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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Mystisch - Mythus und Mythologie

ihren Denkmalen (2 Bde., Hamb. 1842); Noack, Die christliche M. (2 Bde., Königsb. 1853); Deutsche Mystiker des 14. Jahrh. (hg. von Pfeiffer, Bd. 1 u. 2, Lpz. 1845-57); Preger, Geschichte der deutschen M. im Mittelalter (Bd. 1-3, ebd. 1874-92); Haupt, Beiträge zur Litteratur der deutschen Mystiker (Wien 1874); Heppe, Geschichte der quietistischen M. in der kath. Kirche (Berl. 1875); Denifle, Das geistliche Leben. Eine Blumenlese aus den deutschen Mystikern des 14. Jahrh. (4. Aufl., Graz 1895); Julius Köstlin, Die Begründung unserer sittlich-religiösen Überzeugung (Berl. 1893); Marx, Idee und Grundlinien einer allgemeinen Geschichte der M. (Heidelb. 1893).

Mystisch (grch.), geheimnisvoll, der Mystik (s. d.) huldigend. Mystisches Testament (Testamentum mysticum), s. Erbeinsetzung und Letztwillige Verfügung (Bd. 11, S. 121 a).

Mystische Lade, gewöhnlich Cista mystica genannt, ein cylindrischer Behälter von Flechtwerk, der in den antiken Mysterien (besonders des Dionysos) eine große Rolle spielte und in spätern Zeiten mit Vorliebe als deren Symbol hervorgehoben wird. Auf Abbildungen steht die M. L. gewöhnlich halbgeöffnet auf der Erde und eine Schlange kommt daraus hervor. - Vgl. O. Jahn, Die Cista mystica (im "Hermes", III, 317, Berl. 1868); danach Lenormant in Darembergs und Saglios "Dictionnaire des antiquités" (Par. 1873 fg.).

Mytacismus (grch. mytikismós), das häufige Vorkommen des Konsonanten m (grch. μῦ).

Mythen, zwei Voralpengipfel der Sihlgruppe in den Glarner Alpen (s. Westalpen), nordöstlich von Schwyz, in der Wasserscheide zwischen Sihl (Limmath) und Muota (Reuß). Der Große M., ein steiler Kegel aus Jurakalk, seit dem Waldbrand von 1800 fast kahl, 1903 m hoch, wird oft bestiegen. Der Kleine M., vom großen durch den Zwischmythensattel (1441 m) getrennt, ist 1815 m hoch; an seinem Westabhang der Hackenpaß.

Mythenstein, s. Grütli.

Mytho, Stadt in Cochinchina, s. Mitho.

Mythogrāphen, Schriftsteller des Altertums, die seit der alexandrinischen Zeit Sagen und Dichtungen der frühern Zeiten in Prosa bearbeiteten und zusammenstellten. Die wichtigsten Reste der Schriften griechischer M. sind die "Bibliotheca" des Apollodor, die nur bei Photius im Auszug erhaltenen "Narrationes" des Konon, die "Narrationes amatoriae" des Parthenius, die "Transformationes" des Antoninus Liberalis, die dem Eratosthenes beigelegten "Katasterismen". Auch rechnet man dazu das Werk des Cornutus (s. d.) "Über das Wesen der Götter" und die Homerschen Allegorien des Heraklitus, die eine vorwiegend philos. Tendenz haben. In den Sammlungen der röm. "Mythographi" finden sich namentlich die "Fabulae" des Hyginus, die "Mythologica" des Fulgentius, des Luctatius Placidus "Narrationes fabularum" (aus Ovid), das erst im Mittelalter von einem Albericus geschriebene Buch "De deorum imaginibus" u. a. Eine Ausgabe der "Mythographi graeci" veranstaltete Westermann (Braunschw. 1843; von einer Neubearbeitung derselben durch Wagner u. a. ist Bd. 1, enthaltend "Apollodori bibliotheca", Lpz. 1894, und Bd. 2, Werke von Parthenius und Antoninus Liberalis enthaltend, ebd. 1896, erschienen); die "Mythographi latini" gaben Muncker (2 Bde., Amsterd. 1681) und van Staveren (2 Bde., Leid. 1742) heraus, wozu dann noch die Ausgabe der drei "Mythographi Vaticani", von denen wenigstens der erste noch dem heidn. Altertum angehört, durch Mai (in "Auctorum classicorum", Tl. 3, Rom 1831) und Bode (in den "Scriptores rerum mythicarum latini", 2 Bde., Celle 1834) gekommen ist.

