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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirche
Auf einer Anhöhe das Zipser Schloß (magyar.
326P68 L^talan), die spätgot. Domkirche St. Mar-
tin (13. bis 15. Jahrh.) mit interessanten Wand-
gemälden (14. Jahrh.), der Palast des Bischofs und
der Domherren und das Seminar.
Kirche. Das mit dem Christentum fast zu allen
aerman. Völkern (mit Ausnahme der Goten) ge-
kommene Wort K. (althochdeutsch cbirikliI., auch
cbilikka.; alamann. noch jetzt ekilelie) scheint ur-
sprünglich aus dem Griechischen (k^riakß soikia^,
"Herrenhaus") herübergenommen zu sein, hat aber
in jeder Beziehung die Bedeutung des aus dem Grie-
chischen ins Lateinische übergegangenen 6coi68ia
(s. d.; daher ital. eki68a; franz. 6ZÜ86; span. i^isLia)
gewonnen: gottesdienstliches Gebäude, religiöse Ge-
meinde; organisierte Gesamtheit der Christenheit
überhaupt oder in einem Volke oder Lände; endlich
diese Organisation selbst als Institution betrachtet.
Mit dem Aufkommen der beiden letztern Bedeutungen
beginnt die velangreiche Geschichte des dogmatischen
Begriffs der K. Jesus selbst wollte keine K. gründen,
sondern nur die Ankunft des "göttlichen Reichs",
worunter er das zu einer umfassenden sittlich-reli-
giösen Menschengemeinschaft vergeistigte Messias'
reich verstand, und die Bedingungen zum Eintritt
in dasselbe verkündigen. Erst der Verfasser des
Kolosserbriefs bezeichnet mit dem Worte einen die
überirdische und irdische Geisteswelt umfassenden
Organismus, der in Christus sein Haupt hat.
Dieser ideale Kirchenbegriff aber wurde alsbald
direkt auf die irdische christl. Gesamtheit bezogen,
woraus sich der kath. Beariff von K. ergab. (S.
Katholische Kirche.) Die K. wird hier als äußere,
von Christus selbst gestiftete, von den Aposteln und
ihren Nachfolgern, den Bischöfen, regierte, mit
wunderbaren Kräften aus der übersinnlichen Welt,
mit dem Schatze der reinen und unfehlbaren Lehr-
überlieferuna und allerlei richterlichen Befugnissen
über ihre Angehörigen ausgestattete Heilsanstalt
gefaßt und ist bestimmt, diejenigen, die sich ihren
Ordnungen gläubig unterwerfen, aus dem "Reiche
der Welt" ins Himmelreich hinüberzuretten. Daher:
"außer der K. ist kein Heil", womit aber nur den
absichtlich der K. Fernbleibenden das Heil abge-
sprochen wird.
Diese Idee der "katholischen" K. war schon gegen
Ende des 2. Jahrh, durch die Streitigkeiten über
die echt apostolische Lehrüberlieferung ins Leben
gerufen und im wesentlichen abgeschlossen. Das,
was die K. zusammenhielt, war hiernach nicht der
persönliche Glaube oder die subjektive Frömmigkeit
ihrer einzelnen Glieder, sondern ihre übernatürlich
gestifteten Ordnungen, denen die einzelnen unbe-
dingt sich unterwerfen sollten und in diesem Sinne
wurde die K. Glaubensgegenstand. Im sog. Aposto-
lischen Symbolum (s. d.) heißt es: "Ich glaube an
eine heilige katholische (allgemeine) K."; in dem kon-
stantinopolitanischen: "an eine heilige katholische
und apostolische K.". Seine vollkommene Ausbil-
dung hat dieser Kirchenbegriff dann im Mittelalter
erhalten. Die K. sollte jetzt direkt als die überirdische
Ordnung Gottes auf Erden erscheinen, die in Gestalt
der hierarchisch organisierten päpstl. Universal-
monarchie bestimmt sei, das irdische Menschenleben
nach allen seinen Beziehungen hin ebenso zu be-
herrschen, wie dem Geiste die Herrschast über das
Fleisch gebührt. Aber freilich zeigte sich immer mehr,
daß diese irdische Erscheinung der K. ihrer Idee sehr
wenig entsprach. Wie die K. thatsächlich sich dar-
stellte, war sie eine menschliche Gemeinschaft neben
andern, denselben Gesetzen des Werdens und der
Entwicklung, dem Irrtume und der Verderbms ge-
rade so unterworfen wie alles Menschliche überhaupt.
