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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Napoleon (Joseph Charles Paul Bonaparte, Prinz) - Napoleonische Kriege
seine Entlassung aus dem Geheimen Rat und der
Ausstellungskommission einreichte. Erst im Lause
des nächsten Jahres trat eine vollständige Aus-
söhnung Zwischen beiden Vettern ein, und N. wurdc
seitdem vielfach zu diplomat. Sendungen benutzt,
besonders nach Italien und 1868 nach Preußen,
das er wegen der beabsichtigten Annektierung Bel-
giens sondieren sollte. Noch im Juli 1870 reiste er
nach Florenz, um seinen Schwiegervater zur Allianz
mit Frankreich zu bewegen. Während des Deutsch-
Französischen Krieges von 1870 und 1871 lebte er
in Italien. Im Okt. 1872 kehrte er nach Frankreich
zurück, wurde aber auf Thiers' Befehl 12. Okt. aus
Frankreich ausgewiesen. Bei den Ergänzungswahlen
vom Mai 1876 wurde er in Ajaccio in die Depu-
tiertenkammer gewählt und nahm seinen Sitz auf
der Linken ein. Bei den Neuwahlen (14. Okt. 1877)
unterlag er gegen Haußmann. Der Tod Ludwig
Napoleons, des Sohnes Napoleons III. (1. Juni
1879), machte ihn zum Zaupt des Napoleonischen
Hauses. Doch beobachtete er zunächst eine vorsich-
tige Zurückhaltung und erklärte offen, daß er die
Republik als die bestehende Negierung anerkenne.
Als er nach dem Tode Gambettas in seinem Mani-
fest vom 16. Jan. 1883 der republikanischen Regie-
rung ein ganzes Sündenregister vorhielt und daran
erinnerte/daß die Napoleons die direkte Souveräni-
tät des Volks verteidigen, wurde er verhaftet und
angeklagt, aber bald darauf freigefprochen und
9. Febr. entlassen. (S. Frankreich, Bd. 7, S. 118a.)
Am 3. Aug. 1884 erließ er einen Protest gegen die
Berufung des Kongresses, der eine teilweise Ver-
fassungsrevision beschließen sollte, und verlangte die
Berufung einer konstituierenden Versammlung. In
demselben Jahr zerfiel er mit seinem Sohn Victor,
den ein Teil der bonapartistischen Partei als Prä-
tendenten anerkannte. (S. Bonapartisten.)
Infolge der Annahme des Prinzenausweisungs-
gesetzes vom 23. Juni 1886 begab sich N. nach Genf.
Die Hoffnung, die er auf den Boulangismus setzte,
wurde bitter enttäuscht, als jene Partei im Frühling
1890 eine gänzliche Niederlage bei den Wahlen er-
litt und Voulanger von der Leitung zurücktrat. N.
veröffentlichte zuletzt noch eine Schrift MapoiLou 6t
868 ä6trHct6ur8" (Par. 1887), die gegen Taines ab-
fällige Beurteilung Napoleons I. gerichtet war. Er
starb 18. März 1891 in Rom.
Napoleon, Victor Ieröme Frideric, Prinz,
Sohn des vorigen, geb. 18. Juli 1862 zu Paris,
wurde 1879 von Louis Napoleon, dem Sohn Na-
poleons III., in seinem Testament für den nächsten
Erben der Napoleonischen Ansprüche erklärt; doch
entschied sich die Partei dafür, an dem Prinzen
Ieröme Napoleon festzuhalten. Indessen ließ sich
der Prinz die strenge Unterordnung, zu der sein
Vater ihn verurteilte, nicht lange gefallen, sagte sich
1884 von ihm los und wurde von einem Teil der
Bonapartisten unter der Führung Cassagnacs als
Prätendent anerkannt. Nach der Annahme des
Prinzenausweisungsgesetzes vom 23. Juni 1886 be-
gab er sich nach Brüssel. Seit dem Tode seines
Vaters <18. März 1891) gilt er als der alleinige Trä-
ger der Napoleonischen Thronansprüche.
Napoleondor, die unter Napoleon I. und III.
geprägten 20-Frankenstücke in Gold. (S. Frank.)
Napoleolnden, s. Vonaparte (Familie).
