender Tarife, sowie einer gleichen Gesetzgebung und Verwaltung und um die Verbindung der Landesteile durch Eisenbahnen, endlich um die Verschmelzung der Budgets und die Ordnung der Finanzen, für die aus dem Krieg und der Übernahme der Schulden der gewonnenen Gebiete eine ungeheure Last erwachsen war. Mitten aus dieser Arbeit riß 6. Juni 1861 Cavour der Tod hinweg. Seine Nachfolger zeigten, was er für I. gewesen war. Minghetti, welcher in das neue Ministerium Ricasoli eingetreten war, stürzte über dem Antrage einer Teilung I.s in 12 ziemlich selbständige Provinzen; Ricasoli mußte zurücktreten, als er nach erfolglosen Verhandlungen mit Rom und Frankreich die Aktionspartei nicht mehr im Zaume zu halten vermochte. Rattazzi, der nun ans Ruder kam, begünstigte zuerst heimlich die von Garibaldi und seinen Anhängern in Scene gesetzten Handstreiche auf Friaul und Rom, unterdrückte dann aber den erstern durch Verhaftung der bereits in Sarnico sich sammelnden Anhänger Garibaldis. Darauf machte er diesem wieder Hoffnungen, verkündete aber, als er losschlug, in Unteritalien den Belagerungszustand und ließ, durch die Haltung Frankreichs und Englands eingeschüchtert, Garibaldi reguläre Truppen bei Aspromonte entgegentreten (29. Aug. 1862). Die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ging daraufhin an Farini über (Dez. 1862); dieser erkrankte jedoch bald, worauf Minghetti an die Spitze trat. Die Angriffe, welche die 15. Sept. 1864 von letzerm mit Frankreich bezüglich der röm. Frage abgeschlossene Konvention erfuhr, veranlaßten 23. Sept. den Rücktritt Minghettis und die Berufung La Marmoras. Unter ihm ging Sella als Finanzminister mit Ernst an die Rettung vor dem drohenden Bankrotte. Außer einem laufenden Deficit von 200 Mill. Frs. galt es eine schwebende Schuld in der Höhe von 600 Mill. Frs. von den letzten Jahren her zu decken. Es gelang durch Vorauserhebung von Steuern, Erhöhung anderer und Aufnahme von 425 Mill. Frs. Nachdem es aber dann Sella noch geglückt war, die Mahlsteuer durchzusetzen, führte sein Antrag, der Banca Romana die Verwaltung des Staatsschatzes zu überweisen, zu seinem Sturze. Gleichzeitig hatte sich der Gegensatz zwischen Preußen und Österreich immer mehr zugespitzt, und es waren zwischen Preußen und I. zuerst ein Handelsvertrag abgeschlossen, dann Verhandlungen über ein Bündnis angeknüpft worden. Dieses, 8. April 1866 abgeschlossen, sicherte I. im Falle eines gemeinsamen siegreichen Krieges Venetien zu. Österreich bot jetzt durch Napoleon I. als Preis seines Rücktrittes von diesem Bündnisse selbst Venetien an, brachte aber dann den Krieg zum Ausbruch, ehe noch I. sein Heer vollständig hatte schlagfertig machen und seine Finanzen notdürftig ordnen können. (S. Italienischer Krieg von 1866.) Unter Garibaldis Fahnen strömten zwar zahlreiche Freiwillige zusammen, aber ihre Masse beeinträchtigte nur ihre Verwendbarkeit und die königl. Truppen erlitten in dem ohne Umsicht geführten Kriege die Niederlage von Custozza (24. Juni 1866), welche den Österreichern ermöglichte, ihre Truppen großenteils aus I. nach den bedrohten Punkten nördlich der Alpen zu werfen. Als hier die Schlacht von Königgrätz (3. Juli) für Preußen entschieden hatte, trat Kaiser Franz Joseph von Österreich Venetien an Napoleon III. ab, indem er ihn um Friedensvermittlung ersuchte. Noch schlimmer als in Oberitalien und im Trentino ging es den Italienern zur See, wo Persano bei Lissa 20. Juli gänzlich geschlagen wurde. In dem Friedensschlusse vom 3. Okt. erlangte denn auch I. nur Venetien und das Festungsviereck; das Trentino wurde verweigert. Kurz nach Victor Emanuels Einzug in Venedig (7. Okt.) räumten die Franzosen in Erfüllung der Septemberkonvention Rom, wo inzwischen der Papst eine Soldtruppe gebildet hatte; ein franz. Heer wurde aber in der Provence in Bereitschaft zur Deckung des Papstes gestellt. Schon im Sept. 1866 war jedoch in Palermo eine Erhebung ausgebrochen, die von Cadorna blutig niedergeworfen werden mußte, und nun kam es zu einem Zwiste zwischen der Kammer und dem Ministerium Ricasoli, der während des Krieges für La Marmora die Leitung übernommen hatte. Grund waren die finanziellen Bedrängnisse des Staates und die Pläne, welche Ricasoli betreffs ihrer Behebung hatte. Er schlug nämlich eine Einziehung geistlicher Güter bez. eine scharfe Besteuerung des Klerus vor, während man vorher dem Klerus sehr entgegengekommen war und ihm auch weitere grundsätzliche Zugeständnisse in Aussicht stellte. Dies brachte aufs neue die Aktionspartei mit Rattazzi ans Ruder. Rattazzi wiederholte alsbald seine frühern Fehlgriffe, indem er eine zweite Unternehmung Garibaldis auf Rom förderte; als aber Napoleon III. sich ernstlich gegen eine solche erklärte, trat er zurück. Während nun Cialdini sich abmühte, ein neues Kabinett von Dauer zusammenzubringen, stellte sich Garibaldi an die Spitze seiner bereits im Kirchenstaat eingedrungenen Freischaren, erlitt aber durch die unmittelbar darauf gelandeten Franzosen 3. Nov. 1867 die schwere Niederlage von Mentana. Nach der Berufung des entschieden konservativen Menabrea zum leitenden Minister und dem Scheitern von Garibaldis zweitem Angriff auf Rom trennte sich die republikanische Partei wieder ganz von der Regierung. Dieser gelang es aber, dank den Bemühungen Cambray-Dignys, in den nächsten Jahren einige Besserung in den Finanzen zu erzielen, freilich nur durch neue Steuererhöhungen und durch Mono-^[folgende Seite]