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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien (Geschichte 1870 bis zur Gegenwart)

sturm der Irredentisten auf den Dreibund daran fest, daß dieser um so mehr erhalten bleiben müsse, als er I. keinerlei Mehrausgaben für Heer und Marine auflege, und verlängerte die Bündnisverträge vor ihrem Ablauf. Ebenso wurde auf der überkommenen Kolonialpolitik verharrt trotz des zweideutigen Gebarens König Menileks. Ende 1891 trat Rudinì nochmals für I.s Festhalten am Dreibund öffentlich ein, wies gleichzeitige Angriffe auf die Garantiegesetze ebenso von sich als eine Politik der Abenteuer in Afrika, da es sich für I. zunächst um Sammlung und Vermeidung weiterer Heeresausgaben handle. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt war nach Luzzattis Angabe vom 1. Dez. auf 1 Mill. Frs. für 1891/92 vermindert, während er für 1892/93 einen Überschuß von 9 Mill. Frs. in Aussicht stellte. Nachdem aber 20. Jan. 1892 die Zollverträge mit Deutschland durch die Kammer genehmigt worden waren, mußte bereits im Februar für 1891/92 ein Fehlbetrag von 75, für 1892/93 ein solcher von 20-30 Mill. Frs. eingeräumt werden; da aus Pelloux' Vortrag hin die Kammer davon absah, die Heeresorganisation zu ändern und auf militär. Gebiete große Ersparungen zu suchen, so mußten die Ausgaben in der Verwaltung beschränkt und der Aufwand beim Bau neuer Eisenbahnen auf jährlich 30 Mill. Frs. herabgemindert werden.

Außerdem erfolgte 14. bis 21. April eine Neubildung des Ministeriums Rudinì unter Rücktritt des Finanzministers Colombo, dem aber Rudinìs eigener Sturz in kurzem folgte. An seine Stelle trat Giolitti, dessen Programm die Besserung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage des Landes an die Spitze stellte, wobei er jedoch unter Festlegung der jährlichen Heeresausgaben auf 246 Mill. Frs., an der auswärtigen Politik der Bündnisse, die auf Frieden ziele, festzuhalten versprach. Im Juni 1892 fand sich Humbert mit der Königin und dem Minister des Auswärtigen Brin in Berlin ein, worauf Brin und dann Giolitti selbst 3. Nov. die Notwendigkeit betonten, am Dreibund festzuhalten und die nicht durch diesen, sondern durch die allgemeine Lage Europas auferlegten Rüstungen zu tragen. Die Columbusfeier gab in Rom 7. Aug. Anlaß zu einem Zusammenstoß zwischen Klerikalen und Liberalen, 9. Sept. in Genua Gelegenheit zu einem glänzenden Flottenfeste. Nachdem 7. Juli an Stelle Ellenas Grimaldi das Schatzministerium übernommen und nachdem Giolitti sein zweites, ausschließlich finanzielles Programm veröffentlicht hatte, worin er erklärte, durch Erleichterung der Pensionslast, Einführung des Petroleummonopols, Steuerreform und Reform der verschiedenen Verwaltungszweige das Gleichgewicht erreichen und die spruchreifen socialen Fragen in Angriff nehmen zu wollen, wurde die Kammer 12. Okt. aufgelöst. Die Neuwahlen 6. Nov. fielen überwiegend zu Gunsten der Linken und Giolittis aus, dem sie eine Mehrheit von mehr als 300 Abgeordneten brachten. Während sich Crispi 20. Nov. zu Palermo in einem dem Dreibund und der Monarchie wenig günstigen Sinne aussprach, hob der König in der Thronrede 23. Nov. die friedlichen Gesinnungen der Regierungen hervor und sicherte die Herstellung des Gleichgewichts ohne Erschwerung für die Steuerzahler zu.

