Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

107
Kanzellen - Kanzler
bard Engelbcrgcr 1505; zu Nicn von Anton Pil-
gram 1505-12; zu Freibcrg i. S. um 1500 u. a. in.
Sie bestand nun meist aus einer kurzen ^änle, welche
den Standplatz der Geistlichen (Predigtstuhl)
emporhielt, lehnte sich an einen Pfeiler des Lang-
dauses, welches man mit Emporen (s. Emportircbe)
zu umgeben begann. Es entspricht dies der waeb-
scnden Bedeutung, welche vor und mit der Refor-
mation die Predigt in der alten wie in der neuen
Kirche gewann. Man begann nunmehr auch Fi-
gnren zu Trägern der K. zu bilden (z. B. einen
Bergmann in Freibcrg), um die K. als von der Ge-
meinde getragen darzustellen. Das 16. Jahrb. hat
in Stein und Holz zahlreiche zierlich ausgebildete
K. geschaffen. Im 17. Jahrh, begann man sym-
bolische Bildwerke mit ihr in Verbindung zu bringen;
man bildete Engel als den Träger aus, ließ sie von
Wolken und Eugeln umschwebt erscheinen. So ent-
standen namentlich in Belgien uno ^üddcutscklano
reizvolle, aber oft bis zur Überladung gesteigerte
Werke. Einfacher sind die protestantischen 5v., welcke
man mit dem Altar in Verbindung zu dringen
trachtete, ohne eine völlig befriedigende Lösung des
Problems herbeizuführen. Die modernen K. greifen
in Form und Anlage meist auf das Mittelalter zu-
rück; doch wurden in jüngster Zeit in der prot. Kircke
vielfach Versuche zu sachgemäßer Ansstellnng ge-
macht. - Vgl. Jakob, Die Kunst im Dienste der
Kirche (3. Aufl., Landshut 1880); Lecklcr, Tas
Gotteshaus im Lichte der deutschen Reformation
(Heilbr.1883); Otte, Handbnch der kirchlichen Kunst-
archäologie (5. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1883 - 85);
Hartel, Altäre und K. Eine Sammlung von Auf-
nahmen aus den berühmtesten Kirchen des Mittel -
alters und der Neuzeit (30 Licktdrucktafeln, Berl.
1892); DerKirchenbau des Protestantismus, hg. von
der Vereinigung Berliner Architekten (ebd. 1893).
Über K. in der Jägersprache s. Anstand.
Kanzellen, s. Kaneellen.
Kanzellieren, s. Kaneellieren.
Kanzelmißbrauch, straffälliger Mißbranck dcv
geistlichen Stellung. Urteile und Mahnungen kön-
nen als Beleidigungen verfolgt werden, wenn dao
Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der
Äußerung oder aus den Umständen, unter denen
sie geschah, hervorgeht. (S. auch Kanzelparagraph."
Kanzelparagraph/der §. 130 ^ des Deutscken
Neichsstrafgesetzduches,dessenersterTeil1871anfAn-
trag Bayerns, dessen zweiter 1876 eingefügt wurde.
Der Paragrapb bestimmt, daß Geistliche aller Neli-
stionsgesellschaftcn, welche ihren Beruf benntzen, uni
öffentlich vor einer Menschenmenge oder in einer
Kirche oder an einem andern zu religiösen Versamm-
lungen bestimmten Orte vor einer Mehrzahl von
Menschen Angelegenheiten des Staates in einer den
öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zu erörtern,
oder welche amtliche Schriftstücke dieser Art aus-
geben, mit Gefängnis oder Festung bis zu zwei
Jahren bestraft werden sollen. Ahnliche Vorschrif-
ten gelten auch in Frankreich s^ocl" pLnai, Art.
199 - 208), Italien, Belgien, Spanien.
Kanzian, Höhle von St., s. ^-ankt Kanzian.
