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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Muskelgefühle; Muskelgeräusch; Muskelgewebe; Muskelgift; Muskelhäute; Muskeln

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Muskelgefühle - Muskeln

Muskelgefühle, s. Gemeingefühl.

Muskelgeräusch, s. Muskeln.

Muskelgewebe, s. Histologie (Bd.9, S.215 b).

Muskelgift, s. Gift (Bd. 7, S. 1020 a).

Muskelhäute, Muskellehre, s. Muskeln.

Muskeln (lat. musculi, "Mäuschen"), die Organe der aktiven Bewegung des tierischen Körpers. Die ausgebildetsten M. finden sich bei den Säugetieren, Vögeln, Amphibien und Fischen, und den ausgedehntesten Gebrauch von diesen Organen macht der Mensch. (S. Tafel: Die Muskeln des Menschen.) Die Lehre von den M. heißt Muskellehre oder Myologie. Man unterscheidet nach Form und Thätigkeit willkürliche (quergestreifte, animale) und unwillkürliche (glatte, organische) M. Bei den höhern Tieren bestehen die der willkürlichen Bewegung dienenden M. aus einer weichen, feuchten, roten Substanz, welche gewöhnlich Fleisch genannt und von einer sehr großen Menge rundlicher, sehr langer, zwischen 0,01 und 0,05 mm dicker, kontraktiler Fäserchen, der Muskelfasern oder Muskelfibrillen (Primitivfasern, fibrillae musculares), gebildet wird. Auf jeden Quadratcentimeter eines menschlichen Muskels kommen nach Valentin durchschnittlich 28 000 solcher Muskelfibrillen. Diese Muskelfasern vereinigen sich zu kleinen, 0,5 bis 1 mm dicken Muskelbündeln, welche in dünnen Scheiden von Zellhaut (sarcolemma) eingeschlossen sind. Diese treten wieder zu größern, ebenso eingeschlossenen Muskelbündeln zusammen und so entsteht durch immer wiederholte Vereinigung der ganze Muskel, welcher wieder seine Zellhautscheide besitzt. Die rote Farbe rührt von dem Blutfarbstoff (s. d.) her.

Die willkürlichen M., deren man beim Menschen über 500 zählt, gehören dem animalen Leben an und bilden den größten Teil der gesamten Körpermuskulatur (ungefähr ein Drittel der gesamten Körpermasse); die unwillkürlichen M. dagegen, welche den Zwecken des vegetativen Lebens dienen, kommen nur in der Brust- und Unterleibshöhle vor, vermitteln die Bewegungen des Herzens, des Magens, des Darms, der großen Blutgefäße u. s. w., stehen unter dem Einflüsse des Gangliensystems und sind somit dem Einflüsse des Willens entzogen. Die unwillkürlichen M. besitzen nicht so viel roten Farbstoff und bestehen aus kurzen, an beiden Seiten zugespitzten, glatten Fäserchen, während die Fasern der willkürlichen eine schöne Querstreifung zeigen. Die willkürlichen M. haben meist eine bedeutendere Länge als Breite und gehen an ihren Enden in breite oder runde, mehr oder weniger lange und starke Bänder, die Sehnen oder Flechsen (tendines), über, mit denen sie sich an den Knochen so anheften, daß sie ein Gelenk überspringen und so dasselbe bei ihrer Verkürzung beugen. Diese festen, sehnigen Gebilde dienen gewissermaßen als Zugseile, vermittelst deren die lebendige Kraft des Muskels auf den beweglichen Knochen übertragen wird. Eingeleitet wird die Bewegung durch den Einfluß der Nerven, von welchen je einer zu jedem einzelnen (willkürlichen) Muskelbündel tritt, so daß die Muskelfasern gewissermaßen die Endorgane der motorischen Nerven darstellen.

