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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kunstgewerbeschulen
Kunstindustrie bereits der französischen als eine fast
ebenbürtige und eigenartige entgegen. Das Bei-
spiel Englands erweckte, angeregt durch Sempers
Schriften, die Nachfolge in Österreich. Anfang Mai
1864 wurde das Österreichische Museum für Kunst
und Industrie eröffnet. Das Institut stellte bald
eine bestimmte Kunstrichtung dar, die man im all-
gemeinen als die stilistische bezeichnen kann; es be-
tonte die Principien und Gesetze in der Kunst und
im Geschmack gegenüber dem franz. Naturalismus.
Die Erfolge diefer Bestrebungen zeigten sich bei den
Ausstellungen zu Wien 1871 und 1873, zu München
und Philadelphia 1870.
Die litterar. Thätigkeit, welche insbesondere
(vor allem durch Essenwein, Falke, Bücher, Dum-
reicher vertreten) vom Österreichischen Museum aus-
ging, erweckte eine ähnliche resormatorische Be-
wegung auch in den übrigen Ländern. In Rußland
z. V. wurden Museen und mit ihnen Schulen in
Petersburg und Moskau gegründet, und anderswo
vermehrte man die Zeichcnschulen. In Deutschland
ging Berlin voran, wo ein Verein von Privaten 1867
das Deutsche Gewe^bemuseum gründete, das gegen-
wärtig unter I. Lessings Leitung als Kunstgewerbe-
museum eine große Staatsanstalt geworden ist,
welche an wissenschaftlicher Bedeutung der Wiener
überlegen ist. In Hamburg wußte Brinkmann ein
Kunstgewerbemuseum mit auserlesenen Schätzen zu-
fammenzubringen, in Dresden Grafs eine Anstalt zu
schaffen, welche Vorzugsweife praktischen Zwecken
dient, ähnlich dem "Bayrischen Gewerbemuseum" zu
Nürnberg, welches Stcgmann auf feine.höhe brachte.
Unter den jüngern K. ragen Düsseldorf, Köln, Leip-
zig, Osfenbach, Karlsruhe, Magdeburg, Hannover
Oestner-Museum), in Österreich Brunn, Neichenberg,
Prag, Graz, Olmütz, Lemberg, Pest u. a. hervor.
Von den K. ging auch der Mehrzahl nach die
litterar. Thätigkeit für die Kunstindustrie aus. Den
Anstoß hierzu gab die von Bäumer und Schnorr in
Stuttgart herausgegebene kunstgewerbliche Zeit-
schrift "Gewerbehalle". Eine ähnliche Zeitschrift:
"Blätter für Kunstindustrie", erscheint seit Anfang
1872 in Wien; daneben wirken die "Mitteilungen
des Österreichischen Museums" und, früher in Wei-
mar, jetzt in Nürnberg, die von Stegmann begrün-
dete "Zeitschrift des Bayrischen Gewerbemuseums".
Unter Redaktion von A. Papst hat auch Lützows
"Zeitschrift für bildende Kunst" ein regelmäßiges
Beiblatt für Kunstgewerbe erhalten, das nament-
lich die wissenschaftliche Seite vertritt, während die
"Zeitschrift des Bayrischen Kunstgewerbevereins"
in München in künstlerischer Beziehung zur Zeit
die erste Stelle einnimmt. Die kunstgewerbliche Be-
wegung hat einen weitern Schritt in Deutschland
und Österreich gethan, indem sich Kunst gewerbc-
ver eine gebildet haben, teils zur Unterstützung der
Schulen und Museen, teils zur Gründung perma-
nenter Ausstellungshallen, überhaupt zur Förderung
auch der geschäftlichen Seite. Der bedeutendste dieser
Art ist der Münchener, dem sich ähnliche in Dresden,
Leipzig, Berlin, Hamburg, Rheinland und West-
falen, Magdeburg, Stuttgart, Karlsruhe, Hannover
u. a. O., zuletzt in Österreich Wien, Reichenberg,
Innsbruck anschlössen. 1883 traten diese Vereine
zu einem Verbände zusammen. - Vgl. Schwabe,
Die Förderung der Kunstindnstrie in England und
der Stand dieser Frage in Deutschland (Berl. 1866);
Falke, Das Österreichische Museum für Kunst und
Industrie (Wien 1889); Berichte der Kongresse der
deutschen Kunstgewerbevereine (I. Münch. 1883;
