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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien (Geschichte 1870 bis zur Gegenwart)

staate selbst verleugnete Drohung gegen ein irredentistisches I. enthielten. Trotz der Höhe der Staatsschuld, welche sich bereits 1. Jan. 1876 auf 8445 Mill. Frs. belief, wurde Florenz, das für seine vorübergehende Stellung als Hauptstadt große Ausgaben gemacht hatte und tief in Schulden geraten war, eine staatliche Beihilfe bewilligt. Als es sich aber um eine Steuererhöhung behufs Aufhebung der Mahlsteuer handelte, kam das Kabinett Depretis zu Fall; die Leitung übernahm wieder Cairoli (Juli 1879), mußte jedoch schon Ende November Depretis sich wieder beigesellen.

Das Ministerium Cairoli-Depretis erlangte die Zustimmung der Kammer für seine auswärtige Politik, stieß aber dann bei der Budgetberatung auf solche Feindseligkeit, daß die Kammer aufgelöst werden mußte. Die Neuwahlen ergaben eine kleine Verstärkung der Rechten. Ganz zu Gunsten dieser und der Klerikalen fielen auch die Provinzial- und Kommunalwahlen in Rom aus. Die Abänderung des Wahlgesetzes, durch welche das Wahlrecht von 650000 auf mehr als 2½ Mill. Köpfe ausgedehnt wurde, indem der Census auf 19,80 Frs. direkte Steuern und das nötige Alter auf 21 Jahre zurückgesetzt wurde, erhielt ebenso wie das Listenscrutinium erst 1881 bez. 1882 die Zustimmung des Senats; die Verlängerung der Handelsverträge mit Belgien, Frankreich, Deutschland, England und der Schweiz wurde noch 1880 von der Kammer genehmigt. Dem Einmarsch franz. Truppen in Tunis März 1881) folgte 12. Mai 1881 der Vertrag von Bardo, durch welchen das von vielen Italienern bewohnte Tunis dem Protektorat Frankreichs unterstellt wurde. Das Kabinett Cairoli, welches sich in seiner Vertrauensseligkeit hatte täuschen lassen, mußte nun zurücktreten. Dennoch verblieb die Staatsleitung der Linken; Depretis, der wieder an Cairolis Stelle trat, nahm aber in sein Ministerium Mancini auf, der, von der öffentlichen Erbitterung über Frankreichs Vordringen in Nordafrika getragen, nun I. dem Bunde Deutschlands und Österreichs zuzuführen unternahm. Ein erster Schritt hierzu war König Humberts Reise nach Wien Ende Okt. 1881, welcher scharfe Maßregeln gegen die Irredenta und eine Verstärkung des Heers von 330000 Mann Linie und Reserve und 150000 Mann Landwehr auf 430000 bez. 200000 Mann folgten. Trotz der Mehrausgaben von 128 Mill. Frs. für Armee und Befestigungen, namentlich der Umgebung von Rom, gestalteten sich aber die Finanzen immer günstiger; 1875 war zuerst ein Überschuß von 14 Mill. Frs. erzielt worden, 1881 ergab sich ein solcher von 50 Mill. Frs. Das Gesetz vom April 1881 verordnete die Aufhebung des Zwangskurses; zugleich konnte I. mit der Erwerbung von Assab in Afrika Fuß fassen. Der Tod Garibaldis, 2. Juni 1882, war namentlich ein Schlag für die Radikalen, die jedoch nach Auflösung der Kammer bei den Neuwahlen vom 29. Okt. 1882 sich von 30 auf 50 Köpfe vermehrten. Dies hatte eine stärkere Anlehnung Depretis' an die Rechte zur Folge.