Die auf die K. übertragenen idealen Prädikate der
Einheit, Allgemeinheit (oder Katholicität), Aposto-
licität und Heiligkeit trafen auf ihre geschichtliche
Erscheinung nicht zu, teils wegen ihrer innern Spal-
tung in mehrere Teilkirchen, teils wegen der immer
deutlicher hervorgetretenen Abweichungen von der
apostolischen Urgestalt im Laufe der Jahrhunderte,
teils und vornehmlich aber wegen des immer greller
sich geltend machenden Widerspruchs der eingetrete-
nen Entartung mit dem religiösen Zweck.
So führte die Reformation des 16. Jahrh, zu
einer wesentlichen Umgestaltung des bisherigen
Kirchenbegriffs. Diese unterschied den religiösen Be-
griff der K. als "Gemeinschaft der Heiligen" aufs
schärfste von der K. als äußerer, juridisch-polit. In-
stitution. Luther hob an der K. eine äußere und eine
innere Seite hervor, eine leibliche, äußerliche und eine
geistliche, innerliche Christenheit. Letztere ist ihm die
durch das Walten des Geistes Gottes in Wort und
Sakrament gesammelte Gemeinde der Gläubigen.
Demgemäß bestimmte die Augsburgische Konfefsion
(Art. 7) den religiösen Begriff der K. als "die Ver-
sammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evange-
lium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut
des Evangelii gereicht werden". Zwingli brachte für
den Unterschied jener äußern und innern K. den Aus-
druck sichtbare und unsichtbare K. auf; jene ist
die Gesamtheit aller Getauften, diefe die Gesamtheit
aller Gläubigen, was auf reform. Seite durch die
Lehre von der Prädestination, wonach die wahrhaft
Gläubigen nur Gott bekannt sind, erleichtert wurde.
Diese Unterscheidung ward allmählich in der prot.
Theologie herrschend. Diese machte daher den sub-
jektiven Glauben der Einzelnen oder ihre persönliche
Zugehörigkeit zu Christus als das alleinige Merk-
mal ihrer Zugehörigkeit zur wahren K. geltend, die
nunmehr als eine rein geistige, keineswegs an diese
oder jene äußere Kirchengestalt, sondern nur über-
haupt an das Evangelium von Christus gebundene
Gemeinschaft beschrieben wurde. Ihr gegenüber
erschien die sichtbare K. als die unvollkommene,
menschliche Verwirklichung der wahren unsichtbaren
K. als eine irrtumsfähige, Verderbnissen aller Art
ausgesetzte äußere Gemeinschaft und Institution, in
der wahrhaft Gläubige oder Glieder der unsichtbaren
K. und Ungläubige oder "Heuchler" durcheinander
gemischt seien. Andererseits fuhr man aber doch
fort, die Zugehörigkeit der Einzelnen zur unsicht-
baren K. von der Zugehörigkeit zur äußern auf
Christi Wort und Sakrament gegründeten Gemein-
schaft abhängig zu machen; daher der konfessionelle
Protestantismus in seinem Kirchenbegriffe ein kath.
Element noch bewahrt.
Inzwischen hatte der Rationalismus begonnen,
nicht bloß an der geschichtlichen Entwicklung, sondern
auch schon an der Entstehung d'er K. die menschliche
Seite hervorzuheben. Während er aber geaen die
kath. und altprot. Vorstellungen von der K. eine
vielfach zutreffende Kritik richtete, betrachtete er die
K. seinerseits nur als eine zu rein moralischen
Zwecken gegründete Lehr- und Besserungsanstalt,
an der daher alles, was nicht rein moralische Be-
deutung hatte, als nur vorübergehend notwendige
Zuthat immer mehr zu beseitigen sei. Die Be-
i ziehung auf "jene Welt" hielt jedoch auch der Ra-
Artitel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.