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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Judenbaum - Judendeutsch

der J. (hg. von L. Geiger, Braunschw. 1886 fg.); Nossig, Materialien zur Statistik des jüd. Stammes (Wien 1887); W. Pressel, Die Zerstreuung des Volks Israel (5 Hefte, Heilbr. 1887-89); M. Stern, Die israel. Bevölkerung der deutschen Städte (Frankf. a. M. 1890); Otto Henne am Rhyn, Kulturgeschichte des jüd. Volks (2. Aufl., Jena 1892); Leroy-Beaulieu, Israël chez les nations (2. Aufl., Par. 1893); Otto Hübners Geogr.-statist. Tabellen aller Länder der Erde (hg. von Juraschek, Jahrg. 1893). Dazu kommen zahlreiche Abhandlungen der Revue des études juives (Paris); der Jewish Quarterly Review (London); der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (Krotoschin, Berlin) und des Magazins für die Wissenschaft des Judentums (ebd.). (S. auch Judentum und Jüdische Litteratur.)

Judenbaum, s. Cercis.

Judenburg. 1) Bezirkshauptmannschaft in Steiermark, hat 1675,03 qkm, (1890) 56326 (29250 männl., 27076 weibl.) kath. deutsche E., d. i. 34 E. auf 1 qkm, darunter 264 Evangelische Augsburger Konfession und 100 Israeliten bez. 517 Slowenen, 6414 Häuser und 10532 Wohnparteien in 56 Gemeinden mit 165 Ortschaften und umfaßt die Gerichtsbezirke J., Knittelfeld, Obdach und Ober-Zeiring. - 2) Stadt und Sitz der Bezirkshauptmannschaft, am rechten Ufer der Mur, in 734 m Höhe, auf einer aus der Thalsohle aufsteigenden Hochfläche in reizender Umgebung, an der Linie St. Michael-Tarvis der Österr. Staatsbahnen, hat (1890) 3298, als Gemeinde 4642 deutsche E., in Garnison (358 Mann) das 8. Feldjägerbataillon, Post, Telegraph, Bezirksgericht (416,52 qkm, 26 Gemeinden, 61 Ortschaften, 27930 kath. deutsche E., darunter 460 Slowenen), eine Stadtpfarrkirche (1513) mit dem unter dem Namen Römerturm bekannten isoliert stehenden Turme (69 m, 1449-1509 erbaut), Magdalenenkirche mit alten Glasmalereien, Postsäule (1717) auf dem Hauptplatze, Gebäude der ehemaligen Klöster und der Landesbürgerschule, Reste der alten Befestigungen, viele neue Häuser, nach dem Brande 1840 erbaut, eine ehemalige herzogl. Burg, jetzt Regierungsgebäude; Kupferhammer, drei Brauereien und seit dem frühesten Mittelalter bedeutende Eisenindustrie. Ein großes Eisenwerk und die Johann-Adolfshütte in Pöls bei J. beschäftigen je 200 Arbeiter.

