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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Napoleon (Joseph Charles Paul Bonaparte, Prinz) - Napoleonische Kriege
Denkmal für N. wurde 13. Jan. 1883 zu Woolwich enthüllt. - Vgl. Barlee, Life of Napoleon, Prince imperial of France (Lond. 1880); Hérisson, Le Prince impérial (Par. 1890; deutsch Augsb. 1894); Martinet, Le Prince impérial (Par. 1895).
Napoleon, Joseph Charles Paul Bonaparte, Prinz, auch nach seinem Vater Jérôme genannt, im Volkswitz mit dem Namen Plon-Plon bezeichnet, geb. 9. Sept. 1822 zu Trieft als der jüngste Sohn des Königs von Westfalen, Jérôme Bonaparte (s. d., Bd. 3, S. 276 a) und der Prinzessin Katharina von Württemberg, bezog 1836 die württemb. Kriegsschule zu Ludwigsburg, verließ aber 1840 den württemb. Dienst und trat eine längere Reise an durch Deutschland, England und Spanien. Als er 1845 Paris besuchte und daselbst Verbindungen mit der demokratischen Opposition anknüpfte, befahl ihm die franz. Negierung, binnen acht Tagen Frankreich zu verlassen. Aber schon 1847 wurde ihm zugleich mit seinem Vater die Rückkehr nach Frankreich gestattet. So war er in Paris, als die Februarrevolution 1848 ausbrach, und ward auf Corsica zum Mitglied der Konstituierenden Versammlung gewählt, wo er sich durch seine demokratischen und republikanischen Reden bemerkbar machte. Auch wirkte er eifrig für die Zulassung seines Vetters, des spätern Napoleon III., und für dessen Wahl zum Präsidenten der Republik. Im März 1849 wurde N. zum Gesandten in Madrid ernannt. Auf der Reye dahin hielt er zu Bordeaux eine Rede, worin er die Regierungspolitik als reaktionär bekämpfte. Als er einen Verweis erhielt, verließ er ohne Urlaub seinen Posten in Madrid und wurde deshalb seines Amtes entsetzt. Nichtsdestoweniger bewahrte er ein gutes Einvernehmen mit dem Präsidenten. Nach der Wiederherstellung des Kaisertums erhielt er durch Dekret vom 18. Dez. 1852, zugleich mit seinem Vater, den Titel eines franz. Prinzen und das eventuelle Thronfolgerecht. 1853 zum Divisionsgeneral ernannt, nahm er 1854 am Krimkriege teil, wurde nach einigen Monaten zurückberufen und zum Generaldirektor der Industrieausstellung von 1855 ernannt.
Im J. 1858 erhielt er das neu geschaffene Ministerium für Algerien und die Kolonien; doch trat er bald wieder zurück, da er mit seinen Reformbestrebungen gegen die rein militär. Verwaltung des Landes und gegen das alte System der Kolonialpolitik nicht durchzudrängen vermochte. Am 30. Jan. 1859 heiratete er die älteste Tochter des Königs Victor Emanuel II. von Sardinien, Prinzessin Clotilde, geb. 2. März 1843, aus welcher Ehe drei Kinder entsprangen: Napoleon Victor Jérôme Frédéric (s. den folgenden Artikel); Napoleon Louis Joseph Jérôme, geb. 16. Juli 1864, russ. Oberst; Marie Lätitia Eugenie Cathérine Adélaide, geb. 20. Dez. 1866, seit 11. Sept. 1888 vermählt mit dem 1890 verstorbenen Herzog von Aosta. Im Italienischen Kriege erhielt N. das Kommando des 5. Armeekorps und besetzte Toscana. Am 24. Dez. 1864 wurde er zum Mitglied und Vicepräsidenten des Geheimen Rats ernannt; auch erhielt er den Vorsitz in der Kommission für die Ausstellung von 1867. Am 15. Mai 1865 hielt der Prinz in Ajaccio bei der festlichen Einweihung der Bildsäule Napoleons I. eine Rede, worin er dessen System verherrlichte und, daran anknüpfend, ein Programm liberaler Politik aufstellte. Darauf gab ihm