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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italienische Kunst

beiden Lunghi u. a., welche den Barockstil zu seiner klassischen Höhe zu erheben halfen und ihn auf kurze Zeit zum herrschenden in Europa machten. Die höchste Steigerung in barocker Überladung und Lust am Absonderlichen erhielt die Baukunst durch den vorzugsweise in Turin thätigen Guarino Guarini (s. d.). Ihm gegenüber erscheint selbst die Schule von Bologna (die Künstlerfamilien Bibiena, Mauri) und der ihr verwandte Andrea Pozzo (1642-1709) gemäßigt, welche namentlich in perspektivischen Wirkungen und Künsteleien ihre Aufgabe suchten, dem Theaterbau dienten und daher auch theatralisch in ihrer Architektur sind.

Der Rückschlag zum Klassicismus (s. d.) erfolgte im Anfang des 18. Jahrh. unter dem Einfluß der franz. und engl. Kunst durch den in Turin thätigen Filippo Juvara (1685-1735) und den in England gebildeten Alessandro Galilei (1691-1737; s. Taf. II, Fig. 4), der mit Ferdinando Fuga (1699-1780) die strengere Kunstauffassung nach Rom trug, endlich durch den in Neapel thätigen Vanvitelli (1700-73). Zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrh. war die Baukunst völlig klassicistisch geworden, wenngleich in Italien die Einwirkung der Hochrenaissance sich stärker geltend machte als in andern Ländern. Simonetti, Morelli und Raffael Stern in Rom, Luigi Paoletti in Florenz, Giuseppe Piermarini in Mailand, Gian Giacomo Dotti und Carlo Bianconi in Bologna sind die wichtigern unter den Trägern dieser Richtung. Auch der got. Stil wurde, wenn auch mit bescheidenem Verständnis, gepflegt, wie der Ausbau des Doms zu Mailand durch Amati und Zanoja (bis 1813) beweist.

Eine höher entwickelte moderne Baukunst war in Italien infolge der Zerrissenheit des Landes erst seit 1866 möglich. Zahlreiche Restaurierungen gaben Veranlassung zu Neuschöpfungen im alten Geist. Darunter nehmen die erste Stelle ein die Façaden des Doms zu Florenz von De Fabris (1875-87) und zu Mailand von Ferrario (noch unvollendet). Nicht ganz so glücklich ist die Wiederherstellung von San Paolo fuori le mura zu Rom seit dem Brande von 1823 und andere Erneuerungen namentlich in Rom. Die moderne Baukunst zeigt eine strengere Anlehnung an die Hochrenaissance. Die Bauthätigkeit entfaltete sich nach Beendigung der österr. Herrschaft in der Lombardei, namentlich in Mailand, wo Giuseppe Mengoni 1865-67 die prachtvolle Galleria Vittorio Emanuele mit den anstoßenden Geschäftshäusern nach Freilegung des Domplatzes erbaute und Carlo Maciacchini den prächtigen neuen Friedhof eröffnete. Turin folgte dem Beispiele mit dem Ausbau des Palazzo Carignano von Ferri und Bollati (1864), der Errichtung der Galleria Industriale (1873 von Carrera), der großartigen Synagoge (1863 von A. Antonelli begonnen) sowie der Kuppel des Doms zu Novara (von demselben); Florenz machte namentlich in der Zeit, in welcher es Reichshauptstadt war, großartige Anstrengungen zu seiner architektonischen Verschönerung: der Bau des Palazzo Fenzi (1871 von Landi), die Anlage des Piazzale Michelangiolo, die Freilegung des Mercato nuovo sind Beweise hierfür; Bologna schuf die Piazza Cavour und die schönen von Cipolla entworfenen Renaissancepaläste Silvani und der Banca Nazionale, den von Mengoni geschaffenen Palazzo della cassa di risparmio und den Palazzo Guidotti von Monti. Der große Aufschwung im Handel, welchen Genua nahm, äußerte sich außer in den großartigen Hafenbauten in der Anlage der Via Roma mit der sie begleitenden Galleria Mazzini, in dem kostbaren, an der Berglehne sich hinziehenden Corso Solferino, beide mit ansehnlichen Neubauten, und endlich in Resascos feierlich ernstem Campo Santo. In Neapel sind es namentlich die Häuser längst der schönen Uferstraßen (Chiaja, della Pace, Sta. Lucia), welche die Aufmerksamkeit erwecken. In Rom datiert die erneute leidenschaftliche Bauthätigkeit vom Einzug der ital. Truppen 1870. Sie erhielt ihre Richtung durch die Anlage neuer Straßen, namentlich der Via nazionale, des Durchbruchs des Corso nach dem Tiber und der Anlage des großartigen Denkmals für König Viktor Emanuel auf dem Kapitol durch Conte G. Sacconi. Östlich von Sta. Maria Maggiore, auf dcm Esquilin, entstand eine neue, im modernen Sinne planmäßig und geradlinig angelegte Stadt mit einer Reihe großartiger öffentlicher Gebäude, darunter der mächtige Justizpalast von G. Calderini, der Palazzo delle finanze, die Poliklinik von Podesti, das Teatro drammatico von Azurri, die Nationalbank von Gaetano Koch, zahlreiche Paläste von Piacentini, Mariani de Angelis, Ojetti u. a.; Villen von Giovenale, das Aquarium von Bernich, Kirchen von Carimini u. a. m. Jedenfalls verdient die moderne ital. Baukunst eine höhere Beachtung, als ihr durch die Reisenden bisher angesichts der alten Schätze gewidmet wird.

