Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

982

Judendorn - Judentum

in dem 1534 erschienenen Wörterbuch des Rabbi Anschel. Da die Sprache der Wissenschaft unter den Juden das Hebräische blieb, so war die Litteratur dieses Jargons vorzugsweise eine populäre, daher diese Sprache auch Weiberdeutsch genannt wurde, weil vorzugsweise die jüd. Frauen gern solche Bücher lasen. So waren sehr verbreitet das Ma‘ase-Buch mit seinen 300 Geschichten (1662), das Buch Zenne Renne (z‘êna urêna, "kommet und sehet"), eine populäre israel. Geschichte (etwa 1600) u. s. w. Nicht zu verwechseln ist mit dem J. die jüd.-deutsche Sprache und Litteratur, d. h. das Schrifttum der Werke, die von Juden in der deutschen Schriftsprache ihres Zeitalters verfaßt sind. Diese Werke haben einen ganz reinen deutschen Sprachcharakter. - Vgl. J. C.^[Johann Christoph] Wagenseil, Belehrung der jüdischen teutschen Schreibart (Königsb. 1699; auch Nürnb. 1715 u. d. T. "Belehrung der jüd.-deutschen Red- und Schreibart"); Zunz, Gottesdienstliche Vorträge der Juden (Berl. 1832); G. H. Dalman, Jüd.-deutsche Volkslieder aus Galizien und Rußland (Lpz. 1888) und vor allem M. Grünbaums Jüd.-deutsche Chrestomathie (ebd. 1882). - Eine dem J. verwandte Erscheinung ist das Ladino, ein Mischdialekt auf span. Sprachgrundlage, der besonders in der Türkei und den Balkanländern verbreitet ist.

Judendorn, s. Zizyphus.

Judenfolĭe, soviel wie Zinnfolie, s. Blech (Bd. 3, S. 103 b).

Judenfrischen, fälschlich Anlauffrischen, die Modifikation der Frischarbeit (s. Eisenerzeugung, Bd. 5, S. 926 a), bei der man einzelne Brocken des gefrischten Eisens zu Stangen anschweißt und ausschmiedet.

Judengasse, s. Ghetto.

Judengenossen, in Luthers Bibelübersetzung Bezeichnung der sog. Proselyten, d. h. Heiden, die sich zur Verehrung des einen Gottes bekehrt und dem jüd. Gottesdienst angeschlossen hatten.

Judengold, s. Musivgold.

Judenhut, die Kopfbedeckung, die nach der Kirchenversammlung von 1314 im Mittelalter die Juden tragen mußten. Der J. läuft spitz zu und kommt in den verschiedensten Farben, am häufigsten in gelber, vor. (S. beistehende Abbildungen.)

^[Abb]

Judenhütlein (in der Botanik), s. Impatiens.

Judenkirsche, s. Physalis.

