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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Mysterien

Den ersten Rang unter allen griechischen M. nahmen die attischen Eleusinien ein (s. Eleusis). Ihnen stehen an Alter und Heiligkeit zunächst die samothrakischen M., deren Mittelpunkt der ursprünglich vielleicht phöniz. Kultus der Kabiren bildete, mit welchem phryg. und griech. Religionselemente verschmolzen waren. Andere M., wie namentlich die orphischen, waren nur an die Personen der Teilnehmer geknüpft, also durchaus Privatsache und dadurch leicht Mißbräuchen ausgesetzt. Vorzüglich gilt dies von den religiösen Weihen fremdländischen Ursprungs, die besonders seit der Zeit des Peloponnesischen Krieges sich in Griechenland und hernach in Rom und Italien verbreiteten. Schon die orphischen M., welche vorzugsweise dem mit thraz., phryg. und vorderasiat. Gottheiten verschmolzenen Dionysos (s. d.) galten, enthielten solche Elemente. Dazu kamen dann insbesondere die Weihen der kleinasiat. Kybele (s. d.), der ägypt. Isis und in spätererZeit des pers. Mitra (s. d.).

Auch in Rom und mit der Zeit im ganzen Römischen Reich fanden griech. und fremdländische M. große Verbreitung. Jedoch nahmen speciell die bacchischen Weihen schon im 2. Jahrh. n. Chr. einen so bedenklichen Charakter an, daß der röm. Senat 186 v. Chr. durch das "Senatus consultum de Bacchanalibus" die Teilnahme an denselben untersagte. (S. Bacchanalien.) Beim Auftreten des Christentums suchte das Heidentum vergeblich seine M. als Bollwerk gegen die Angriffe der neuen Religion zu benutzen. - Vgl. Sainte-Croix, Recherches historiques et critiques sur les mystères du paganisme (Par. 1784; 2. Aufl. von Silvestre de Sacy, Par. 1817; deutsch von Lenz, Gotha 1790); Lobeck, Aglaophamus (2 Bde., Königsb. 1829); Petersen, Der geheime Gottesdienst bei den Griechen (Hamb. 1848); Haupt, De mysteriorum graecorum causis et rationibus (Königsb. 1853); Foucart, Des associations religieuses chez les Grecs (Par. 1873); Rhode, Psyche (Freiburg und Lpz. 1894), S. 256 fg.