Kanzional (lat. cancionals), Liederbuch, Ge-
sangbnch. So hießen insbesondere die Gesangbücher
der Vöbmiscben Brüdcrgemeine. Sie sind nicht nur
durch ihren Tert von Interesse, sondern auch durck
die beigegebenen Melodien, die vielfaeb alten Volks-
liedern entlebnt sind, die Initialen und die ost seor
kunstvollen Einbände. Das erste gedruckte K. ist
vom I. 1505 u. d. T.i kl'iäiiö c^val do^icii"
("Lieder zum Lobe Gottes"; wahrscheinlich in Iung-
bunzlau gedruckt). Eine neue vergrößerte Ausgabe
wurde 1561 auf dem Gute des poln. Grafen von
Görka zu Samtern bei Posen gedruckt. Ein Meister-
werk in Bezug aus typogr. Ausstattung und Gra-
vuren ist das 1576 zu Eibenschütz gedruckte K.;
später erschien noch ein solches in Kralitz.
Kanzlei llat. cÄucellari^), der ursprünglich mit
Schranken ic^ucLili) umgebene Ort, wo die öffent-
lichen Urkunden, Gerichtsurteile, landesherrlichen
Neskripte und andere Schriften ausgefertigt wer-
den, und Kanzler (s. d.) der Vorsteher der hierzu
bestellten Beamten. Eine K. hatten der Kaiser und
die Lande^berren, und ebenso der Papst, die Erz-
bifchöfe und die Bischöfe, auch wenn die letztern
keine Landeshobeit besaßen. In einigen Ländern
wurde später der Name K. auch den höhern Ge-
richten selbst beigelegt (Justizkanzleien), deren
Vorsteher in der neuern Zeit meist Kanzleidirek-
tor e n, auch wohlKanzleipräsidenten genannt
wurden. Neuerdings versteht man aber unter K.
mebr das Subalternpersonal und spricht deshalb von
Kabinetts-, Ministerial-, Gerichts-und Negierungs-
kanzlcien, deren Beamten zum Teil die Titel Kanz -
leii'ekretär und Kanzlei rat beigelegt werden.
Wenn früber den untern Behörden das Necht, eine
K. zu haben, bänfig versagt war, so bezog sich dies
auf die Sicgelmäßigkeit oder die dem Landesherrn
oder andern privilegierten Stellen und Personen
vorbehaltene Befugnis, Urkunden mittels Bei-
fügung des Siegels zu beglaubigen und die da-
durch verbrieften Anfprüche sofort vollstreckbar zu
macben. - K. wird auch, namentlich in Osterreich,
für Comptoir, Bureau u. s. w. angewendet.
Kanzleiceremoniell, s. Eeremoniell.
Kanzleidirektor, s. Kanzlei.
Kanzleipapier, s. Papier.
Kanzleischrift oder D okumentcnschrift,
eine etwas größere, mit sorgfältig ausgeführten,
gleickmäßig starken Grundstrichen und mit kurzen
Ober- und Unterlängen versehene Schrift. Diese
Schrift wurde, wie schon ihr Name andeutet, in
Kanzleien angewendet und war weniger geläufig als
die gewöhnliche Schreibschrift. Die noa^bis Mitte
dieses Jahrhunderts vielgebrauchte K. war eine ver-
bindungsmäßig gestaltete Frakturschrift; sie wurde
hauptsächlich bei Dokumenten in den ersten Zeilen,
dann auck" zu Titeln und Überschriften verwendet.
Die in neuester Zeit als Druckschrift vorkommende
K. ift eine einfache, edel geformte Frakturschrift.
Kanzleisekretär, Kanzleirat, s Kanzlei.
Kanzleisprache, s. Kanzleistil. Im besondern
versteht man unter K. die Sprache, welche Luther
seiner Reform der deutschen Schriftsprache zu
Grunde legte. (S. Deutsche Sprache, Bd. 5, S. 81.)
Kanzleistil, K an zleisprache, der namentlich
srüber in den Kanzleien gebräuchliche, an veralteten
und der Gerichtssprache entnommenen Wendnngen
reiche und daher schwerfällige und oft unverständ-
liche Stil der Kanzleien. (S. auch Gcschäftsstil.)
Kanzler <lat. cHuco11:niu8) hieß im Mittelalter
derjenige .vofbeamte, welchem die Ausfertigung der
öffentlichen Schriften oblag, daher der Neichssiegel-
bewabrer. Der K. gehörte zu den vier oder fünf
obersten Hofbeamten, welche an den german. Für-
stenböfen gewöhnlich angetroffen werden, und war
vermöge des Einflusses, welchen ihm sein Geschäft
gab, einer der wichtigsten. Dem der Schrift kun-
Artik?!, dir man unter K vermißt, sind untcr C aufzusuchen.