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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Mysteriös - Mystik

ist, hat sich an vielen Orten bis heute erhalten, z. B. die Bauernspiele in Oberammergau in Bayern. (S. Oberammergau, Passionsspiele und Lutherfestspiele.) Sammlungen französischer M. veranstalteten Monmerqué und Michel (Théâtre français au moyen âge, Par. 1840) und Jubinal (2 Bde., ebd. 1837); deutsche M. veröffentlichte Mone, Altdeutsche Schauspiele (Quedlinb. 1841) und Schauspiele des Mittelalters (2 Bde., Karlsr. 1846) und Kummer, Erlauer Spiele Wien 1882).

Vgl. Hase, Das geistliche Schauspiel (Lpz. 1858); Wilken, Geschichte der geistlichen Spiele in Deutschland (Gott. 1872); Das Drama des Mittelalters, hg. von Froning, Bd. 1-3 (in der "Deutschen Nationallitteratur", XIV, Bd. 1-3, Stuttg. 1892); Creizenach, Geschichte des neuern Dramas (Bd. 1: Mittelalter und Frührenaissance, Halle 1893); Taillandier, Notice sur les Confrères de la Passion (Par. 1834); Leroy, Études sur les mystères (ebd. 1837); Magnin, Les origines du théâtre moderne (Bd. 1, ebd. 1838); The Towneley mysteries (Lond. 1836); Wright, Early mysteries (ebd. 1838); Petit de Julleville, Les mystères (2 Bde., Par. 1886).

Mysteriös (vom grch. mysterĭon, Geheimnis), geheimnisvoll.

Mysticete, s. Walfische.

Mysticismus, s. Mystik.

Mystifizieren (frz. mystifier), jemandes Leichtgläubigkeit benutzen, um ihn lächerliche Dinge glauben zu machen; jemand hinters Licht führen.

Mystik (grch.). In der Religion der alten Griechen hießen diejenigen, die in die geheimen Gottesdienste und deren symbolische Bedeutung (s. Mysterien) eingeweiht waren, Mysten, d. h. Geweihte. Daher stammt der Sprachgebrauch, der mit M. das aller Religion eigentümliche Bestreben bezeichnet, mit der Gottheit in unmittelbare und wahrnehmbare Berührung zu gelangen. Dasselbe trägt im Heidentum vorwiegend einen sinnlich-religiösen Charakter. In der alten christl. Kirche gab die Feier der Sakramente, deren Sinn und Vollzugsart man vor Nichtchristen geheim hielt, Anlaß, sie mit den griech. Mysterien in Analogie zu setzen und deren Bezeichnungen auf sie zu übertragen, z. B. die bei der Taufe in alle christl. Lehren Eingeweihten Mysten zu nennen. Auf griech. Seite hatten inzwischen die Neuplatoniker (s. d.) eine philosophisch-religiöse M. ausgebildet, die als höchste Stufe der Erkenntnis das unmittelbare geistige Schauen der Gottheit erstreben lehrte, aber auch den Glauben an einen ununterbrochenen Verkehr mit der übersinnlichen Welt, an Orakel, Visionen und an übernatürliche Kundgebungen aller Art begünstigte. Die hieraus hervorgehende spekulativ-mystische Art zu theologisieren wurde durch die Schriften des angeblichen Dionysius (s. d.) Areopagita auch ins Christentum verpflanzt und kam durch Erigena auch in die abendländ. Theologie. Doch wirkte der eigenartige Grundzug des Christentums dem pantheistischen Zuge dieser M. stets entgegen, weshalb sich der in ihr mächtige Geist inniger Andacht und religiöser Kontemplation in der mittelalterlichen Theologie und Kirche zu der Form einer sittlich-religiösen M. läuterte. Im Gegensatz zur Scholastik (s. d.) legte schon Bernhard (s. d.) von Clairvaux alles Gewicht auf den unmittelbaren Glauben und die im Glauben und in der Liebe erlebte Gottesgemeinschaft des frommen Individuums. Nach seinem Vorgange entwickelte Hugo von Sankt Victor ein förmliches System der religiösen Erhebung, das Richard von Sankt Victor noch weiter ausbildete. In ihren Spekulationen über die Geheimnisse der Gottheit will diese M. doch vorwiegend eine Theologie der Andacht, des Gefühls und der unmittelbaren Erleuchtung sein und die innere Erfahrung der göttlichen Liebe im Gemüt sowie als Grundbedingung der Gottesgemeinschaft Reinigung des Herzens in einer ascetischen Moral erstreben. Der kirchliche Verfall rief endlich im 14. Jahrh. eine Reaktion des religiösen Gefühlslebens hervor, die vielfach an den mystischen Schriften Erigenas und der Victoriner sich nährte, aber doch in der sittlichen Erneuerung des Menschen die eigentliche Frucht aller mystischen Erhebung erblickte.