Napoleonische Kriege, die von Napoleon I.
geführten Kriege, s. Französisch-Österreichischer Krieg
von 1805, Französisch-Österreichischer Krieg von
12^
Lenkmal für N. wurde 13. Jan. 1883 zu Woolwich
enthüllt. - Vgl. Varlee, I^il6 0k ^ap0i60n, ?rmc6
impLi-iiü ok ^rano6 (Lond. 1880); Herisson, 1^6
?rmce iniperial (Par. 1890; deutsch Augsb.1894);
Martinet, 1.6 I>riiic6 imp6rikl (Par. 1895).
Napoleon, Joseph Eharles Paul Vonaparte,
Prinz, auch nach seinem Vater Ieröme genannt, im
Volkswitz mit dem Namen Plon-Plon bezeichnet,
geb. 9. Sept. 1822 zu Trieft als der jüngste Sohn
des Königs von Westfalen, Ieröme Bonaparte (s. d.,
Bd. 3, S. 276 a) und der Prinzessin Katharina von
Württemberg, bezog 1836 die württemb. Kriegs-
schule zu Ludwigsburg, verließ aber 1840 den
württemb. Dienst und trat eine längere Reise an
durch Deutschland, England und Spanien. Als er
1845 Paris besuchte und daselbst Verbindungen mit
der demokratischen Opposition anknüpste, befahl ihm
die franz. Negierung, binnen acht Tagen Frankreich
zu verlassen. Aber schon 1847 wurde ihm zugleich
mit seinem Vater die Rückkehr nach Frankreich ge-
stattet. So war er in Paris, als die Iebruarrevolu-
lution 1848 ausbrach, und ward auf Corsica zum
Mitglied der Konstituierenden Versammlung ge-
wählt, wo er sich durch seine demokratischen und
republikanischen Reden bemerkbar machte. Auch
wirtte er eifrig für die Zulassung seines Vetters, des
spätern Napoleon III., und für dessen Wahl zum
Präsidenten der Republik. Im März 1849 wurde
N. zum Gesandten in Madrid ernannt. Auf der
Reye dahin hielt er zu Bordeaux eine Rede, worin
er die Regierungspolitik als reaktionär bekämpfte.
Als er einen Verweis erhielt, verließ er ohne Urlaub
. seinen Posten in Madrid und wurde deshalb seines
Amtes entsetzt. Nichtsdestoweniger bewahrte er ein
gutes Einvernehmen mit dem Präsidenten. Nach
der Wiederherstellung des Kaisertums erhielt er durch
Dekret vom 18. Dez. 1852, zugleich mit seinem Vater,
den Titel eines franz. Prinzen und das eventuelle
Thronfolgerecht. 1853 zum Divisionsgeneral er-
nannt, nahm er 1854 am Krimkriege teil, wurde nach
einigen Monaten zurückberufen und zum General-
direktor der Industrieausstellung von 1855 ernannt.
Im I.1858 erhielt er das neu geschaffene Ministe-
rium für Algerien und die Kolonien; doch trat er
bald wieder zurück, da er mit seinen Reformbestrebun-
gen gegen die rein militär. Verwaltung des Landes
und gegen das alte System der Kolonialpolitik
nicht durchzudrängen vermochte. Am 30. Jan.
1859 heiratete er die älteste Tochter des Königs
Victor Emanuel II. von Sardinien, Prinzessin
Clotilde, geb. 2. März 1843, aus welcher Ehe drei
Kinder entsprangen: Napoleon Victor Ie'römc
Fre'de'ric (s. den folgenden Artikel); Napoleon Louis
Joseph Ieröme, geb. 16. Juli 1864, russ. Oberst;
Marie Lätitia Eugenie Cathe'rine Adelaide, geb.
20. Dez. 1866, seit 11. Sept. 1888 vermählt mit
^em 1890 verstorbenen Herzog von Aosta. Im
Italienischen Kriege erhielt N. das Kommando des
5. Armeekorps und besetzte Toscana. Am 24. Dez.
1864 wurde er zum Mitglied und Vicepräsidenten
des Geheimen Rats ernannt; auch erhielt er den
Vorsitz in der Kommission für die Ausstellung von
1867. Am 15. Mai 1865 hielt der Prinz in Ajaccio
bei der festlichen Einweihung der Bildsäule Napo-
leons I. eine Rede, worin er dessen System ver-
herrlichte und, daran anknüpfend, ein Programm
liberaler Politik aufstellte. Darauf gab ihm Napo-
leon III. durch Schreiben vom 23. Mai seine ent-
schiedene Mißbilligung M erkennen, worauf N.