II. Franks. 1885; III. Dresd. 1887).
Kunstgewerbefchulen,Unterrichtsanstaltenzur
Hebung des Kunstgewerbes (s.d.). Sie stehen meist
im Range von Mittelschulen oder niedern Fach-
schulen. Seit der Mitte des 19. Jahrh, ging man
von dem Gedanken aus, daß zur Hebung des Kunst-
gcwerbes vor allem die Schaffung neuer, leistungs-
fähiger künstlerischer Kräfte notwendig fei, und solche
Kräfte, deren damals allein Frankreich befaß, nur
durch Unterricht und Schulung gebildet werden könn-
ten. Es vereinte sich damit der zweite Gedanke, daß
bei dem Verfall des allgemeinen Geschmacks dieser
wieder gebildet und gehoben werden müsse durch die
musterhaften Arbeiten, welche frühere Kunstepochen
geschaffen hätten. Aus diesen Gedanken entstanden
die Kunstgewerbemuseen (s. d.) und neben denselben
die K., in denen nun, zunächst durch Schulung an
den Meisterwerken und Musterbeispielen der Ver-
gangenheit, die Kräfte gebildet werden sollten. In
wachsen bestanden derartige Anstalten seit 1769,
waren jedoch nach und nach auf einen tiefen Stand
zurückgegangen, aus dem sich seit den fünfziger
Jahren eine Schule für Modellleren, Ornamente
und Musterzeichnen herausbildete. Ahnliches er-
strebte die 1854 in Berlin gegründete Dessinateur-
schule und verwandte Anstalten, für welche Beuth,
Schinkel, Böttichcr, Gropius u. a. wirkten. Die
erste Schule, welche das von Semper beeinflußte
fachlich durchbildete System der Schule des South-
Kensington-Museums aufnahm, war die Kunst-
gewerbeschule am Österreichischen Museum in Wien
(1867).
In Berlin bestehen zwei K., die eine als Unter-
richtsanstalt des 1867 eröffneten Kunstgewerbe-
museums, die andere als Abteilung der von Friedrich
Wilhelm II. gegründeten Kunstschule, deren andere
Abteilung die Vorbereitungsschnle für die Kunst-
akademie ist. Andere preußische K. bestehen in Bres-
lau seit 1883, Cassel 1869, Düsseldorf 1883, Wies-
baden, Frankfurt a. M. 1879, Magdeburg 1887.
Bayern besitzt seit 1868 K. in München und Nürn-
berg, letztere aus der 1862 gegründeten Malerschule
hervorgegangen. Württemberg hat eine dem Poly-
technikum in Stuttgart angeschlossene Kunstgewerbe-
schule, Sachsen eine mit Zeichenvorschule verbundene,
1875 eröffnete Kunstgewerbeschule in Dresden und
eine an die Leipziger Kunstakademie angeschlossene
Kunstgewerbeschule, Baden seit 1878 eine Kunst-
gewcrbeschule in Karlsruhe und seit 1877 eine Kunst-
gewerbeschule für Metallindustrie in Pforzheim. In
Österreich bestehen außer der Wiener Kunstgewerbe-
schule noch solche in Prag 1885, Pest 1880, außer-
dem zahlreiche kunstgewerbliche Fortbildungsschulen.
Bei den allgemeinen K. besteht der Unterricht zu-
nächst in allgemeiner künstlerischer Ausbildung,
im Zeichnen, Malen, Modellieren, Konstruieren,
in Stillehre, im Komponieren, alles mit der Be-
ziehung oder Anwendung auf kunstgewerbliche Auf-
gaben. Die praktische Einübung für das specielle
Gewerbe, welchem sich der Schüler einmal anschließen
wird, ist diesem selber überlassen, doch nicht ganz,
denn es sind - und wohl in der Regel - nunmehr
mit den K. auch Lehrateliers verbunden, in denen
gearbeitet und ausgeführt wird wie in den Werk-
stätten. So bestehen an der Kunstgewerbeschule des
Österreichischen Museums Ateliers fürHolzschnitzerei,
sür Fayence- und Porzellanmalere:, für Treiben und
Cifelieren in Metall, für Radierung und Holzschneide'
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