Napoleon III. durch Schreiben vom 23. Mai seine entschiedene Mißbilligung M erkennen, worauf N. seine Entlassung aus dem Geheimen Rat und der Ausstellungskommission einreichte. Erst im Laufe des nächsten Jahres trat eine vollständige Aussöhnung Zwischen beiden Vettern ein, und N. wurde seitdem vielfach zu diplomat. Sendungen benutzt, besonders nach Italien und 1868 nach Preußen, das er wegen der beabsichtigten Annektierung Belgiens sondieren sollte. Noch im Juli 1870 reiste er nach Florenz, um seinen Schwiegervater zur Allianz mit Frankreich zu bewegen. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 und 1871 lebte er in Italien. Im Okt. 1872 kehrte er nach Frankreich zurück, wurde aber auf Thiers’ Befehl 12. Okt. aus Frankreich ausgewiesen. Bei den Ergänzungswahlen vom Mai 1876 wurde er in Ajaccio in die Deputiertenkammer gewählt und nahm seinen Sitz auf der Linken ein. Bei den Neuwahlen (14. Okt. 1877) unterlag er gegen Haußmann. Der Tod Ludwig Napoleons, des Sohnes Napoleons III. (1. Juni 1879), machte ihn zum Haupt des Napoleonischen Hauses. Doch beobachtete er zunächst eine vorsichtige Zurückhaltung und erklärte offen, daß er die Republik als die bestehende Regierung anerkenne. Als er nach dem Tode Gambettas in seinem Manifest vom 16. Jan. 1883 der republikanischen Regierung ein ganzes Sündenregister vorhielt und daran erinnerte, daß die Napoleons die direkte Souveränität des Volks verteidigen, wurde er verhaftet und angeklagt, aber bald darauf freigesprochen und 9. Febr. entlassen. (S. Frankreich, Bd. 7, S. 118 a.) Am 3. Aug. 1884 erließ er einen Protest gegen die Berufung des Kongresses, der eine teilweise Verfassungsrevision beschließen sollte, und verlangte die Berufung einer konstituierenden Versammlung. In demselben Jahr zerfiel er mit seinem Sohn Victor, den ein Teil der bonapartistischen Partei als Prätendenten anerkannte. (S. Bonapartisten.)
Infolge der Annahme des Prinzenausweisungsgesetzes vom 23. Juni 1886 begab sich N. nach Genf. Die Hoffnung, die er auf den Boulangismus setzte, wurde bitter enttäuscht, als jene Partei im Frühling 1890 eine gänzliche Niederlage bei den Wahlen erlitt und Boulanger von der Leitung zurücktrat. N. veröffentlichte zuletzt noch eine Schrift "Napoléon et ses détracteurs" (Par. 1887), die gegen Taines abfällige Beurteilung Napoleons I. gerichtet war. Er starb 18. März 1891 in Rom.
Napoleon, Victor Jérôme Frédéric, Prinz, Sohn des vorigen, geb. 18. Juli 1862 zu Paris, wurde 1879 von Louis Napoleon, dem Sohn Napoleons III., in seinem Testament für den nächsten Erben der Napoleonischen Ansprüche erklärt; doch entschied sich die Partei dafür, an dem Prinzen Jérôme Napoleon festzuhalten. Indessen ließ sich der Prinz die strenge Unterordnung, zu der sein Vater ihn verurteilte, nicht lange gefallen, sagte sich 1884 von ihm los und wurde von einem Teil der Bonapartisten unter der Führung Cassagnacs als Prätendent anerkannt. Nach der Annahme des Prinzenausweisungsgesetzes vom 23. Juni 1886 begab er sich nach Brüssel. Seit dem Tode seines Vaters (18. März 1891) gilt er als der alleinige Träger der Napoleonischen Thronansprüche.
Napoleondōr, die unter Napoleon I. und III. geprägten 20-Frankenstücke in Gold. (S. Frank.)
Napoleonīden, s. Bonaparte (Familie).
Napoleonische Kriege, die von Napoleon I. geführten Kriege, s. Französisch-Österreichischer Krieg von 1805, Französisch-Österreichischer Krieg von