Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Mirabellen; Mirabĭle dictu; Mirabilĭen; Mirabilis

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Mirabellen - Mirabilis

seine Reise nach der Provence zu bestreiten, wo er vom Adel gewählt zu werden hoffte, verkaufte er seine Berliner Berichte als «Histoire secrète de la cour de Berlin», die dann freilich der Hof verfolgen ließ. Der Adel der Provence wies M. unter dem Vorwand zurück, daß er kein Lehngut besäße. M. schied mit der Drohung, daß er gleich Marius die Aristokratie zertrümmern werde, und trat bei dem Dritten Stande als Wahlkandidat auf, der ihn zugleich zu Aix und zu Marseille wählte. Er entschied sich für Aix und hob sich durch energisches Einschreiten bei einem durch Hungersnot veranlaßten Aufruhr auf den Gipfel der Popularität.

Nach der Eröffnung der Nationalversammlung beherrschte M.s Persönlichkeit, trotz eines tiefen Mißtrauens, mit dem man dem berüchtigten Manne entgegentrat, bald die Verhandlungen durch seine ebenso dialektisch scharfe, wie hinreißend feurige Beredsamkeit. Doch war sein polit. Ideal nicht die ins Grenzenlose fortschreitende Revolution, er wollte eine Monarchie, in der die ständische Organisation der alten Zeit vernichtet sein sollte, der er aber immerhin ein ziemliches Maß von Selbständigkeit zuerkennen wollte. Freilich den Hauptsatz der Revolution von der Souveränität des nationalen Willens, der sich revolutionär äußern dürfe, gab er nicht auf. So waren seine Reden, die übrigens oft nicht seine eigenen Worte, sondern die anderer wiedergaben, stets aus Pathos und Welterfahrenheit, aus Idealismus und praktischer Klugheit gemischt. Verhängnisvoll für die Regierung war es, daß sie Ende Mai, als er ihr seinen Einfluß zur Verfügung stellte, wenn sie im Sinne konstitutioneller Reform davon Gebrauch machen wollte, ihn hochmütig behandelte. Verhängnisvoll für ihn wurde der Umstand, daß seine polit. Tendenzen stets von persönlichem Ehrgeiz und der Rücksicht auf die Befriedigung seiner pekuniären Bedürfnisse durchkreuzt wurden. Als der Hof nach Paris übersiedelte, suchte M. mit Hilfe Lafayettes das parlamentarische Ministerium zu erlangen. Sofort aber vereinigten sich in der Versammlung die Anhänger mit den Gegnern der Revolution zum Widerstande, und ein Dekret vom 7. Nov. 1789 verhinderte, daß ein Deputierter Minister werden konnte. M. sah hierdurch seine Popularität wie seine polit. Wirksamkeit für die Zukunft gelähmt. Sein Versuch, wenigstens mittelbar auf die Regierung einzuwirken, indem er den Grafen von Provence, den nachmaligen Ludwig ⅩⅧ., in die Stellung eines Premierministers bringen und ihn durch seinen Rat lenken wollte, scheiterte an der Achtsamkeit der übrigen Minister. Da veranlaßte die Königin ihn unter Mitwirkung des Grafen Mercy-Argenteau, des österr. Botschafters, und von M.s Freunde, dem Grafen La Marck (s. Arenberg), 3. Juli 1790 zu einer geheimen Zusammenkunft in den Gärten zu St. Cloud. Ein Bund ward geschlossen. Aber man hörte nicht ihn allein und folgte auch seinen Ratschlägen nicht. Die großen Geldsummen, die er jetzt vom Hofe erhielt, gaben seinen Feinden Gelegenheit, ihn als Verräter zu bezeichnen. M. verstand es zwar, in dem wachsenden Sturm immer noch seinen Einfluß machtvoll geltend zu machen, der Prozeß über den Anteil M.s an den Oktoberereignissen des Vorjahres stärkte seinen Anhang, er erhielt im Dez. 1790 die Präsidentschaft im Klub der Jakobiner, im Febr. 1791 sogar in der Nationalversammlung. Der Sturz Neckers, der zum Teil infolge von M.s Auftreten zu Gunsten einer Vermehrung der Assignaten Sept. 1790 erfolgt war, hatte diesen mit neuen Hoffnungen auf eine leitende Stellung erfüllt. Doch hat er nur erreicht, daß der Minister Montmorin sich ihm näherte und sich insgeheim seines Rates bediente. Ob M. noch helfen konnte, ist bei der Lage und den Persönlichkeiten äußerst fraglich. Seine Geltung bei den Jakobinern ging ihm allerdings wieder verloren, aber sein Name war populär geworden wie kaum ein zweiter in Frankreich. Als er vom Übermaß geistiger Erregungen und Anstrengungen im Bunde mit ununterbrochenen Ausschweifungen überwältigt 2. April 1791 starb, war die Trauer allgemein, und als seine Leiche in der Kirche Ste. Geneviève (Pantheon) neben Descartes, Voltaire und Rousseau beigesetzt wurde, war die Nation eins in der Verehrung seines Genies. Der liberalen Nachwelt wurde M. die Verkörperung des konstitutionellen Princips. Sie hat ihn unzweifelhaft oft idealisiert und weit überschätzt.

