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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Litauer - Litauische Sprache
etwa 275 900 <i1<in umfassende Länderstrick an Ruß-
land, welches daraus die sechs Gouvernements
Kowno, Wilna, Grodno, Mohilew, Nitebsk und
3Ninsk bildete. Die Gebiete Samogitiens und Trotis
links vom Niemen fielen bei der dritten Teilung
2795 an Preußen als ein Teil der Provinz Nen-
ostpreußeu, kamen 1807 an das Herzogtum War-
schau, Ende 1812 an Rußlaud und bilden hente
das russ.-poln. Gouvernement Suwalki. Anfänglick
in viele kleine staatliche Grnppen llnter Häuptlingen
zerfallend, war das Land zum Teil russ. Fürsten
tributpflichtig. Mit dem Sinken der Macht Kiews
und den Angriffen der Litauer auf die benachbarten
russ. Fürstentümer trat L. in das Licht der Geschichte
(im 12. Jahrh.). Die erste histor. Persönlichkeit
L.s ist der Großfürst Mindowe, wahrend dessen
Vater Ringold noch sagenhaft erscheint. Mindowe
hatte das Bestreben, L. zu einein Reiche zu ver-
einigen, trat vorübergehend zum Christentum über,
nm sich die Hilfe des Deutschen Ordens zu gewin-
nen, starb aber als Heide )263, ohne sein Ziel er-
reicht zu haben. Nach seinem Tode beginnt ein Vor-
dringen russ. Elemente. Gedimin (1316-41), der
sich schon König der Litaner und "vieler Rnssen"
nannte, begünstigte die Russen, indem er sie als
Beamte und Feldherren verwendete. Unter ibm und
seinen Söhnen Olgerd und Kejstut breitete sich das
Großfürstentnm L. über Polozk, Weiß- und Schwarz-
rußland, Volhynien und Kiew ans. Olgerds Sohn
Iagello (s. d.) verband 1380 L. mit dem poln.
Reiche, dessen Thron er bestieg. Dock behielt L. be-
sondere, von den poln. Königen ernannte Groß-
fürsten. Die Vereinigung wurde angebahnt, als
1413 zu Horodlo festgesetzt ward, daß die poln. und
titanische Ritterschaft znr Wabl der Könige und
Großfürsten gemeinschaftlich sich beraten sollte.
Unter Sigismund II. August wnrde endlich 1569
auf dem Reichstage zu Lublin die völlige Union
beider Völker beschlossen und bestimmt, daß ab-
wechselnd zwei Reichstage in Warschau und der
dritte in Grodno gehalten werden sollte. - Vgl.
Antonowitsch, Abriß der Geschichte L.s bis znr Mitte
des 15. Jahrh. (2. Aufl., Kiew 1885, russisch):
Roepell und Caro, Geschichte Polens (Bd. 1, Hamb.
1840; Bd. 2 - 5, Gotha 1863-88); Schiemann,
Rußland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrh.
(2 Bde., Verl. 1886-87).
Litauer, lit. I,i0w>vinWKai, poln. I.iUvWi, russ.
I,it(nv^, indogerman. Volksstamm, zum balt. oder
slawolitauischen Zweige gehörig, wohnt vornebmlich
in den russ. Gouvernements Kowno, Wilna, Grodno,
nnd in dem russ.-poln. Gouvernement Snwalki
sowie in den nordöstl. Bezirken von Ostpreußen.
Ihre Zahl wird anf 2^ Mill. geschätzt. Die Mebr-
Zahl gehört der katholischen, eine kleine Zahl der
russischen, die L. in Preußen der evang. Kirche an.
(S. Litauen und Litauische Sprache.)
Litauischer Balsam, soviel wie Birkenteer (s. d.).
Litauische Sprache, ein Teil der sog. titani-
schen, lettischen oder balt. Familie des indogerman.
Sprachstammes; diese Familie ist der slawischen am
nächsten verwandt und wird mit ihr zu der litu-slaw.
Gruppe des Sprachstammes zusammengefaßt. Sie
zerfällt in folgende drei Sprachen:
1) Das bis zum 17. Jahrh, ausgestorbene Preu-
ßische (Altprenhiscke), dessen Eprackgebiet zwi-
schen der untern Weichsel (von Thorn abwärts) uud
dem Niemeu lag. Erhalten sind davon zwei Kateckis-
men von I545/einer(Enchiridion) von 1561, heraus-
gegebeil von Nesselmann ("Die Sprache der alten
Preußen an ibren Überresten erläutert", Berl.
