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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchenvermögen - Kirchenzucht
rakter der absoluten Monarchie aufzudrücken und
den Schwerpunkt des gesamten Regiments in das
Papsttum zu verlegen (Papal- oder Kurial-
system), während eine scharfe Reaktion dagegen,
auf den Gedanken der alten Kirche fußend, nament-
lich in den großen Konzilien des 15. Jahrh, der
Kirche die Gestalt einer durch Bischöfe regierten
Aristokratie zu geben versucht hat. Aber während
dieses sog. Episkopalsystem in Frankreich bis Ende
des 18. Jahrh, praktische Geltung hatte und auch in
Deutschland wenigstens theoretische Vertreter fand
(Hontheim-Febronius, Emser Punktationen), hat
das Vatikanische Konzil sich für das Papalsystem
entschieden und seinen Inhalt zum Dogma der Kirche
gemacht. Nach den Principien der Reformation
hätte das kirchliche Regiment den Gemeinden zu-
fallen müssen, über die thatsächliche Entwicklung
s. Synodalverfassung, Episkopalsystem, Territorial-
system, Kollegialsystem, Konsistorium. - Vgl. Fried-
berg, Die geltenden Verfassungsgesetze der evang.
deutschen Landeskirchen (Freib. i. Vr. 1885; neue
Ausg. 1891; Ergänzungsbde.1-3 1888-92); ders.,
Das geltende Verfassungsrecht der evang. Landes-
kirchen in Deutschland und Österreich (Lpz. 1888).
Kirchenvermögen, der Inbegriff der im Eigen-
tum der Kirche stehenden Sachen und der ihr zu-
kommenden sonstigen Vermögensrechte. Die Kirche
beansprucht für ihr Vermögen Steuerfreiheit und
will nur mit Genehmigung der Bischöfe und des
Papstes Kirchengut zur Tragung allgemeiner und
dringend notwendiger Staatslasten heranziehen
lassen. Indessen haben die Staatsgesetze diese For-
derung der Kirche nicht bewilligt und nur von Grund-
und Gebäudesteuer sind kirchliche Gebäude ausge-
nommen worden. (S. Kirchenfabrik, Kirchengut,
Kirchensachen, und über staatliche Einschränkungen
für den Erwerb von K. auch Amortisation.)
Kirchenversammlung, s. Konzil.
Kirchenvisitation, die von der obern Kirchen-
behörde durch besondere Abgeordnete an Ort und
Stelle vorgenommene Untersuchung des kirchlichen
Zustandes der Gemeinden und der amtlichen Tüch-
tigkeit und Wirksamkeit ihrer Geistlichen. Nach kath.
Kirchenrecht lagen diese Visitationen den Bischöfen
als Teil ihrer Amtspflicht ob ("episcopuZ 86iu6i in
anno circumeat pkrocliiaui sukin"), wurden aber
infolge der übermäßigen Ansprüche der Bischöfe, die
meist mit einem förmlichen Hofstaate umherzogen,
den Gemeinden oft fo lästig, daß selbst Synoden
und weltliche Behörden Verordnungen gegen den
unmäßigen Aufwand bei K. erlassen mußten. Später
überliehen die Bischöfe diesen Teil ihrer amtlichen
Funktionen ihren Vikaren, und seit den Zeiten Gre-
gors VII. sendeten auch die Päpste oft Legaten mit
vollkommener Strafgewalt aus oder bestellten be-
sondere Inquisitoren zur Untersuchung des kirch-
lichen Zustandes in einem Lande. Das heutige
Kirchenrecht legt den Schwerpunkt der Aufsicht gleich-
falls in die Hände der Bischöfe, in deren Auftrag
die Erzpriester oder Landdekane als Aufsichtsbeamte
über kleinere Bezirke fungieren. Die Bischöfe haben
alljährlich dem Papst fchriftliche Berichte über den
Zustand ihrer Diöcesen (rsIktioneZ 8taw8) einzu-
reichen und in gewissen Zwischenräumen auch per-
sönlich vor dem Papste zu erscheinen (visit^re limwa
NpoLwiorum). Eine ganz neue Gestalt erhielt die
K. durch die Reformation. Luther riet 1525 dem
Kurfürsten von Sachsen, eine über alle Kirchen des
Landes sich erstreckende Visitation halten zu lassen,
Artikel, die man unter K verm
um die Tüchtigkeit und Wirksamkeit der Prediger,
den Zustand jeder Kirche und der Güter derselben zu
prüfen. Mclanchthon schrieb zu diesem Zwecke sein
"Visitationsbüchlein, oder Unterricht der Visitatoren
an die Pfarrherren im Kurfürstentums Sachsen",
das die Geistlichen in der evang. Lehre unterweisen
sollte. Die erste K., die nun 1527-29 in Sachsen
abgehalten wurde, um das Kirchenwesen nach den
Grundsätzen der Reformation in Ordnung zu brin-
gen, erstreckte sich gleichmäßig auf die Kirche und
Schule und gewann bald Nachahmung in andern
evang. Ländern. Die K. bestehen noch jetzt und
werden teils in gewissen Zwischenräumen durch
Kommissare des Kirchenregiments, insbesondere
die Generalsuperintendenten, teils alljährlich in den
einzelnen Sprengeln von den Dekanen, Superinten-
denten oder Pröpsten abgehalten. - Vgl. Burkhardt,
Geschichte der deutschen Kirchen- und Schulvisitation
im Zeitalter der Reformation (Bd. 1, Lpz. 1879).