Judenmission, Veranstaltungen zur Bekehrung der Juden zum Christentum. Die vom Papst Paul III. 1549 begründete Anstalt in Rom gehört zur Propaganda. Die kath. Konvertiten Ratisbonne haben in neuerer Zeit in Frankreich und im Orient eine lebhafte Thätigkeit in Erziehungs-, Waisen- und Arbeitsanstalten für Judenkinder entfaltet. Protestantischerseits wurden schon im Reformationsjahrhundert gelehrte Beziehungen zu den Juden unterhalten. Das Hallische Institutum Judaicum blühte von 1728 bis 1760. (Vgl. de le Roi, Das Institutum Judaicum, Karlsr. 1884.) Im 19. Jahrh. bildete sich zuerst 1809 ein Verein für Judenbekehrung in England, der auf 38 Stationen 130 Lehrer und Missionare hat; 1826 entstand in Basel der "Verein der Freunde Israels", 1822 in Berlin die "Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden", 1844 die "Rheinisch-westfälische Gesellschaft". Frz. Delitzsch begründete 1870 in Leipzig den evang.-luth. Centralverein für Mission unter Israel, 1886 ein Seminar zur Ausbildung von Theologen für die J. Die Übersetzung des Neuen Testaments ins Hebräische wurde seit 1875 in 40000 Exemplaren verbreitet. Die Zahl der im 19. Jahrh. bekehrten Juden wird auf 100000 geschätzt. Neuerdings ist in Bessarabien unter Jos. Rabinowitsch eine Art judenchristl. Gemeinden hervorgetreten, die den Glauben an den Messias Jesus und die Feier von Taufe und Abendmahl mit der Beschneidung und andern jüd.-nationalen Sitten für vereinbar halten. - Vgl. Delitzsch, Dokumente der national-jüd. christgläubigen Bewegung in Südrußland (Erlangen 1884 fg.); de le Roi, Die Mission der evang. Kirche an Israel (in Zimmers "Handbibliothek der praktischen Theologie", Bd. 16 b, Gotha 1893); Nathanael. Zeitschrift für die Arbeit der evang. Kirche an Israel (hg. von Strack); Saat auf Hoffnung. Zeitschrift für die Mission der Kirche an Israel (begründet von Delitzsch, hg. von Faber); die kath. Zeitschrift des Vereins vom Heiligen Grabe: Das Heilige Land. Die beste Litteratur über J. ist die von Delitzsch und Faber begründete Serie der Schriften des Instititum Judaicum in Leipzig (bis 1893 erschienen 37 Nummern).

Judenpappel, s. Corchorus und Kerria.

Judenpech, s. Asphalt.

Judenquartier, s. Ghetto.

Judentum, der Glaube und der durch diesen bedingte Inhalt der Religionsidee und Gesetze der Juden. In ältester Gestalt tritt uns das J. in der durch die Rückwanderung der deportierten Judäer und Benjaminiten seit 536 entstandenen jüd. Gemeinde entgegen, deren Religion eine unter dem Einflusse prophetischer Ideen entstandene Umbildung der altisrael. Religion darstellt. Charakteristisch ist ihr, daß sie als Volksreligion bereits Züge der Weltreligionen besitzt. Der nur in Jerusalem durch den Opferdienst der Gemeinde zu verehrende Volksgott Jahwe gilt als Weltgott, alleiniger Gott, Schöpfer und Erhalter der Welt. Aber nur seinem auserwählten Volke hat er sich offenbart und seinen Willen in dem Gesetze Moses niedergelegt. Die innern Widersprüche, die hierin liegen, wie die Widersprüche zwischen dem religiösen Besitze des jüd. Volks und seiner gedrückten Lage, finden nach dem Glauben des ältesten J. ihren Ausgleich durch das Weltgericht, in dem Israels und Jahwes Feinde überwunden, Israels und Jahwes Macht für alle Zeiten festgestellt werden. Der Besitz von Gesetz und messianischer Hoffnung ist charakteristisch für die älteste jüd. Gemeinde. Diese Entwicklung umfaßt die Zeit von der Rückkehr aus dem babylon. Exil bis zur macedon. Herrschaft 536-332. Eine Krise bildete für das J. das Eindringen der griech. Kultur. In Palästina wie in den hellenistischen Reichen beginnt sich das jüd. Denken mit der griech. Kultur einzulassen; aber während es in den hellenistischen Ländern, insbesondere in Alexandria, zu einer eigentümlichen Verschmelzung beider kommt, wird in Palästina der begonnene Prozeß jäh unterbrochen durch die gewaltsamen Versuche des Antiochus IV. Epiphanes, die Juden zu hellenisieren. Es kommt zu einer energischen nationalen Reaktion, durch die alles eingedrungene Fremde ausgemerzt wird. Die Partei der Pharisäer (s. d.) ist Träger der religiösen Weiterentwicklung. Das religiöse Ideal ist, das Gesetz im Leben des Volks wie des Einzelnen