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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Leibniz

delliert von Hähnel, gegossen von Lenz in Nürnberg, 25. Okt. 1883 enthüllt. Das Haus in Hannover, wo L. starb, kaufte 1844 König Ernst August, um es vor dem Niederreißen zu bewahren. L. arbeitete mit erstaunlicher Leichtigkeit. Seine Schriften sind oft Muster weltmännischer Feinheit; jedoch hat man ihm Zorn, Geldliebe und Eitelkeit zum Vorwurf gemacht. Sein Hauswesen vernachlässigte er; verheiratet war er nie.

L. hat kein einzelnes Werk hinterlassen, dessen innere Vollendung der Größe seines Geistes entspräche. Seine meisten wissenschaftlichen Arbeiten, namentlich die mathematischen und philosophischen, sind kurze Aufsätze, die er in Zeitschriften, wie den «Acta eruditorum», «Miscellanea Berolinensia», «Mémoires de Trévoux» und «Journal des savants», veröffentlichte; vieles sprach er nur ganz gelegentlich in seinen überaus zahlreichen Briefen aus. Gesammelt wurden dieselben von Kortholt (4 Bde., Lpz. 1734‒42), Gruber (2 Bde., Gött. 1745), Michaelis (ebd. 1755), Veesenmeyer (Nürnb. 1788), Feder (Hannov. 1805) und Cousin im «Journal des savants» (1844). Unter seinen philos. Schriften sind nur zwei von größerm Umfang, der «Essai de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal» (2 Bde., Amsterd. 1710; hg. von Jaucourt, 2 Bde., ebd. 1747; lateinisch Tüb. 1771; deutsch von Habs, Lpz. 1884) und die gegen Locke gerichteten «Nouveaux essais sur l’entendement humain» (deutsch von Schaarschmidt, Berl. 1874), die erst 50 Jahre nach L.’ Tode von Raspe in den «Œuvres philosophiques de feu Mr. L.» (Amsterd. und Lpz. 1765) herausgegeben wurden. Die erste, namentlich durch Ausschluß der von Raspe herausgegebenen noch unvollständigen Sammlung seiner Werke veranstaltete Dutens (6 Bde., Genf 1768), eine Ausgabe von «L.’ deutschen Schriften» Guhrauer (2 Bde., Berl. 1838‒40), der sämtlichen philos. Schriften Erdmann (ebd. 1839). Die umfassendste Sammlung seiner philos. Schriften ist diejenige von Gerhardt (in 7 Bdn., Berl. 1875‒90). Eine nach Originalmanuskripten gedruckte Gesamtausgabe begann G. H. Pertz im Verein mit Grotefend (Hannov. seit 1843); eine andere wurde von Onno Klopp (Bd. 1‒11, ebd. 1864‒85), eine dritte von Foucher de Careil (Par. 1860 fg.) unternommen.