In Frankreich nannte man M. (mystères) etwa seit 1400 die Weihnachts- und Osterspiele, in denen die geistliche Geschichte des Alten und des Neuen Testaments dramatisch behandelt wurde. Die Bezeichnung, die von neuern Literarhistorikern auch auf die gleichartigen deutschen und engl. Spiele (mysteries) übertragen wird, entstand aus dem lat. ministerium (in der Bedeutung "geistliche Verrichtung", "Funktion", daher auch vielfach Misterium genannt) und entspricht dem ital. funzione, dem span. auto. Eine halbgelehrte Anlehnung an das griech. μυςτήριον ("Geheimnis") rief die gebräuchliche Form mysterium hervor, denn es handelte sich in diesen Spielen hauptsächlich um die Darstellung der geheimnisvollen Geburt und Auferstehung des Erlösers. Die älteste Benennung der Stücke ist lat. ludus repraesentatio (deutsch: Spiel; frz. jeu; engl. play). Diese Spiele gingen hervor aus den gottesdienstlichen Handlungen des Weihnachts- und Osterfestes. Wechselgesänge, die als Keim eines dramat. Dialogs zu betrachten sind, fanden sich in dem Ritual fast aller Feste. So entstand ein Cyklus von Weihnachtsspielen aus dem Vortrag einer mit Unrecht Augustinus beigelegten Weihnachtspredigt, in welcher nacheinander die Weissagungen von der Ankunft des Messias vorgeführt werden; frühzeitig ließ man Kleriker, welche die einzelnen Propheten darstellten, während der Lesung der Predigt vorüberziehen; bald auch legte man den einzelnen Personen lat. Verse in den Mund. Wenn die Worte der Weissagung sich mit einer Handlung verbanden, stellte man diese Handlung im Chor der Kirche durch junge Kleriker als wirkliche Scenen dar: es erschien Bileam mit seinem Esel, Daniel in der Löwengrube u. a. m. Seit dem 11. Jahrh. wurden einzelne Propheten, wie z. B. Daniel, besonders behandelt ("Historia de Daniel repraesentanda"). Bald nahmen diese liturgischen Dramen in lat. Sprache auch Verse in der Volkssprache auf, eine Neuerung, die schließlich zu Stücken führte, die vollständig in der Volkssprache geschrieben waren. Solche Spiele wurden nicht mehr in der Kirche, sondern vor dieser aufgeführt. Das anglonormann. Spiel "Adam" ist das älteste Beispiel für ein derartiges Mysterium (s. Französische Litteratur, Bd. 7, S. 161 a). Wahrscheinlich schon vor dem Cyklus dieser Weihnachtsspiele entstand in ähnlicher Weise aus der liturgischen Darstellung der Auferstehung ein Cyklus von Osterspielen (s. d.). Ein franz. Bruchstück einer "Résurrection du Sauveur" ist noch aus dem 12. Jahrh. erhalten. Die Aufführung von Heiligenleben und Wundern nannte man Mirakel (s. d.), im spätern Mittelalter hießen auch die Dramatisierungen weltlicher Geschichten (Mystère du siège d'Orléans, 15. Jahrh.) M. Die Blütezeit des geistlichen Schauspiels fällt in das 15. Jahrh. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wird es durch die Vorstellungen der berufsmäßigen Schauspieler verdrängt. Das älteste durchaus deutsche Mysterium, ein Osterspiel, rührt von einem höfisch gebildeten Dichter her und gehört dem 13. Jahrh. an. Mehr ist aus dem 14. Jahrh. erhalten, darunter das berühmte Spiel von den klugen und thörichten Jungfrauen (1322 aufgeführt). Unter den zahlreichen deutschen M. des 15. Jahrh. treten das Alsfelder und Heidelberger Passionsspiel hervor. Nachahmungen der M. in Deutschland waren die Bauernspiele (s. o.), deren Pflege besonders von den Jesuiten begünstigt wurde.

In Paris bildete sich um 1380 eine Gesellschaft, die Confrérie de la passion (s. d.), deren Stücke eine große Anzahl von Abteilungen zu umfassen pflegten, die an verschiedenen Tagen nacheinander aufgeführt wurden.

Die M. wurden unter freiem Himmel gegeben, die Spieler waren Personen aus allen Ständen, Geistliche und Schüler, Handwerker und andere Bürger. Die Bühne bestand nicht, wie man früher annahm, aus drei Stockwerken, sondern war eben. Im Vordergrund (champ) spielte sich der größte Teil der Handlung ab. Hier befand sich hinter einem Vorhang (coulisse), auf dem ein Drachenschlund abgebildet war, eine Fallthür, der Eingang zur Hölle. Im Hintergrund der Bühne waren die mansiones (maisons), etwa der Palast des Herodes, das Haus der Maria, der Tempel zu Jerusalem u. a., deren Örtlichkeit auf das einfachste angedeutet wurde. Hinter den mansiones erhob sich als Abschluß der Bühne, die bisweilen 30 m in der Länge und ebenso viel in der Tiefe maß, das Paradies; von diesem aus schaute Gott mit den Engelscharen auf die Handlung herab. Es fand also kein Scenenwechsel statt,sondern die ganze Scenerie des Stückes war von Anfang an auf der Bühne. Auch die Schauspieler waren von Beginn an auf der Bühne und blieben dort bis zum Ende des Stückes. Der Zuschauerraum, von der Bühne durch Schranken getrennt, zerfiel in Parterre und Galerien (Logen). Diese scenische Einrichtung, die auch für Deutschland ähnlich bezeugt