1845), und ein dentsch-preuß. Vokabular cms 5^n
Anfang des 15. Jahrh., von demselben (Kö'nigsb.
1868), der auch den Wortschatz zusammenstellte:
"^1i68lmi'U8 liii^imo 1^u88ica0" (Berl. 1873). Neue
Ausgabe der altprenft. Sprachdenkmäler von Ber-
necker, "Die preuß. Sprache" (Straftb. 1896).
2) Das Litauische im engern Sinne. Die un-
gefähre Sprachgrenze wird gebildet dnrch eine Linie
von Labiau am Kurischen .Haff bis Grodno, von da
bis Dünaburg, ferner durch die Südgrenze Kur-
lands, endlich durch die Küsteuliuie von Polangen
bis Labiau; demnach fällt der kleinere Teil in da<-
Gebiet Preußens, der größere in das Nußlaudo.
Die Sprache zerfällt in mehrere Dialekte, von denen
der südlichste als Schriftsprache der preuß. Litauer
dient. Schriftsprache ist das Litanische seit dem
16. Jahrh., das älteste Buch lein Katechismus) von
1547. Die beste wissenschaftliche Bearbeitnng des
Litauifcken ist Schleichers "Handbuck der L. S."
(2Tle., Prag 1856-57), nächstdem Kurschat, "Gram-
matik der L. S." (Halle 1876); umfangreichere Wör-
terbücher schrieben Nesselmann (Königsb. 1851), na-
mentlich aber Kurschat ("Wörteronch der L. S.", 2 Tle.,
.halle 1870-83); die ältern Terte aiebt neu heraus
Bezzenberger: "Litauische und lettische Drncke des
16. (und 17.) Jahrh." (4 Hefte, Gott. 1874-84;
vgl. desselben "Beiträge znr Geschichte der L. ^.",
ebd. 1877, und "Litauische Forschungen", ebd. 1882).
DieVolkslitteratnrderLitaneristinfolgendenHaupt-
fammlungen enthalten: "Dainos oder litailische
Volkslieder", hg. von Nbesa, mit Übersetzung (neue
Aufl. von Kurschat, Berl. 1843); Nesselmann,
"Litauiscke Volkslieder" (ebd. 1853, mit Über-
setzung); Inszkiewicz, "I^tnviälioz dlnnoä" (3 Tle.,
Kasan 1880-82); ders., "I^iewvis^oZ Lvotdil^
ä^inos" ("Hochzeitslieder", Petersb. 1883); Bartsck,
"Dainu Balsai" (2 Tle., Heidelb. 1886-89; Melo-
dien und deutsche Übersetzung litauischer Volkslieder):
Märchen n. a. ill Schleichers Sammlung: "Litauische
Märchen, Sprichworte, Rätsel und Lieder" (Weim.
1857), und in der von Leskien und Brugmann: "Li-
tauische Volkslieder und Märchen" (Straßb. 1882).
Die von Veckenstedt, "Die Mythen, l^agen und Le-
genden der Zamaiten" (2 Bde., Hcidelb. 1883), pn-
blizierten Sachen sind nnecht. Der einzige nennens-
werte Knnstdichter der Litauer war Cbristian Dona-
litius (s. d.).
3) Das Lettische, das von den drei Sprachen die
jüngste Form hat (sich znm Litauischen etwa wie Ita-
lienisch zu Latein verhält); das Sprachgebiet nm-
schließt ungesähr eine Linie: im N. von Marienhausen
durch Oppckaln und Walk bis Salis am Rigaer
Meerbusen, im 3). von Marienhausen bis an dic Ost-
spitze Kurlands, im S. die ^üdgrenze Kurlands,
nmsaßt also ganz Kurland und den südl. Teil Liv-
lands; das Lettische reicht überdies etwas in das russ.
Gouvernement Witebsk hinein. Von den Dialekten
ist der sog. mittlere die allgemeine Schriftsprache.
Lettisch wird seit der Reformation geschrieben lder
älteste Druck, ein "Taufformular", von 1559). Die
lettische Grammatik ist in ausgezeichneter Weise
bearbeitet worden von Vielenstein: "Die lettische
Sprache" (2 Bde., Berl. 1863-64), "Lettische Gram-
matik" (Mitan 1863) und "Die Elemente der let-
tischen Sprache" (ebd. 1866); die ältern Wörter-
bücher sind jetzt verdrängt dnrch das "Lettifche Wör-
terbucb" (Tl. 1: lettisch-deutsch, von Ulmann, Riga