Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

53
Leinenindustrie
1-2 Jahrhunderte länger sich forterbatten als die
Wederei des Haushalts, und etwa 100 Jahre vor
Erfindung des Maschinenwebstubls war es sckon
ziemlich allgemeiner Gebrauch, das; das Handge-
spinst außer Haus gebracht und mit den erforder-
lichen Wünschen dem handwerksmäßig ausgebil-
deten Lohnweber zur Weiterbearbeitung übergeben
wurde. Andere Weber hatten schon längst zuvor
für eigene oder fremde Rechnung gearbeitet, und in
besonders geeigneten Bezirken batte sich eine zeit-
weise recht blühende Hausindustrie der Leinenwaren
entwickelt, deren Erzeugnisse nach fernen Ländern
ausgeführt wurden. Im 15. und 16. Iadrd. war
dieser Industriezweig mit einer für die damalige
Zeit immerhin beträchtlichen Ausfubr nirgends so
entwickelt als in Deutschland. Der Dreißigjährige
Krieg schädigte die L. aufs schwerste und die spä-
tern Kriege, ebenso wie die polit. und wirtschaft-
liche Zersplitterung des Deutschen Reichs haben
es verhindert, daß die deutsche L. die früber ton-
angebende Stellung behaupten konnte. Die lange
Friedcnszeit von 1815 ab ließ zwar die Leinenweberei
in Westfalen, Schlesien, der Lausitz, in Württemberg
neu aufblühen, auch wurden nach Beseitigung der
Kontinentalsperre von der Ausfubr manche fremde
Länder zurückerobert: die inzwischen erstarkte aus-
ländische Konkurrenz in England, Frankreich, Bel-
gien machte sich aber doch stärker als zuvor geltend,
zumal da diese Länder sowohl in der Spinnerei wie
in der Weberei früher zum Maschinenbetriebe über-
gingen. In Deutschland ist man seit 1870 eifrig
demüht, das hierin Versäumte nackzubolen, und es
sind auch beachtenswerte Erfolge erzielt worden.
Hier und sodann noch in Osterreich (Böhmen) kämpft
aber doch noch der hausindustrielle Weber mit sei-
nem Handwebstuhl gegen den Masckinenwebstuhl
der Fabrik. Dieser Kampf ist für den kleinen Weber
aanz aussichtslos; schon heilte zu Gunsten der Fa-
briken entschieden, wird in kurzer Zeit die haus-
industrielle Leinenwcberei verschwunden oder nur
auf sehr wenige Artikel beschränkt sein.
Über die in den einzelnen Ländern in der L. vor-
handenen Spindeln und Webstühle sind nur an-
nähernd richtige Zahlen für Flachs, Hanf und Werg
anzugeben, da fast überall die Jute mit eingerechnet
wird. Anfang 1894 werden für die L. allein (ohne
Jute) anzunehmen fein:
Länder
^-"^," Maschinen- Hand-
Spindeln , ^ ! stuhle
Großbritannien... 1 500 000 i
Frankreich ..... ! 520 000 !
Deutschland..... 340 000 '
Österreich-Ungarn
Belgien. .
Rußland .
Italien . .
Spanien .
Schweiz.
Holland.
Schweden
320 000
260 000
210 000 !
75 000 >
32 000 ,
11 000
8 000
6 000
56 000
16 400
16 400
4 000
4 000
3100
700
5 900
1200
200
?
20 000
75 000
60 000
45 000
6 000
12 000
?
?
Zusammen j 3 282 000 ! 107 900 ^ ?
Hierbei ist nicht zu übersehen, daß die Fabriken nicht
immer voll beschäftigt und namentlich von den
Handstühlen jederzeit eine Anzabl außer Thätigkeit
ist. Die Zahl der letztern wird für Deutschland zu
150000 von Brachelli angegeben. Beschäftigt sind
davon kaum die Hälfte, und diese nur zeitweise.
