Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

172
Napoleon I.
Besoldung der Geistlichkeit übernabm. Auch ward
1801 eine Kommission niedergesetzt, um einen neuen
Civilcodex auszuarbeiten. (S. (^ocw Napoleon.) Im
ganzen erhielt das öffentliche Leben Frankreichs
immer mehr ein monarchisches Gepräge, wie denn
auch der Orden der Ehrenlegion gestiftet wurde.
Im Mai 1802 ließ sich N. durch den Senat seine
Amtsgewalt auf weitere zehn Jahre verlängern.
Am 2. Aug. 1802 wurde er nach allgemeiner Ab-
stimmung zum lebenslänglichen Konsul ernannt.
Der Friede mit England dauerte kaum ein Jahr.
Die brit. Regierung beschwerte sich über die Ein-
mischung N.s in die Verhältnisse Italiens, der
Schweiz und Hollands und weigerte sich, Malta
herauszugeben, wie es der Friedensvertrag ver-
langte. Nach einem erbitterten Notenwechsel er-
folgte die engl. Kriegserklärung (18. Mai 1803),
worauf N. das Kurfürstentum Hannover besetzte
und am Kanal ein Heer und eine Flotte zum Zweck
einer Landung in England sammelte. Zugleich ent-
warf er die Grundzüge des Kontinentalsystems (s.d.),
indem er 20. Inni 1803 die Einfuhr der brit. Waren
untersagte. Das Londoner Kabinett dagegen suchte
Bundesgenossen auf dem Kontinent zu gewinnen
und unterstützte insgeheim die Umtriebe und Ver-
schwörungen der franz. Flüchtlinge. Unmittelbar
nach Entdeckung des Komplotts vom Febr. 1804, das
von Cadoudal (s.d.) unter Mitwissenschaft Piche-
grus und Moreaus angezettelt worden war und
durch den Argwohn N.s gegen bourbonische Urheber-
schaft die Hinrichtung des Prinzen von Enghien
(s. d.) im Gefolge hatte, that N. den entscheidenden
Schritt zur Wiederherstellung der erblicheu Mon-
archie. Durch einen 18. Mai 1804 zu St. Cloud über-
reichten Senatsbeschluß wurde er zur Befestigung
des Staates und zur Sicherheit seiner eigenen Person
zum erblichen Kaiser erklärt mit dem Titel: Napo-
leon I. von Gottes Gnaden und durch die Konstitu-
tionen der Nepublik Kaiser der Franzosen. Bei einer
allgemeinen Abstimmung sanktionierte eine Majori-
tät von 3572329 Stimmen diese neue Ordnung der
Dinge. Am 2. Dez. fand die Krönung in der Notre-
Dame-Kirche zu Paris mit großer Pracht statt. Papst
Pius VII., der zu dieser Feier geladen war, salbte
den Kaiser und die Kaiserin Iosephine; dann setzte
N. sich selbst und seiner Gemahlin die Krone auf.
Der neue Thron umgab sich mit einem glänzenden
Hofstaat durch Schaffung von Großwürdenträgern
und Marschällen. Auch ward bald ein neuer Erb-
adel (Herzöge, Grafen, Barone, Ritter) errichtet, der
auf Majorate basiert werden sollte; doch blieb die
Gleichheit vor dem Gesetz bestehen. Die republikani-
schen Einrichtungen und Erinnerungen wurden vol-
lends beseitigt und die Rechte der großen Staats-
törperschasten (Senat, Legislative und das nach
einigen Jahren ganz beseitigte Tribunat) aufs
äußerste beschränkt, so daß nur ein hohler Schein-
konstitutionalismus übrigblieb. Auch die Italische
Nepublik wurde in ein Königreich Italien (17. März
1805) umgewandelt.
Inzwischen war die dritte Koalition abgeschlossen
worden, in der Absicht, Frankreich wieder auf die
Grenzen von 1792 zu beschränken. Infolgedessen
gab N. die Pläne gegen England, die vielleicht,
soweit es sich um eine Landung handelte, nie ganz
ernst gemeint gewesen waren, auf, um dessen Bun-
desgenossen Osterreich und Rußland anzugreifen.
