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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italienische Kunst

mäßigen und ohne Nachteil für die Kraft zu veredeln und das Kolorit, zumal in der Fleischfarbe, bis zur lebendigsten Wahrheit und Wärme auszubilden. Neben diesen großen Meistern nehmen noch verschiedene andere Künstler gleichfalls einen hohen Rang ein. So in Florenz Fra Bartolommeo (s. Taf. VII, Fig. 7) und Andrea del Sarto (s. Taf. VII, Fig. 4), in Siena Sodoma und Beccafumi, in Verona Caroto, in Venedig Palma Vecchio, Pordenone und Paris Bordone, in Ferrara Dosso Dossi. In Mailand waren Bernardino Luini, Cesare da Sesto, Gaudenzio Ferrari, Andrea Solario Zeitgenossen und Nachahmer Leonardos. Michelangelos bedeutendster und selbständigster Schüler war Daniele da Volterra. Giulio Romano hat den größten Namen unter Raffaels Schülern, zu welchen noch Perino del Vaga, Francesco Penni, Garofalo u. a. gehören. Correggio fand seinen berühmtesten Nachfolger in Parmeggianino. Unter Giorgiones Schülern war der bedeutendste Fra Sebastiano del Piombo. Tizian hatte wenig eigentliche Schüler, zählte aber um so mehr Nachahmer, unter denen Bonifazio (III.) Veneziano und Buonvicino (Moretto) zu nennen sind.

Von der Mitte des 16. Jahrh. ab wird in den ital. Malerschulen das Sinken der Kunst immer sichtbarer. Es beginnt eine Nachahmungsperiode, die in der errungenen Formengröße und Farbenfreiheit schwelgte. In den Werken der letzten Leonardisten in Mailand, Luini, Lomazzo, Figino, finden sich noch matte Nachklänge von dem Meister, aber das liebliche Lächeln der Leonardoschen Frauenköpfe ist zu gezierter Liebäugelei geworden. Sermoneta und einige andere Raffaelisten in Rom zeigen sich angenehmer, aber auch bei ihnen tritt schnell die Entartung ein, wie sie in den Werken der Zuccari und ihrer Schüler, des Giuseppe Cesari u. a., bemerklich ist. Derber und freier erscheinen sodann die Schulen der Schüler Raffaels, die mantuanische des Giulio Romano, die genuesische des Perino del Vaga und die neapolitanische des Polidoro Caldara. Bei den Florentinern galt vor allem die Nachahmung Michelangelos: Vasari, Bronzino, Alessandro Allori sind gerühmte Michelangelisten dieser Periode, aber zugleich unerquickliche Manieristen, bei denen der Sinn für Farbe verloren ging und deren massenhafte Produktion zur Schnellmalerei ausartete. Nicht besser ging es in Parma, Modena und Cremona den an Correggio sich anlehnenden Malern Lelio Orso, Bernardino Gatti, Bernardino Campi, bei welchen die ohnehin schon kokette Grazie Correggios noch mehr in Geziertheit und Süßlichkeit ausartete. Keine Schule erhielt sich so lange in achtbarer Stellung wie die venetianische. Unter ihren Meistern in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. thaten sich besonders Tintoretto und Paolo Veronese (s. Taf. VII, Fig. 8) hervor, letzterer eins der blühendsten Talente und auch im überwiegenden Dekorativen noch voll Reiz. Jacopo Bassano (s. d.), ein angesehener Meister derselben Zeit und Schule, zog die biblischen Geschichten aus der höhern Sphäre des vornehmen venet. Lebens in die Bauernwelt herab; auch malte er eigentliche Genrestücke und Landschaften mit Menschen- und Tierstaffage.