An der Spitze der L. stebt Großbritannien,
vor allem Irland. Im 18. Jahrh, war dieser
^ Industriezweig noch schwach entwickelt; die Konti-
^ nentalsperre, vor allen Dingen die Einführung des
Maschinenbetriebes in Spinnerei wie Weberei, frü-
der als in allen andern Ländern, die Welthandels-
stellung und der Kolonialbesitz haben Großbritan-
nien die Übermacht verschafft. Die Hauptsitze der
Spinnerei von Leinengarnen sind Leeds, Bradford,
Dundce, Belfast, Huddersfield, Manchester; die
Weberei bat auch in Irland ihren Hauptsitz. Die
Vleickereien gelten als mustergültig. Bei der Ver-
! arbeitnng von Flachs, Hanf und Jute waren 1671:
! 520173/1894 etwa 620000 Personen beschäftigt.
In Frankreich ist das Depart. Nord der Haupt-
sitz der seit 1834 errichteten mcchan. Flachsspinnerei;
! doch werden die Garne, die sich zum Teil durch be-
i sondere Feindeit auszeichnen, meist im Inland ver-
l braucht. Die Dauphine fertigt vorwiegend Hanflein-
! wand; besseres Flachsleinen liefern die nordöstl. Pro-
! vinzen, die übrige Weberei meist Mittelware für den
! inländischen Bedarf. (Vgl. Frankreich, Bd. 7,,S. 66 d.)
^ In Deutfchlaud vermag die Spinnerei den
einheimischen Bedarf nicht ganz zu decken, doch ist
dies mit jedem Jahre besser geworden. Während
1883 die Einfuhr von Leinengarn noch 14422 t
im Werte von 24,06 Mill. M. betrug, ist dieselbe
bis 1892 auf 9372 t für 16,005 Mill. M. zurück-
gegangen, denen eine Ausfuhr von 2,466 Mill. M.
gegenüberstand. 1893 betrug die Ausfuhr von
Leinengarnen 2,473 Mill. M., die von Leinen- und
Seilerwaren 30,021 Mill. M. (Vgl. Deutschland und
Deutsches Reich, Bd. 5, S, 133 d.)
Osterrei ch hat in Böhmen, Asterreichisch-Schle-
sien und Mähren zahlreiche Spinnereien, in denen
melst gröbere Nummern gesponnen werden. Dort
ist auch die Weberei konzentriert, die zum großen
, Teil noch Hausindustrie ist. Mehr und mehr voll-
! zieht sich auch hier der Übergang zum Fabrikbetrieb.
Bleicherei und Appretur sind anerkennenswert.
Mit 260000 Spindeln verfügt Belgien über
eine Flachsspinnerei, welche im Verhältnis zur Be-
völkerung die aller andern Länder übertrifft. Auck
die Weberei ist, wenn auch nicht gleich stark ent-
wickelt, dock derart, daß auf dem Weltmärkte die
belgifchen billigern Artikel sich neben den englischen
^ und deutschen gut bebauptcn.
Die Schweiz ist in ihrer L. nicht auf der Höhe
geblieben, die im 16. und 17. Jahrh. (St. Gallen
und Appenzell) vorhanden war. Nur in den fein-
sten Geweben, den Batisten, Tafchentüchern u. dgl.,
findet noch jetzt eine Ausfuhr statt, die zwischen
! 1-1V2 Mill. M. schwankt.
! Die Vereinigten Staaten von Amerika
^ haben der L. noch keine besondere Aufmerksamkeit
zugewendet, in dem letzten Jahrzehnt ist sogar in
! Spinnerei wie Weberei ein Rückgang zu verzeichnen
^ trotz des steigenden Flachsbaues, der vorwiegend
zur Gewinnung von Leinöl betrieben wird.
In Italien, Spanien, unter den slaw. Völker-
schaften, darunter befonders in Rußland, in den
! skandinav. Ländern, wie in den Donaustaaten, wird
i Maschinen- und Handgespinst teils in Fabriken, teils
! auf Handstühlen vielfach verwebt, der eigene Bedarf
j aber nicht gedeckt.
! Nach den Zusammenstellungen des Industriellen
> Klubs in Wien betrug die Ausfuhr (in Mill. M.)
i von Leinengarnen und -Waren aus einzelnen Län-
l dern in denletzten Jahren: