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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kolonisation (innere)

von untergeordneter Bedeutung. Erst 1608 begann mit der Gründung Quebecs die Kolonisation von Canada, welcher dann die Besitznahme von Acadia und Neufundland, vor allem aber die Niederlassungen in dem Stromgebiete des Mississippi (Gründung von Louisiana 1682) folgten. In Indien erwarb die Französisch-Ostindische Handelscompagnie Pondichéry an der Koromandelküste, Chandarnagar in Bengalen und Madras. Die Insel Haïti erhielt Frankreich von Spanien und faßte vorübergehend auch in Südamerika Fuß. Bereits im 18. Jahrh. aber mußte es den größten Teil seiner nordamerik. Besitzungen infolge unglücklicher Kriege an England abtreten und wurde von diesem auch aus Ostindien verdrängt. Erst im 19. Jahrh. begann wieder eine sehr energische Kolonialpolitik. Die Nordküste von Afrika unterwarf es durch die Eroberung von Algerien (1830) und die Übernahme der Schutzherrschaft über Tunis seinem vorherrschenden Einfluß. An der Westküste dehnte es die alten Besitzungen in Senegambien aus, occupierte die ganze Elfenbeinküste und erwarb Gebietsteile am Kongo. Neuerdings hat es das Königreich Dahome seiner Schutzherrschaft unterworfen und 1885 das Protektorat über Madagaskar übernommen. In Hinterindien erwarb Frankreich Cochinchina von Annam und (1883 und 1884) das Protektorat über ganz Annam und Tongking. - England schritt erst im Anfang des 17. Jahrh. zur Erwerbung von K. und zwar zuerst in Ostindien, wo die 1602 mit einem Freibrief versehene Ostindische Compagnie die ersten Niederlassungen begründete. Schon vorher hatten zwar Besitzergreifungen in Nordamerika stattgefunden, eine Ansiedelung engl. Auswanderer erfolgte jedoch erst im Anfange des 17. Jahrh. Bald faßte es auch in Westindien (Barbados 1605) und in Afrika (erste Niederlassung am Gambia 1631) festen Fuß und richtete, nachdem es den Spaniern und Holländern die Vorherrschaft zur See entrissen hatte, seine gesamte auswärtige und Wirtschaftspolitik auf die Erwerbung überseeischer Gebiete. Die kriegerischen Verwicklungen der Kontinentalmächte verstand England stets mit großem polit. Geschick zur Erweiterung seiner Kolonialmacht zu benutzen. So entriß es den Spaniern Jamaika (1655), den Holländern Neu-Amsterdam (Neuyork 1667), verdrängte die Franzosen aus Ostindien und zwang diese Macht im Pariser Frieden von 1763 zur Abtretung von Canada und Kap Breton. Einen größern Verlust erlitt England nur durch den Abfall der später zu den Vereinigten Staaten zusammengetretenen 13 nordamerik. Provinzen; es glich diesen Verlust jedoch bald wieder aus im 19. Jahrh., in welchem der engl. Kolonialbesitz durch zahlreiche Erwerbungen, von denen nur Australien mit Neuseeland und Tasmanien, die Besitzergreifungen in Indien und Afrika und zahlreicher Inseln in der Südsee genannt seien, eine solche Ausdehnung erhalten hat, daß England heute mit seinen Besitzungen den vierten Teil der Menschheit beherrscht. Bis Ende des 18. Jahrh. befolgte auch England das ältere monopolistische Kolonialsystem (s. d.). Seit dem Abfall der Vereinigten Staaten jedoch gab England die Engherzigkeit dieses Systems auf und befreite besonders seit dem Siege des Freihandelssystems im Mutterlande die K. nicht bloß von allen künstlichen Fesseln, sondern gewährte mehrern der wichtigsten auch polit. Selbständigkeit. Über die staatsrechtliche Stellung der englischen K. s. Großbritannien und Irland (Bd. 8, S. 416). - Erst 1884 ist auch Deutschland, 200 Jahre nach einem ersten Versuche des Großen Kurfürsten von Brandenburg, in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten. (S. Deutschland und Deutsches Reich, Bd. 5, S. 208 b fg., Deutsche Kolonien, Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, Neuguinea-Compagnie und die Artikel der einzelnen K.) - Auch Italien hat seit seiner nationalen Vereinigung wieder koloniale Thätigkeit entfaltet. (S. Erythräa und Italien, Bd. 9, S. 771.) - Von den übrigen europ. Staaten besitzt, abgesehen von Rußland, das in Asien seine besondere kolonisatorische Aufgabe hat, nur Dänemark einige K. Eine eigenartige Schöpfung der modernen Kolonialpolitik ist der Kongostaat (s. d.). - Genauere Nachweise über die Größe und Bevölkerung der K. der europ. Mächte sind unter den Artikeln: Großbritannien und Irland, Französische Kolonien, Niederlande, Deutsche Kolonien, Spanien u. s. w. gegeben. (Hierzu eine Karte: Kolonien europäischer Staaten, mit drei die histor. Entwicklung der K. darstellenden Nebenkarten.)

Litteratur. Roscher, K., Kolonialpolitik und Auswanderung (2. Aufl., Lpz. und Heidelb. 1856; 3. Aufl. von Roscher und Jannasch, Lpz. 1885); Hübbe-Schleiden, Überseeische Politik (2 Tle., Hamb. 1881 u. 1883); Jung, Deutsche K. (2. Ausg., Lpz. 1885); Schäffle, Kolonialpolit. Studien (in der "Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft", Jahrg. 42, 43, 44, Tüb. 1886-88); Leroy-Beaulieu, De la colonisation chez les peuples modernes (3. Aufl., Par. 1887); Cerisier, Impressions coloniales 1868-92. Étude comparative de colonisation (ebd. 1893); Artikel: K. und Kolonialpolitik im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften", Bd. 4 (Jena 1892).

Kolonisation, innere, die Ansetzung einer bäuerlichen Bevölkerung in solchen Gegenden der europ. Kulturstaaten, in denen noch ungenügend ausgenutztes anbaufähiges Land vorhanden ist, oder wo das übermäßige Vorherrschen des Großgrundbesitzes socialpolit. Übelstände hervorruft, die durch die Schaffung kleinerer und mittlerer bäuerlicher Besitzungen gehoben oder gemildert werden können. Früher war mit solchen K. meistens auch das Herbeiziehen fremder Einwanderer verbunden, deren Ansiedelung damals dem Staate auch aus bevölkerungspolit. Gründen wünschenswert schien und durch oft bedeutende Vorteile und Beihilfen unterstützt wurde. So insbesondere in Preußen unter dem Großen Kurfürsten und seinen drei nächsten Nachfolgern. Die letzte Masseneinwanderung war die der 20000 Salzburger 1732, von denen 15000 allein in Ostpreußen und Litauen angesiedelt wurden. Unter Friedrich d. Gr. ging der Zuzug fremder Ansiedler ohne solchen plötzlichen Andrang, aber stetig von statten, und im ganzen wird die Zahl der auf Grund von Kolonistenbenefizien von 1740 bis 1786 angesetzten Personen auf 300000 veranschlagt.

Seit dem Anfange des 19. Jahrh. trat wie auf vielen andern Gebieten der wirtschaftlichen Staatsthätigkeit unter dem Einfluß der individualistischen Lehren auch für die innere K. ein gänzlicher Stillstand ein. Erst in der neuesten Zeit ist sie wieder, wenn auch aus veränderten Motiven, Gegenstand eines lebhaftern Interesses geworden. Zunächst hat man angesichts der starken Auswanderung auf die großen Bodenflächen hingewiesen,

^[Artikel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.]