Eine Ausgabe seiner «Œuvres» mit einer Biographie veranstaltete Mérilhou (9 Bde., Par. 1825‒27). Chaussard veröffentlichte einen Auszug aus M.s Schriften und Reden u. d. T. «L’esprit de M.» (2 Bde., 1797). Schon 1791 und 1792 erschien eine «Collection complète des travaux de M. l’ainé à l’assemblée nationale, recueillie par E. Méjan» (5 Bde.), 1806 «Lettres inédites de M.», hg. von Vitry. Eine außerordentlich wichtige Quelle für die parlamentarische Wirksamkeit M.s sind seine «Lettres à ses commettants» (Par. 1791), ein Bericht über die Verhandlungen, den er in der Wochenschrift «Courier de Provence» 1789‒91 veröffentlichte. Nachrichten über M.s Leben und Wirksamkeit teilte sein natürlicher Sohn Lucas Montigny mit in den «Mémoires biographiques, littéraires et politiques de M.» (8 Bde., Par. 1834); Bacourt gab die wichtige «Correspondance entre le comte de M. et le comte de Lamarck» (3 Bde., ebd. 1851; deutsch, 3 Bde., 2. Ausg., Brüss. 1854). – Vgl. außerdem Peuchet, Mémoires sur M. (4 Bde., Par. 1824); Dumont, Souvenirs sur M. (ebd. 1832); Joly ^[Aristide Joly], Les procès de M. en Provence (ebd. 1863); Plan, Un collaborateur de M. (ebd. 1873); de Loménie, Les M. (2 Bde., ebd. 1878; neue Ausg., 3 Bde., 1889); Guibal, M. et la Provence en 1789 (ebd. 1887); Stern, Das Leben M.s (2 Bde., Berl. 1889); Gradnauer, M.s Gedanken über die Erneuerung des franz. Staatswesens (Halle 1889); Schwarz, M. und Marie Antoinette (Bas. 1891); Mézières, Vie de M. (Par. 1892); Jobez ^[Alphonse Jobez], La France sous Louis ⅩⅥ (Bd. 3. ebd. 1893).

Mirabellen, s. Pflaume.

Mirabĭle dictu (lat.), wunderbar zu sagen; mirabĭle visu, wunderbar zu sehen.

Mirabilĭen (lat.), Wunderdinge, Wunderwerke.

Mirabilis L., Wunderblume, Pflanzengattung aus der Familie der Nyctaginaceen (s. d.) mit wenigen, in den wärmern Gegenden Amerikas einheimischen Arten. Es sind krautartige Gewächse mit gegenständigen ganzen Blättern und einzeln oder gebüschelt stehenden Blüten, die von einer kelchartigen, fünflappigen Blatthülle umgeben sind. Sie werden als Ziergewächse kultiviert, besonders M. Jalapa L., mit gebüschelten, großen roten, gelben, weißen oder gescheckten Blüten, und M. longiflora L. aus Mexiko, mit sehr langröhrigen, weißen, am Schlunde purpurnen Blumen, die des Abends ihre Blüten öffnen und einen starken Wohlgeruch ver- ^[folgende Seite]