Schwierigkeiten brachte aber die ital. Politik in Afrika, wo man sich 1885 den König Johannes von Abessinien (s. d., Bd. 1, S. 38 b) durch Besetzung von Massaua zum Feinde machte. Die ital. Truppen erlitten die Niederlage bei Saati in der Nähe von Dogali (25. Jan. 1887). Aus der infolge dieser Niederlage entstandenen Ministerkrise ging Depretis nochmals 4. April 1887 als Präsident hervor; doch hatte er von der Linken Crispi als Minister des Innern und Zanardelli als Justizminister aufnehmen müssen. Als aber Depretis schon 29. Juli 1887 starb, übernahm Crispi das Auswärtige und das Präsidium im Kabinett. Am 9. Dez. 1887 erklärte er der erstaunten Kammer, daß er keine Parlamentsregierung dulden, sondern fest für eine konstitutionelle Regierung eintreten werde. Nachdem I. einen Teil der Verstärkungen wieder aus Afrika zurückgenommen hatte, traf die zurückgebliebenen zwei Freiwilligenregimenter bei Saganeiti 8. Aug. 1888 eine zweite schwere Niederlage durch den Neffen des Negus, Debeb. Mit diesen Mißerfolgen am Roten Meer hing es zusammen, daß der neue Sultan von Sansibar, Said Chalifa, die von seinem Vorgänger, Said Bargasch, zugesagte Abtretung des Kismaju-Gebietes an der Mündung des Jubaflusses ablehnte; daraufhin schloß sich I. der deutsch-engl. Blockade der Insel an. Ihrer afrik. Verlegenheiten wurde die ital. Regierung dadurch enthoben, daß König Johannes 11. März 1889 in einer Schlacht gegen die Derwische fiel und nun ein Thronfolgestreit zwischen seinem Neffen Debeb und Mongascha und seinem Schwiegersohn Menilek von Schoa ausbrach. Nachdem Menilek in Adua, der Hauptstadt des Tigre, Febr. 1890 eingezogen, in Antoto als Menilek II. zum Negus Nagast von Äthiopien gekrönt worden war, kam 5. März 1890 ein Vertrag mit Menilek zu stande, demzufolge sich I. und Abessinien gegenseitige Handelsfreiheit zusprachen, letzteres sich zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zur Benutzung ital. Vermittelung bei allen Verhandlungen mit auswärtigen Mächten verpflichtete; ferner erhielt I. gegen Verbürgung einer Anleihe von 4 Mill. Frs. die Zolleinnahmen von Harrar zugesichert und seine Souveränität in seinen Besitzungen am Roten Meer bestätigt, wofür es Menilek als Kaiser von Äthiopien anerkannte. Die afrik. Erwerbungen hatten allmählich eine ziemliche Ausdehnung gewonnen, da I. Febr. 1889 die Schutzherrschaft über das Sultanat von Opia und Nov. 1889 die Schutzherrschaft über diejenigen Teile von Ostafrika übernommen hatte, welche zwischen den 1886 dem Sultan von Sansibar zuerkannten Ortschaften liegen. (S. Erythräa.) Crispis Ausdauer in diesem von ihm ursprünglich nicht gebilligten Unternehmen belohnte ein von Menotti Garibaldi beantragtes Vertrauensvotum der Kammer 6. März 1889, und seine Nachfolger Rudim und Giolitti schreckten zwar vor weiterm Aufwand für die neue Kolonie und deren Vergrößerung zurück, bestanden aber auf Erhaltung des Erworbenen.

Die Stellung zum Ausland und zum Vatikan änderte sich nicht, seit die Ausbreitungsbestrebungen Frankreichs in Nordafrika und die Rußlands in der Balkanhalbinsel sowie die immer klarer hervortretenden Bemühungen auch Leos XIII. für die Wiederherstellung der weltlichen Macht der Kurie I. bewogen hatten, dem Deutsch-Österreichischen Bunde beizutreten. Crispis Erklärung vom 4. April 1887, er halte ein friedliches Zusammenleben von Frankreich und I. für notwendig, hinderte nicht, daß nach vielen Verhandlungen dennoch 1. März 1888 ein unnachsichtiger Zollkrieg zwischen Frankreich und I. ausbrach, durch welchen dieses schon im ersten Jahr die Hälfte seiner Ausfuhr nach Frankreich, im Betrag von 173 Mill. Frs., einbüßte, während die franz. Einfuhr nach I. nur um ein Drittel (62 Mill. Frs.) zurückging. Weitere Schwierigkeiten suchte Frank-^[folgende Seite]