Mythus und Mytholŏgie. Der Wortbedeutung nach ist Mythus zunächst soviel wie Rede, Erzählung, so bei Homer; aber schon die spätern Griechen gebrauchen das Wort für Erzählung aus vorhistor. Zeit. Jetzt versteht man unter Mythus im engern Sinne, im Unterschied von Sage, einmal eine Erzählung, deren Mittelpunkt ein göttlichem Wesen ist, und dann den in konkreter Erzählungsform auftretenden religiösen Glauben. Mythologie als Wissenschaft des Mythus ist zunächst der Inbegriff aller Erzählungen von Göttern, dämonischen und halbgöttlichen Wesen; dann aber auch die Lehre von den Vorstellungen der Völker über ihre Götter, deren Wesen und Thun und deren Kult.

Die Entstehung des Mythus hat man sich folgendermaßen zu denken. Die Kräfte, welche die Naturerscheinungen bedingen, abstrakt als Kräfte aufzufassen, als Wärme, Elektricität u. s. w., vermag nur das abstrakte Denken, während der Naturmensch, ebenso wie das Kind, den Dingen der umgebenden Natur unmittelbar die Eigenschaft des Lebens beilegt, sowie sie eine Thätigkeit auszuüben scheinen. Erst auf einer höhern Stufe der Entwicklung gelangen beide zu der Erkenntnis, daß man bei jeder Thätigkeit eine wirkende Kraft voraussetzen muß. Mit Notwendigkeit setzt also eine Zeit, in welcher die Phantasie überwiegt, an Stelle der abstrakten Naturkräfte willensbegabte Persönlichkeiten, von denen die in ihrer Wirkung wahrgenommene Kraft ausgeht. Da aber die Kräfte und deren Wirkungen immer dieselben oder wenigstens immer ähnlich bleiben, so erscheinen sie als die den Persönlichkeiten anhaftenden Eigenschaften. Je nachdem nun die Wirkungen, welche man dem Willen dieser oder jener Persönlichkeit zuschrieb, dem Menschen gegenüber segensvoll oder verderblich waren, erschien die Persönlichkeit als eine freundliche oder als eine feindliche. Da ferner im einen wie im andern Falle die Wirkungen und also auch die sie hervorbringenden Persönlichkeiten über menschliche Kraft erhaben, der menschlichen Einwirkung entzogen waren, so erscheinen diese Personen selbst als übermenschliche Wesen, d. h. als Gottheiten, und zwar mußte man notwendig in der auf den unmittelbaren Eindruck bauenden Zeit so viele Gottheiten annehmen, wie man voneinander unabhängige Kräfte wahrzunehmen glaubte. Von diesen göttlichen Personen fühlt sich in jedem Augenblick seines Lebens der Mensch abhängig; der Mensch tritt seinen Gottheiten gegenüber in ein religiöses Verhältnis, fühlt gegen die freundlichen Liebe und Verehrung, vor den feindlichen Furcht und Scheu, sucht die freundlichen durch Gebet und Opfer für sich zu gewinnen, die feindlichen durch dieselben Mittel zu entfernen oder zu versöhnen. Aber nicht allein auf den Menschen, sondern auch direkt aufeinander wirken die Naturerscheinungen bedingend ein; es müssen also die sie vertretenden göttlichen Personen auch zu einander in bestimmten, dauernden Verhältnissen stehend vorgestellt werden. Je nachdem die von ihnen ausgehend gedachten Kräfte sich fördern oder aufheben, erscheinen sie in Liebe und Haß gegeneinander, und