Judenchristentum, die Gesamtheit der Christen jüd. Abkunft (Judenchristen). Die älteste Christengemeinde bestand ausschließlich aus Judenchristen und unterschied sich von den übrigen Juden nur durch den Glauben an die Messianität Jesu; wie sie daher das Messiasreich lediglich für Israel bestimmt glaubte, so hielt sie auch an der religiösen Verbindlichkeit des mosaischen Gesetzes fest. Als das Evangelium durch griechisch redende Juden unter ihren Volksgenossen in der Zerstreuung gepredigt wurde, gesellten sich den jüd. Messiasgemeinden in griech. Städten bald heidn. Proselyten (s. d.) hinzu, die nach den vom Gesetz für die Proselyten des Thores vorgeschriebenen Grundsätzen (3 Mos. 17 u. 18) behandelt und gleichsam als Schutzverwandte Israels betrachtet wurden. Aber als Paulus in Syrien, Cilicien, Lykaonien u. s. w. Gemeinden, die aus reinen Heiden bestanden, gesammelt hatte, verkündigte er die Gleichberechtigung von Heiden und Juden in der Messiasgemeinde und die Aufhebung der Verbindlichkeit zur Gesetzeserfüllung zunächst für die Heidenchristen, danach für alle Gläubigen ohne Unterschied. Die Folge dieser Heidenpredigt waren endlose Kämpfe zwischen Juden- und Heidenchristen. Unter erstern läßt sich eine mildere und eine strengere Partei unterscheiden. Jene gestand den Gläubigen aus den Heiden ihre Freiheit vom Gesetz zu, betrachtete sie gewissermaßen als Christen zweiten Grades, und hielt für die Judenchristen die Pflicht der vollen Gesetzesbeobachtung aufrecht. Diese forderte einfach die Beschneidung und volle Gesetzeserfüllung der Heiden als Bedingung ihrer Teilnahme am Messiasreich. Anfangs zurückgedrängt, erneuerte die strengere Partei bald ihre Versuche, die Heidenchristen zur Beschneidung zu zwingen und gab, wie es scheint, in Jerusalem das Signal zu einer Reaktion, deren Folge der engste Anschluß der Urgemeinde an die Bestimmungen des jüd. Ceremonialgesetzes war. Petrus zog sich auf Andringen des Jakobus (s. d.), des Bruders Jesu, von den Heidenchristen zurück und stellte als Bedingung der wiederherzustellenden Gemeinschaft die Forderung, daß dieselben der jüd. Lebenssitte sich fügen sollten, während Paulus seinerseits die letzten Konsequenzen seines gesetzesfreien Evangeliums zog und jeden Gläubigen, der sich beschneiden lasse, des christl. Heils verlustig erklärte. Aber die Judenchristen suchten ihre nationalen Privilegien auch im Christentum zu behaupten, und es gelang allmählich, nicht nur die gläubigen Heiden an die auf ein förmliches Dekret der Apostel zurückgeführten Proselytengesetze (Apostelgesch. 15, 28 fg.) zu binden, sondern auch zahlreiche Heidengemeinden in größere oder geringere Abhängigkeit von Jerusalem und der Autorität der ältern Apostel zu bringen. Trotzdem trat im J. selbst unter alexandrinischen Einflüssen eine Richtung hervor, die dem Paulinismus nahe verwandt war, und bei der innern Entwicklungsfähigkeit des eigentlichen J. war der Streit schon gegen Ende des 1. Jahrh. dahin entschieden, daß freilich nicht die Paulinische Theologie, aber auch nicht das jüd. Gesetz in der Christenheit sich durchsetzte, wohl aber eine dem Judentum ähnliche, gesetzliche, werkheilige Auffassung des Christentums selbst zum Siege gelangte und zum Katholicismus sich ausbildete. Über das hinter dieser Entwicklung zurückbleibende J. s. Ebioniten.

Judendeutsch, ursprünglich der Dialekt der oberdeutschen Juden, den dieselben bei ihrer Auswanderung nach Polen im 14. und 15. Jahrh. dort als Verständigungsmittel festhielten. Unwillkürlich mischten sich allmählich sprachliche Formen verschiedener deutscher Gegenden; mit der Zeit drangen auch poln. Sprachelemente ein, die aber deutsche Flexion und überhaupt deutsche, bisweilen auch hebr. sprachliche Form (z. B. jarmalkim "Sammetkäppchen" aus poln. jarmulka und hebr. Pluralendung îm) erhielten. Ebenso wurden hebr. Worte eingeschoben, z. B. er hat kino (Neid) auf seinen chawer (Gefährten). Die aus Polen im 17. Jahrh. wieder nach Deutschland zurückwandernden Juden brachten alsdann diesen Jargon mit, deßen inzwischen veraltete deutsche Grundlage hier gar nicht mehr von der Bevölkerung als solche erkannt wurde, sodaß das J. den Eindruck eines barbarischen von den Juden erfundenen Kauderwelsch machte. Die frühesten Spuren dieses jetzt besonders noch in Polen, Galizien, Böhmen, teilweise auch in Rußland einheimischen Jargons, der mit hebr. Buchstaben geschrieben wird, finden sich im 16. Jahrh.