Die namhaftesten Vertreter dieser Richtung sind Meister Eckardt, Johannes Tauler (1300-61), Johann Ruysbroek (Doctor ecstaticus, gest. 1381), Heinrich Suso (gest. 1366), Hermann von Fritzlar und der unbekannte Verfasser der "Deutschen Theologie". Die Grundgedanken dieser M. sind das Absterben der Seele für die Welt und für das eigene Selbst, um sich ganz in die göttliche Liebe zu versenken, und die Geburt oder Auferstehung Gottes im Menschen, wie sie vorgebildet ist in der Menschwerdung, dem Tode und der Auferstehung Christi. Diese namentlich im Augustinerorden gepflegte M. hat auch auf den Bildungsgang Luthers wesentlich eingewirkt, während Thomas Münzer und die Wiedertäufer in ihrem mystischen Trachten diejenige Form unmittelbarer göttlicher Erleuchtung erstrebten, die die kirchliche Überlieferung als besondern Vorzug nur wenigen mit neuen Offenbarungen begnadeten Geistern vorzubehalten pflegte. Auf Grund des ihnen zu teil gewordenen "innern Lichts" verwarfen sie den kirchlichen Gemeinglauben und wollten die ganze bestehende kirchliche und staatliche Ordnung von Grund aus umstürzen. Unter der Herrschaft der Orthodoxie lebte auch die M. im deutschen Protestantismus wieder auf. Während in den Andachtsbüchern von Johann Arnd, Christian Scriver u. a. die innigen Töne der ältern M. wieder erklangen, führte die Verbindung naturphilos. Spekulationen und alchimistischer Träumereien bei Jakob Böhme, Johann Gichtel u. a. zu einer tiefsinnigen Theosophie, die die phantastischen Ideen der Schwarmgeister erneuerte. Bis auf die Gegenwart haben sich Theosophen wie Swedenborg und seine Anhänger unmittelbarer Offenbarungen gerühmt. In der rationalistischen Periode ward es daher üblich, jedes Geltendmachen des Geheimnisvollen und übernatürlichen in der Religion als Mysticismus zu bezeichnen. In den Anschauungen solcher Mystiker mischen sich oft die tiefsinnigsten religiösen Ideen unvermittelt mit verworrenen Phantasien, die tiefsten Erlebnisse des religiösen Gemütslebens mit leeren Träumereien, die geistige Wahrheit mit dem rohesten Unverstande. Neuerdings hat die Ritschlsche Schule den rationalistischen Widerwillen gegen alle religiöse M. erneuert und jede Unmittelbarkeit des religiösen Verhältnisses als Hallucination verdächtigt. Die Folge davon ist der in neuester Zeit geführte Streit über die M. in der Theologie. Auch der Islam brachte unter dem Namen Sufismus (s. d.) eine M. hervor.

Vgl. Tholuck, Blütensammlung aus der morgenländischen M. (Berl. 1825); Görres, Die christliche M. (4 Bde., Regensb. 1836-42; neue Aufl., 5 Bde., 1879-80); Charles Schmidt, Essai sur les mystiques du XIV<sub>e</sub> siècle (Straßb. 1836); Helfferich, Die christliche M. in ihrer Entwicklung und