Am Ende des 16. Jahrh. und um den Anfang des 17. bildete sich, zu gleicher Zeit und in gleichem Sinne mit der seit Papst Paul III. fortschreitenden, durch das Tridentiner Konzil und die neuen Orden getragenen kirchlichen Restauration, auch eine Restaurationsepoche der Kunst, in welcher die alten Formen, wenn auch nicht mit neuem Geiste beseelt, wenigstens mit neuem Glanze angethan wurden. Da die naive, fromme Sinnesweise und die religiöse sowohl als die ästhetische Begeisterung verloren waren, so ersetzte man diese durch ein rein malerisches, scenisches Princip, nach welchem es vorzüglich darauf ankam, den Schein aller Gegenstände für eine gewisse Entfernung, mit genauer Beobachtung der Gesetze der Linien- und Luftperspektive, in Form und Farbe wiederzugeben, während die Gefühlsrichtung den durch die Kirche wie durch die Litteratur herrschend gewordenen, im Kampfe gegen die prot. Reform erstarkten, aber zugleich verengerten Anschauungen entsprach. Einzelne religiöse ideale Typen, wie die Mater dolorosa, Christus mit der Dornenkrone, wurden erst jetzt ausgebildet. In Rom versuchte zunächst Federigo Baroccio (s. d.) durch ein weniger oberflächliches Anschließen an die Vorzüge der großen Meister das eingerissene Verderben aufzuhalten; doch mit bescheidenem Erfolg. Kaum einen bessern hatten einige spätere Florentiner, Cigoli, Cristofano Allori, Jacopo da Empoli, die sich durch Reichtum des Kolorits und durch ein manchmal nicht erfolgloses Streben nach sinnlicher Schönheit auszeichneten, wenn sie im Ausdrucke auch oft weichlich oder affektiert sind. Am erfolgreichsten für die Wiedererhebung der klassischen ital. Malerei wirkten die Carracci in Bologna. Lodovico Carracci stellte zuerst den Grundsatz auf, man solle die Natur nachahmen und damit das Studium der Antike und der größten Meister für den Teil verbinden, worin jeder das Vorzüglichste geleistet hat (Michelangelo in der Zeichnung und Bewegung, Raffael in Komposition und im Ausdruck, Correggio im Helldunkel und in der Anmut, Tizian in Farbe und Vortrag). Er bildete seine beiden Vettern Agostino und Annibale Carracci (s. Taf. VII, Fig. 6) und eröffnete sodann, in Gemeinschaft mit diesen, eine Malerakademie, in der sie nach jenem Grundsatze der Malerkunst, wenn auch nicht zu einem rein geistigen und poetischen, doch zu einem äußerlichen, in seiner Art höchst bedeutenden Aufschwung verhalfen. Ihre begabtesten Schüler waren Domenichino, Giovanni Lanfranco, Guido Reni (s. Taf. VIII, Fig. 1), Guercino, Francesco Albani. Nach ähnlichen Principien, obschon mit weit geringerm Erfolge, stifteten die Procaccini in Mailand eine Schule, aus welcher eine beträchtliche Anzahl von Zöglingen hervorging.

Diesen eklektischen Schulen gegenüber und in Opposition gegen sie bildete sich eine andere Richtung aus, die grundsätzlich nichts als die Natur zu Rate zog. Das Haupt dieser Naturalisten war Amerighi da Caravaggio, der durch scharfe Auffassung, in Verbindung mit geschlossen gewählter Beleuchtung und meisterlicher Handhabung der Darstellungsmittel, Werke von ungemeiner Lebendigkeit und Wirkung hervorbrachte. Obschon viele seiner Bilder etwas Abstoßendes haben, weil er in Benutzung der Natur dem Häßlichen absichtlich nicht aus dem Wege ging, so fand er doch in Italien zahlreiche Nachfolger. Die namhaftesten darunter sind Ribera (Spagnoletto), Bartolommeo Manfredi aus Mantua, die Neapolitaner Massimo Stanzioni und Andrea Baccaro, der Genuese Bernardo Strozzi und Domenico Feti aus Rom. Zu der naturalistischen Richtung kam im weitern Verlaufe des 17. Jahrh.