Litteratur. Vasari, Le vite de' più eccellenti pittori, scultori ed architetti (Flor. 1550; neue Ausg. von Le Monnier, ebd. 1846-70; von Milanesi, ebd. 1878 fg.; Übersetzung von Förster und von Schorn, Stuttg. 1832-49); Ricci, Storia dell'architettura in Italia (3 Bde., Modena 1857 fg.); Strack, Central- und Kuppelkirchen der Renaissance in Italien (Berl. 1882); Laspeyres, Die Kirchen der Renaissance in Mittelitalien (1. Tl., Stuttg. 1881-82); Mothes, Die Baukunst des Mittelalters in Italien (5 Bde., Jena 1882-84); Issel und Krusewitz, Façadenbau der ital. Renaissance (Lpz. 1884); Architektur der Renaissance in Toscana, nach den Meistern geordnet. Hg. von Stegmann, Geymüller und Widmann (mit Lichtdrucken und Kupfertafeln, Münch. 1885-92); Lübke, Geschichte der Architektur, Bd. 2 (6. Aufl., Lpz. 1886); Redtenbacher, Architektur der ital. Renaissance (Frankf. a. M. 1886); Gurlitt, Geschichte des Barockstils, des Rokoko und des Klassicismus in Italien (Bd.1: Italien, Stuttg. 1887); Müntz, Histoire de l'art pendant la Renaissance (Bd. 1 u. 2, Par. 1888-91); Frizzoni, Arte italiana del rinascimento (mit 30 Tafeln, Mail. 1890); Burckhardt, Geschichte der Renaissance in Italien (3. Aufl., Stuttg. 1891); ders., Der Cicerone (6. Aufl., Lpz. 1893).

II. Bildnerei. Nach der letzten Blüte in altchristl. Zeit war die ital. Bildnerei seit dem 6. Jahrh. für viele Menschenalter hindurch eher im Rückgang als in der Entwicklung begriffen. Werke der Kleinkunst, Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien befriedigten das Kunstbedürfnis. Nur in Friaul (Cividale) stößt man noch im 8. Jahrh. auf stattliche Werke der monumentalen Skulptur, wahrscheinlich Ausläufer der ravennatischen Kunst. In Rom erhielt sich die Kunst des Marmorschnittes noch von der Antike her und wurde die Kunst, aus dünnen Marmor- und Steinplatten zum Bodenbelag und zur Wandverkleidung Muster zusammenzusetzen, fleißig geübt. Auch ein späteres Künstlergeschlecht, die sog. Kosmaten, arbeiteten fast ausschließlich in