Ihrer Form nach pflegt man folgende Gruppen von M. zu unterscheiden: 1) länglichrunde, welche vorzugsweise an den Gliedmaßen, weniger am Rumpfe vorkommen und meist rundliche, längere oder kürzere Flechsen besitzen; ihr mittleres dickeres Stück wird als Muskelbauch, ihre an den festen Punkt angeheftete Ursprungsstelle als Kopf, ihre mit dem beweglichen Teil verbundene Ansatzstelle als Schwanz bezeichnet; 2) breite oder Flächenmuskeln, welche sich nur am Rumpf finden und vorzüglich der Begrenzung der großen Leibeshöhlen dienen; sie sind flach und dünn und endigen nicht in rundliche strangförmige Sehnen, sondern in breite Sehnenhäute; 3) ringförmige oder Schließmuskeln, welche in Gestalt eines Ringes die verschiedenen Leibesöffnungen umgeben und diese schließen können; 4) Hohlmuskeln, welche entweder für sich hohle Organe bilden (wie das Herz, die Gebärmutter) oder sich als sog. Muskelhäute in der Wand von Kohlen und Organen (Magen, Darm, Blase) befinden.

Nach der Art der Bewegungen, welche die willkürlichen M. veranlassen können, giebt man den letztern folgende Namen: Beugemuskeln oder Flexoren (s. d.); Streckmuskeln oder Extensoren (s. d.). Die Anziehmuskeln oder Adduktoren ziehen irgend ein Glied des Körpers gegen die Mittellinie desselben hin (z. B. den Arm an den Rumpf, die Schenkel gegeneinander), wogegen die Abziehmuskeln oder Abduktoren das Glied von der Mittellinie des Körpers abziehen (z. B. den Arm vom Rumpfe ab, die Schenkel auseinander). Die Rollmuskeln oder Rotatoren endlich drehen einen Körperteil um seine eigene Achse oder um einen andern Körperteil in einem Halbkreise herum (z. B. den Kopf nach der Seite, die Hand nach ein- oder auswärts). Außerdem besitzt jeder willkürliche Muskel noch einen besondern Namen, den er entweder seiner Lage oder seiner Form und Struktur oder seiner Wirkungsweise verdankt.

Von den Krankheiten der M. sind zu nennen Krampf (s. d.) und Lähmung (s. d.), der Muskelrheumatismus (s. Rheumatismus) und die Atrophie (s. d.) der M., deren wichtigste Form die fortschreitende (progressive) Muskelatrophie (s. d.) ist. Die Trichinen (s. d.) verursachen durch ihre Einwanderung in die willkürlichen M. in diesen heftige Entzündung; auch nehmen bei manchen Konstitutionskrankheiten (z. B. Typhus) die M. durch kolloide Entartung an der Erkrankung teil.

Hinsichtlich der physiologischen Vorgänge muß man am Muskel drei Zustände, Ruhestand, thätigen Zustand und die Starre unterscheiden. Der ruhende Muskel besitzt wie ein Kautschukfaden eine geringe, aber sehr vollkommene Elasticität; durch geringe Belastungen schon wird er bedeutend verlängert, kehrt aber nach dem Aufhören der dehnenden Kraft sofort wieder zu seiner ursprünglichen Länge zurück. Über den Stoffwechsel des ruhenden Muskels ist nur soviel bekannt, daß er dem durchströmenden Blute der Kapillargefäße fortwährend Sauerstoff entnimmt und an dasselbe Kohlensäure wieder zurückgiebt. Wird einem Muskel die Blutzufuhr abgeschnitten oder wird er ganz aus dem Körper entfernt, so geht er bei Warmblütern sehr bald, bei Kaltblütern viel später in den Zustand der Muskelstarre über, in welchem er seine Erregbarkeit völlig eingebüßt hat, verkürzt, steif und derb ist und eine saure Reaktion zeigt. Werden die M. der Leiche von der Starre ergriffen, so nimmt der ganze Leichnam völlige Steifheit an (Leichen- oder Totenstarre, rigor mortis). Die Ursache der Muskelstarre liegt in einer spontanen Gerinnung des Myosins (s. d.); beschleunigt wird das Eintreten