Vom 24. bis 26. Sept. 1805 ging er mit der Haupt-
armee über den Rhein, worauf Bayern, Württem-
berg und Baden sich mit ihm verbündeten. Ein
zahlreiches österr. Heer unter Mack wurde durch ge-
schickte Operationen nmzingelt und kapitulierte
17. Okt. bei Ulm; 13. Nov. besetzte N. Wien. (S.
Französisch-Österreichischer Krieg von 1805.) Die
Dreikaiserschlacht bei Austerlitz (s. d.) 2. Dez. ent-
schied den Krieg vollends zu Gunsten N.s. Dasruss.
Heer kehrte alsbald heim und gab damit die Sache
der Koalition auf; Preußen verstand sich zu dem
demütigenden Vertrag von Schönbrunn 15. Dez.;
Österreich verlor im Frieden von Preßburg (s. d.),
26. Dez., den letzten Rest seiner ital. Besitzungen
sowie Tirol und Vorderösterreich. An demselben
Tage erklärte N. zu Schönbrunn die Dynastie von
Neapel wegen ihrer zweideutigen Haltung während
des Krieges für abgesetzt, und binnen wenig Wochen
war die ganze ital. Halbinsel von den Franzosen
occupiert^ nur auf den Inseln Sicilien und Sar-
dinien behaupteten sich die Könige von Neapel und
von Piemont unter dem Schutz der engl. Flotte.
Am 27. Jan. 1806 kehrte N. nach Paris zurück und
suchte nun seine vorherrschende Machtstellung in
Mitteleuropa durch Begründung eines föderativen
Imperiums dauernd zu befestigen. Zunächst begann
er seine Familie mit neuen Thronen auszustatten
und deutsche Fürsten durch Verwandtschaftsbande
an sich zu fesseln. Sein Bruder Joseph Bonaparte
(s. d.) wurde König von Neapel, sein Bruder Ludwig
Vonaparte (s. d.) König von Holland, sein Stief-
sohn Eugen Vicekönig von Italien, sein Schwager
Joachim Murat (s. d.) Großherzog von Berg; seine
Schwestern erhielten ital. Fürstentümer, Elise (s.
Vacciocchi) Lucca und Piombino, Pauline (s. Bor-
ghese) Guastalla. Ein kaiserl. Familienstatut vom
30. März erklärte den franz. Kaiser zum Familien-
baupt und nötigte sämtlichen Gliedern mit ihren
Herrschaften das strengste Vasallentum auf. Am
^ 12. Juli folgte die Unterzeichnung der Rheinbunds-
akte (s. Rheinbund), worauf sich 6. Aug.das Deutsche
! Reich auflöste.
i Die Friedensunterhandlungen, die um diese Zeit
^ in Paris mit Rußland und England geführt wur-
den, blieben erfolglos, und bald darauf kam es auch
zum Bruch mit Preußen, das, von N. vielfach ge-
^ demütigt, zuletzt die Räumung Deutschlands von
! franz. Truppen forderte. N. reiste 25. Sept. 1806
^ von Paris nach Bamberg, wo er feine Armee kon-
! zentrierte und dann nach Thüringen vorrückte. In
^ der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt (s. d.)
! wurde 14. Okt. die preuß. Hauptmacht vollständig
^ geschlagen. N. zog 27. Okt. triumphierend in Berlin
! ein, die Dynastien von Braunschweig und Kurhessen
i wnrden verjagt, gegen England (21. Nov.) das De-
kret der Kontinentalsperre erlassen; dagegen ward
Kursachsen in den Rheinbund aufgenommen und er-
< hielt den Königstitel. Inzwischen hatte eine ftMe
^ russ. Heeresmacht sich mit den Preußen vereinigt.
Als aber N. bei Friedland 14. Juni 1807 siegte un"
am 16. Königsberg besetzte, wurden Unterhand-
lungen eröffnet, die zum Abschluß der Verträge
von Tilsit 7. und 9. Juli führten. Preußen verlor
i die Hälfte feiner Provinzen, während mit Rußland
! ein Bündnis geschlossen und diesem Staat sogar nock
! eine Gebietsvergrößerung zu teil wurde. (S. Fran-
^ zösisch-Preußisch-Russischer Krieg von 1806 und
! 1807.) Aus den eroberten Landen westlick von der
! Elbe bildete N. das Königreich Westfalen, das er
seinem jüngsten Bruder, I^röme Bonaparte (s. d.),
, verlieh; die preuß.-poln. Provinzen aber sielen unter