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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Italienische Pillen; Italienische Rente; Italienischer Alpenverein

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Italienische Pillen - Italienische Rente

Philosophie und das in ihr vorwaltende Studium des Aristoteles, zugleich aber auch für die damit im Zusammenhang stehenden, größtenteils auf den Neuplatonismus zurückweisenden Geheimlehren der Mystik. Als dann die Lehre des Aristoteles von der kirchlichen Wissenschaft verwertet und zur logisch-metaphysischen Form derselben ausgearbeitet wurde, vollendete Thomas (s. d.) von Aquino durch die geschmackvollere und umfassende, das Detail der Einzelwissenschaften durchdringende Ausführung der Gedanken des Deutschen Albert von Bollstädt diesen Prozeß und führte damit die christl. Scholastik auf ihren Höhepunkt. Sein großartig einheitliches, von der kath. Kirche noch heute für kanonisch erklärtes System fand seine poet. Verklärung in Dantes "Göttlicher Komödie".

Aber schon bei Dante beginnt ein anderes Element wirksam zu werden, wodurch Italien die moderne Geistesbewegung vorbereitete: das Studium des klassischen Altertums. Der Humanismus führte zunächst zu einer Erneuerung des Platonismus, der, hauptsächlich durch Gemistos Plethon, Bessarion und Ficinus vertreten, in der unter dem Schutz der Mediceer blühenden Akademie zu Florenz seinen Sitz hatte. Dieselbe philol.-histor. Richtung brachte auch eine Erneuerung des reinen Aristotelismus mit sich, in der sich Ermolao Barbaro und Leonicus Thomäus hervorthaten. Doch trat später, namentlich an der Universität Padua, ein lang sich hinspinnender Kampf zweier entgegengesetzter Auffassungen des Aristoteles zu Tage, von denen die eine, besonders durch Pomponatius ausgebildet, sich im naturalistischen Sinne an den spätgriech. Kommentator Alexander von Aphrodisias anschloß (daher Alexandristen), die andere, in Andrea Cesalpini gipfelnd, die mystisch-pantheistische Lehre des Averroës (daher Averroisten) verteidigte. Die Polemik, die der Humanismus im Interesse des litterar. Geschmacks gegen die Scholastik führte, hat in Italien namentlich Laurentius Valla begründet.

Im 16. Jahrh. begann auch in der ital. Wissenschaft das humanistische vor dem naturphilos. Interesse zurückzutreten. Jetzt wies Bernh. Telesius auf den Wert sorgfältiger empirischer Forschung hin und stiftete in seiner Vaterstadt die Cosentinische Akademie der Wissenschaften; jetzt prägte Cardanus die Pythagoreische Zahlenmystik in eine mit abergläubischen Elementen vielfach versetzte allgemeine Kausalitätslehre um; F. Patrizzi entwarf auf neuplatonischer Grundlage, mit Benutzung der neuen Entdeckungen, sein phantastisches Natursystem. In wahrhaft großartiger Weise aber gestaltete Giordano Bruno die Kopernikanische Lehre durch metaphysische Begriffe des Spätscholastikers Nikolaus Cusanus zu einem tiefsinnigen und gedankenvollen System aus. Alle diese Bestrebungen klärten sich endlich in Galilei ab, der durch methodische Verwertung des Experiments und der mathem. Deduktion zum Begründer der theoretischen Naturwissenschaft wurde. Gleichzeitig gab Th. Campanella den metaphysischen Untersuchungen eine erkenntnistheoretische Grundlage und damit eine subjektivistische Wendung, die, obwohl in unvollkommener Form, die kritische Tendenz der modernen Philosophie einleitete.

