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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Judä - Judas (Jakobi)

wenigsten reinblütigen israel. Stammes. Sein Stammvater J. erscheint in der israel. Stammessage als der vierte Sohn Jakobs von der Lea und spielt in einer der beiden Überlieferungsreihen der Josephgeschichte eine hervorragende Rolle. Daß der Stamm stark mit kanaanit. Elementen versetzt war, spiegelt sich in J.s Familiengeschichte 1 Mos. 38 deutlich wieder. In ältester Zeit war er durch dazwischen liegendes kanaanit. Gebiet von den übrigen Stämmen getrennt und scheint kaum zu Israel gerechnet worden zu sein. Das judäische Kernland war Bethlehem mit Umgebung. Zu geschichtlicher Bedeutung kam er durch David, der aus ihm stammte. Indem J. nach Sauls Tode gemeinsam mit den südlich von ihm wohnenden, früher nach Edom hinneigenden Stämmen Kaleb, Kenas, Jerachmeel u. a. David zum König wählte, bildete sich erst der Stamm J. in seiner spätern größern Ausdehnung. Im Norden aber fiel ihm durch David Jerusalem mit Umgebung zu, das Judäer gemeinsam mit Benjaminiten besiedelten. Auch nachdem David König über ganz Israel geworden war, bestanden die Bestrebungen, eine Sonderstellung einzunehmen, weiter. Der judäische Adel war die Seele der Verschwörung Absaloms. Als der Reichstag zu Sichem die Davidische Dynastie entthronte, blieb J. dieser treu und gewann so eine größere Stabilität der polit. Entwicklung. (S. Israel, S. 731.) Als Israel 722 assyr. Provinz geworden, ward J. Träger der nationalen Entwicklung und vergrößerte sich im 7. Jahrh. durch den Anschluß benjaminitischen Gebietes. Aus dem Exil kehrten Judäer und Benjaminiten gemeinsam heim und gründeten die jüd. Gemeinde (537), die ihre Benennung "jüdisch" von diesem Stamme erhielt. Sein Gebiet zerfiel in das Gebirge (Gebirge Juda), die Niederung (Schephela) und das Südland (Negeb).

Judä, Leo, Reformator, s. Jud.

Judäa, ursprünglich nur das nach dem babylon. Exil von den Juden bewohnte Land, ein kleines Gebiet um Jerusalem herum. Seit dem Befreiungskampfe der Makkabäer, 166 v. Chr., hat aber der Umfang J.s sehr gewechselt. Ihre Herrschaft umfaßte unter dem König Alexander Jannäus (104-78 v. Chr.) im S. das Gebiet der Idumäer um Hebron, im N. Galiläa bis zum Hulesee, die Meeresküste von Gaza bis zum Karmel, mit Ausnahme von Askalon, und das Ostjordanland. Pompejus ließ aber 63 v. Chr. dem Makkabäer Hyrkanus II. der Hauptsache nach nur das Binnenland zwischen dem Meer und dem Jordan. Herodes d. Gr. dagegen dehnte die Grenzen seines Reichs im N. noch weiter aus als Alexander Jannäus. Schon für seine Zeit jedoch bezeugt eine feste engere Umgrenzung J.s der jüd. Geschichtschreiber Josephus (Jüd. Krieg III, 3, 5). Die von ihm aufgezählten 11 Toparchien (Steuerbezirke) J.s umfaßten ein Gebiet etwa zwischen Lydda (s. d.) im W. und dem Jordan im O., zwischen Akrabatta (heute el-Akrabe) im N. und der Wüste im S. So pflegt es den übrigen Landschaften Palästinas, Samaria (s. d.), Galiläa (s. d.) und Peräa (s. d.) gegenübergestellt zu werden. Die römische, von Prokuratoren in Cäsarea geleitete Provinz J. umfaßte 6-41 n. Chr. Idumäa, J., Samaria nebst der Küste zwischen dem Karmel (s. d.) und Jamnia (s. d.). Die 67 n. Chr. neugebildete Provinz J. umfaßte auch Galiläa, entsprach mithin ungefähr dem, was man jetzt gewöhnlich unter Palästina (s. d.) versteht.