L.’ Bedeutung als Philosoph beruht auf seinem mit umfassender wissenschaftlicher Bildung durchgeführten Versuche, die mechanistische Naturerklärung mit dem religiösen Glauben zu versöhnen; als das Mittelglied dazu dienten ihm die teleologischen Gesichtspunkte, die er teils seiner genauen Kenntnis der antiken Philosophie, vor allem des platonischen und des aristotelischen Systems, teils einem eingehenden Studium der Werke des genialen Giordano Bruno verdankte. L. setzte an Stelle der toten, nur das Objekt der Bewegung bildenden Atome seine «Monaden», lebendige, einfache Substanzen, welche er als «vorstellende Kräfte» bezeichnete: so bildete er den Mechanismus in Dynamismus, den Materialismus in Idealismus um. Die Einheit dieser selbständigen Substanzen sucht L. dadurch zu ergründen, daß er annimmt, der Vorstellungsinhalt jeder Monade sei die Gesamtheit aller übrigen, und um diese Grundidee durchzuführen, bezeichnet er als den einzigen wesentlichen Unterschied unter den Monaden denjenigen der Klarheit und Deutlichkeit ihrer Vorstellungen: die niedrigsten Monaden, welche dem entsprechen, was wir Materie oder physik. Atome nennen, haben nur unklare und verworrene, die höchste Monade, die Gottheit, nur klare und deutliche Vorstellungen; der Mensch, auf einer der zahllosen Mittelstufen befindlich, hat in seiner sinnlichen Empfänglichkeit die unklaren und verworrenen, in seiner vernünftigen Erkenntnis die klaren und deutlichen Vorstellungen. So knüpft L. seine Erkenntnistheorie an seine Metaphysik: dem Wesen der menschlichen Monaden entspricht es, gleichmäßig der Erfahrung und dem reinen Verstandesdenken zu folgen; so sehr deshalb L. die ruhige Besonnenheit des Lockeschen Empirismus anerkennt und ihm beitritt, so erhebt er sich andererseits darüber durch die Lehre, daß die Verknüpfung der durch die Erfahrung gewonnenen Thatsachen nur nach den Gesetzen des selbständigen Intellekts erfolgt und daß in diesen die ewigen Wahrheiten gegeben sind. Für sie gilt als Grundprincip der Satz des Widerspruchs, während die Erfahrungserkenntnis auf demjenigen der Kausalität beruht. Da aber die Monaden als wahre Substanzen die Einwirkung aufeinander, den influxus physicus, nicht zulassen, so ist die gewöhnliche Auffassung des kausalen Verhältnisses von Thun und Leiden nur Schein: in Wahrheit entwickelt sich jede Monade nur innerhalb ihrer selbst, d. h. sie produziert vermöge ihrer Tendenz, von einer Vorstellung zur andern fortzuschreiten, die wir Begehrung nennen, immer neue Vorstellungen, und jener Schein des Aufeinanderwirkens entsteht nur dadurch, daß eben in allen Monaden sich innerhalb der Vorstellungen überall derselbe Weltprozeß abspielt, weil jede in jedem Augenblicke alle übrigen vorstellt.

Diese Hypothese nannte L. das System der prästabilierten Harmonie. Dasselbe setzt, da jede zufällige oder willkürliche Abweichung diese Übereinstimmung aller Monaden stören würde, die absolute Notwendigkeit alles Geschehens in allen Monaden und somit in Rücksicht auf die Entschließungen des menschlichen Willens den vollen Determinismus (s. Determination) voraus, den L. auch annahm, aber mit einer modifizierten Freiheitslehre in Einklang zu bringen suchte. In anthropol. Beziehung führt das System der prästabilierten Harmonie zu dem Ergebnis, daß die Seele als die Centralmonade des Körpers aufzufassen sei, in welcher die den Körper konstituierenden Monaden klar und deutlich vorgestellt werden, und daß von einem Einfluß des Leibes auf die Seele und umgekehrt keine Rede sein kann, ihr Zusammenhang vielmehr eben nur in dem parallelen Abfluß des Geschehens in der Seele und im Körper gesucht werden darf. Dem Raum und der Zeit mußte in dieser Lehre der Charakter selbständiger Realität abgesprochen, und sie konnten nur für Verhältnisse der Monaden und ihrer Vorstellungen angesehen werden. Den Lebensgrund schließlich aller endlichen Monaden bildet die unendliche Centralmonade der Welt, die Gottheit. Für ihre Allgüte, Allweisheit und Allmacht, vermöge deren sie die vollkommenste Welt habe wollen, erdenken und schaffen müssen, macht L. in seiner Theodicee sozusagen die Rechenprobe, die sich jedoch darauf beschränkt, an Stelle des Nachweises der Vollkommenheit der bestehenden Welt darzuthun, daß dieselbe unter den möglichen die beste war, daß mit der Endlichkeit der einzelnen Monaden, dem metaphysischen Übel, auch das moralische und in dessen Konsequenz das physische Übel notwendig gewesen seien, daß aber alle diese endlichen Mängel in