So ging von Italien eine Menge fruchtbarer Gedanken aus, die in der europ. Philosophie mächtig weiter wirkten und von den übrigen Kulturvölkern zu ihrer wissenschaftlichen Vollendung geführt wurden; die Italiener selbst aber traten mit dem 17. Jahrh., zumeist infolge der polit. Zerrissenheit der Nation, aus der schöpferischen Bewegung der Philosophie heraus. Nur auf einem beschränkten Gebiete, dem der Geschichtsphilosophie, gab Italien noch einmal im 18. Jahrh. einen bedeutenden Anstoß durch Vico, der zuerst der einseitigen Naturbetrachtung die lebendige Versenkung in das Leben der Völker entgegenhielt. Im übrigen zeigte Italien im 17. und 18. Jahrh. nur schwache Nachwirkungen der Bewegungen, die sich in der engl., franz. und deutschen Philosophie abspielten.

Ähnliches gilt von der I. P. des 19. Jahrh., die zwar große Lebendigkeit des Interesses und Mannigfaltigkeit der Richtungen, aber keine bedeutenden originellen Leistungen aufweist. Zuerst erwachte das philos. Interesse im Gefolge des polit. Liberalismus und im Anschluß an die franz. Philosophie des 18. Jahrh., wie es Genovesi, Beccaria, Filangieri und Romagnosi beweisen. Später zeigte sich der vereinigte Einfluß von Kant, den Schotten und den franz. Spiritualisten hauptsächlich in den Arbeiten von Galluppi. Auch andere deutsche Philosophen gewannen Einfluß, so namentlich Hegel in Männern wie Vera und Spaventa, und in neuerer Zeit vielfach Herbart. Daneben läuft, im Zusammenhange mit polit. Bestrebungen, die Tendenz, auf Grund einer platonisierenden Erkenntnislehre eine den Bedürfnissen des Glaubens entgegenkommende Metaphysik zu gewinnen; diesen "Ontologismus" haben hauptsächlich Rosmini-Serbati, Gioberti und Mamiani ausgebildet. Überhaupt tritt, wie bei allen roman. Völkern, auch bei den Italienern die nahe Beziehung der philos. Theorien zu den Problemen des öffentlichen Lebens hervor. Namentlich ist es der Gegensatz des Klerikalismus, den in Gestalt des Thomismus besonders Liberatore vertritt, und der freisinnigen Kritik, wie sie von Männern wie Ferrari und Franchi geübt wird. Diesen treten neuerdings die Anhänger des Positivismus zur Seite, unter denen Villari, Ardigò, Turbiglio genannt sein mögen. Den besten Überblick über alle diese sich gegenwärtig bekämpfenden Richtungen gewährt die seit 1870 erscheinende Zeitschrift "La filosofia delle scuole italiane".

Vgl. B. Spaventa, La filosofia italiana dal secolo XVI (Modena 1860); L. Ferri, Essai sur l'histoire de la philosophie en Italie au 19<sup>e</sup> siècle (2 Bde., Par. 1869); F. Fiorentino, La filosofia contemporanea in Italia (Neap. 1876); Werner, Die I. P. des 19. Jahrh. (5 Bde., Wien 1884-86).

Italienische Pillen, Aloepillen, s. Aloe.

Italienischer Alpenverein, s. Alpenvereine.

Italienische Rente, der Hauptteil der ital. Staatsschuld, zerfällt in die 5prozentige und in die 3prozentige Rente. Am 1. Juli 1892 waren von ersterm Typus 8846496476 Lire, von letzterm 213513665 Lire Kapital vorhanden, woraus erhellt, daß die 5prozentige Rente weitaus die wichtigste ist, welche auch im deutschen Effektenhandel fast allein in Frage kommt. Die 3prozentige Rente ist auch nur in Frankfurt a. M. (seit 1884) zur amtlichen Notiz zugelassen. Auf beide Arten liegt eine Couponsteuer von 13,2 Proz., sodaß sich bei der 5prozentigen Rente nur ein Zinsfuß von 4,34, bei der 3prozentigen von 2,604 Proz. ergiebt. Außer in Deutschland war die I. R. bis auf die neueste Zeit hauptsächlich in Frankreich ein beliebtes Anlagepapier. Nach einer amtlichen Statistik von 1892 befanden sich ungefähr 870 Mill. Lire Normalkapital (43 Mill. Zinsen) in