Juda ha-Levi (ben Samuel), arab. Abulhassan, jüd. Dichter, lebte um 1080-1140 in Castilien, von wo er gegen Ende seines Lebens nach Palästina wanderte. Dem Lebensberufe nach Arzt, war er einer der berühmtesten jüd. Dichter des Mittelalters. Von seinen Liedern sind die meisten religiösen Inhalts und in fast alle Ritualien, besonders die orientalischen, aufgenommen; eine Sammlung derselben begann Luzatto. Das Werk "Kusari" behandelt in apologetischer Weise die wichtigsten Gegenstände des Judentums in Gesprächsform. Das arab. Original ist durch Hirschfeld (das Buch Al-Chazarî, 2 Tle., Lpz. 1886-87) veröffentlicht, die hebr. Übersetzung durch Jehuda ibn Tibbon (seit 1506) oft gedruckt, kommentiert und übersetzt worden, von Buxtorf in das Lateinische 1660, von Dav. Cassel in das Deutsche (2. Aufl., Lpz. 1869), desgleichen von Hirschfeld (Bresl. 1885). J. heißt nicht Juda Ben Halevi und ist nicht Verfasser des "Sabbathliedes Lecha Dodi", wie H. Heine im "Romancero" angiebt. - Vgl. Geiger, Divan des Castiliers Abu'l-Hassan J. ha-Levi (Bresl. 1851). (S. auch Jüdische Litteratur.

Judaísmus, die jüd. Religion; innerhalb des Urchristentums das Bestreben, an jüd. Gebräuchen und Gesetzen festzuhalten (s. Judenchristentum). Dann Bezeichnung für die religiöse Richtung des spätern Judentums, wie sie durch die im Talmud niedergelegten Lehren der Rabbinen geschaffen war. - Judaïsieren, jüd. Sitten u. s. w. nachahmen.

Judas der Galiläer, nach seiner Vaterstadt Gamala am Ostufer des Sees Genezareth vom Geschichtschreiber Josephus der Gaulonite genannt, leitete in Gemeinschaft mit einem Pharisäer Sadduk den gegen den röm. Census des Quirinius gerichteten Aufstand der Galiläer (7 n. Chr.), der aber unterdrückt wurde. Obgleich dabei auch J. selbst ums Leben kam, so gab es doch seitdem eine radikale pharisäische Partei unter den Juden, die sich an die Familie des J. anschloß, den Krieg gegen die Römer predigte und schließlich den großen Jüdischen Krieg von 66-70 n. Chr. herbeiführte (s. Zeloten).

Judas Ischarĭoth (d. h. Judas, der Mann von Karioth), Sohn Simons, aus Karioth im Stamme Juda, derjenige unter den Jüngern Jesu, der ihn nach der evang. Erzählung durch einen Kuß (Judaskuß) an das jüd. Synedrium verriet, danach aber aus Reue sich selbst das Leben nahm. Nach Matthäus hat er sich erhängt, die Apostelgeschichte läßt ihn einen Abhang hinabstürzen und mitten entzwei bersten. Als Motiv des Verrats setzen der erste und der vierte Evangelist Habsucht voraus, was bei der geringen Summe, die Matthäus als Verräterlohn nennt (30 Silbersekel, etwa 60 M.), wenig wahrscheinlich ist. Daher erklären Neuere den Verrat aus der Absicht des J., Jesum dadurch zur schleunigern Aufrichtung des Messiasreichs zu zwingen, was freilich in den Quellen nicht angedeutet ist und psychologisch ebenfalls seine Bedenken hat. Am wahrscheinlichsten bleibt die Annahme, daß J. in Jerusalem bei dem Zögern Jesu, das Messiasreich aufzurichten, und unter dem mächtigen Eindrucke des Tempels und seiner Herrlichkeit an der Sache seines Meisters irre geworden sei und mit dem Fanatismus eines Renegaten der jüd. Obrigkeit die Hand geboten habe, ihn als Empörer wider die gesetzliche Ordnung zu richten.

Judas Jakōbi, d. h. der Sohn des Jakobus, erscheint bei Lukas im Apostelverzeichnisse als einer