Kirchenvogt (lat. aävo(nw8 6cci63ia6), in
frühern Zeiten eine Person, die mit der Veschützung
einer Kirche, eines Klosters oder Stifts betraut war.
<^chon in byzant. Zeit wurden für die Kirchen be-
fondere Rechtsbeistände bestellt; auch in das abend-
länd. Kirchenrecht ging dies Institut über und
gewann seit der Aufrichtung des röm.-deutschen
Kaisertums besonders hohe Bedeutung, indem die
Kaiser als solche die Verpflichtung derSchirmvogtei
für die gesamte Kirche übernahmen. Dies hatte
mehrfach ein segensreiches Eingreifen der Kaiser
(Heinrich III.) zur Folge, führte aber andererseits
zu jenen unaufhörlichen Kämpfen zwischen Staat
und Kirche, welche das ganze Mittelalter beherrschen.
Heute ist der Gedanke der kaiserl. HävocaUa eccisLias
umgestaltet in das moderne staatsrechtliche Princip
der Staatsaufsicht über Kirchen und Neligions-
gesellschaften. (S. auch ^u8 oirca. 8Hci-H.)
Kirchenvorstand, im Partikularrecht einzelner
deutscher Staaten das an der Spitze der evang.
Kirchengemeinde stehende kollegiale Organ, das durch
Wahl der Gemeinde bestelltwird, in andern Staaten^
so besonders in Preußen, Gemeindekirchenrat
genannt. Der K. oder Gemeindekirchenrat ist in
der evang. Kirchenverfafsung gleichbedeutend mit
dem Presbyterium oder Ältestenkollegium der ältern
Kirchenordnungen. In der heutigen Synodalver-
fassung (s. d.) ist der K. allenthalben das unterste
Glied, auf welchem sich die übrige Verfassung auf-
baut. Der Pfarrer ist kraft feines Amtes Mitglied
des K. - Die neuere preuß. Gesetzgebung (Gesetz
vom 20. Juni 1875) hat auch in die kath.Kirchen-
verfassung den K. eingefügt, indem diesem durch die
Staatsgesetzgebung geschaffenen und von der Kirche
angenommenen Organ die Vermögensverwaltung
der kath. Kirchengemeinden übertragen wurde.
Kirchenwimpel, indenKriegsflottendermeisten
christl. Seestaaten ein Wimpel, der über der National-
flagge geheißt wird als Zeichen, daß, solange er weht,
Gottesdienst an Bord abgehalten wird. Dieser
Wimpel zeigt in der deutschen und engl. Marine
ein rotes Kreuz auf weißem Grunde.
Kirchenzucht, Vuftzucht, der Inbegriff aller
Mittel, durch welche die Kirche ihre Mitglieder zur
Erfüllung der kirchlichen Pflichten anhält. Nie
katholische Kirche hatte die K. schon frühzeitig
in sehr umfassender Weise ausgebildet, teils in der
Form kirchlicher Bußen, teils als wirkliches Straf-
recht. (Über diese Entwicklung und deren Abschluß
im geltenden Recht, sowie insbesondere über das
ißt, sind unter C aufzusuchen. 24^