Die Finanzfrage stand auch 1893 wieder im Vordergrund, daneben war die Aufmerksamkeit auf das Problem der Verschmelzung der Banken gerichtet. Außerdem wollte Martini die Universitäten von 22 auf 12 vermindern; Bonacci verlangte die Einsetzung einer einzigen obersten Instanz auch in Strafsachen. Aber dem Ministerium fehlte die Mehrheit einer geschlossenen, thatkräftigen Partei in der Kammer um so mehr, als Giolitti sich immer mehr als Mann der Augenblicksauskünfte offenbarte und insbesondere sich bei dem raschen Verzicht auf seinen Antrag, die Emissionsbefugnis der Banken auf weitere sechs Jahre unter Verschärfung der Aufsicht und Verstärkung des Reservefonds zu erstrecken, schwach gezeigt hatte. Dazu kam, daß der Senat infolge eines nicht sorgfältig gewählten Senatorenschubs und bei seiner Nichtvertretung im Kabinett Giolittis schwierig war. Schon im Januar aber nahm die Römische Bank ganz die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch, da sich herausstellte, daß deren Leiter Bernardo Tanlongo ohne Befugnis und ohne Deckung 60 Mill. Papiergeld in Umlauf gesetzt hatte. Während dann bereits im Februar ein Kammermitglied sich in den Prozeß der Banca Romana verwickelt sah, fand Grimaldi mit seiner Budgetvorlage und seinem Vorschlag, den Fehlbetrag wieder durch eine Belastung der Zukunft behufs Zahlung der Hälfte der Pensionen zu verdecken, zunächst üble Aufnahme, und das Vertrauen des Landes zu der Regierung schwand zusehends. Doch wurde die Silberne Hochzeit König Humberts im April unter warmer Teilnahme des ganzen Volks gefeiert, und das Familienfest gewann eine äußere polit. Bedeutung durch die Teilnahme des Großfürsten Wladimir von Rußland und durch Kaiser Wilhelms II. dritten Besuch in Rom, diesmal mit der Kaiserin, sowie durch die Entsendung des Erzherzogs Rainer von Wien. Nachdem bei der Beratung des Marinebudgets von Ricotti vor übermäßiger Sparsucht in den Ausgaben für das Heer gewarnt worden, zugleich aber wieder der Plan einer Verminderung des Heers von 12 auf 10 Armeekorps aufgetaucht war, sah sich das Kabinett Giolitti gezwungen, seine Entlassung einzureichen anläßlich der Verwerfung des Budgets der Justiz; der König bewilligte jedoch nur den Rücktritt des Justizministers Bonacci (Mai 1893). Schwierig aber fand die Regierung den Senat bezüglich der Finanzpläne; doch wich letzterer schließlich einem Zwist mit der Kammer aus und gewährte bei Beratung des Pensionsgesetzes Giolitti die gesuchte Anleihe. Verhältnismäßig wenig Beachtung wurde im Lande dem unerfreulichen Gang der Dinge in Afrika geschenkt, wo Menilek, von russ. und franz. Seite unterstützt, die Verpflichtung des Vertrags von Uccialli zur Benutzung ital. Vermittelung im auswärtigen Verkehr und damit das Protektorat I.s über Abessinien abzuschütteln suchte. Trotz der Hinweise des parlamentarischen Untersuchungsausschusses für die Bankfrage auf Beteiligung von Kammermitgliedern an den stattgehabten Unregelmäßigkeiten trat die Kammer noch Anfang Juni in die Beratung des Bankgesetzes ein. Nachdem Senat und König dasselbe 4./5. Aug. bestätigt hatten, entschloß sich die Regierung wenigstens zur Ausgabe von 30 Mill. Einfrankenbillete, um dem Mangel an Kleingeld abzuhelfen. Neue Schwierigkeiten verursachte die schmähliche Mißhandlung ital. Arbeiter in Aigues-Mortes im August, die in I. überall größte Entrüstung, in Rom, Messina, Genua und Neapel erhebliche Ruhestörungen zur Folge hatte. Die Veröffentlichung der Untersuchungsakten des Prozesses der Banca Romana, dem der Rücktritt des Justizministers Santamaria im September folgte, steigerten noch die öffentliche Erregung. Die