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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Nationalverein - Nativität
sich in Pest, ein czechisches in Prag, ein polnisches in
Lemberg. Ahnlichen Charakter besitzen das serbische
N. in Belgrad, das kroatische in Agram und das ,
(dänisch-)norwegische in Kristiania, ein griechisches z
N. mit königl. Unterstützung seit 1893 in Athen, i
Eigentlich mühte das ganze Theaterwesen eines
Volks dem Ideal eines N. entsprechen.
Nationalverein, Deutscher^ ein 1859 zum
Zwecke der Einigung und freiheitlichen Entwick-
lung Deutschlands gegründeter polit. Verein. Der
Italienische Krieg von 1859, der den Dualismus
von Osterreich und Preußen wieder schärfte, hatte
auch in der Bevölkerung den Wunsch nach natio-
naler Einigung wieder mächtig erregt. Auf den Ver-
sammlungen der liberalen und demokratischen Partei
in Hannover 19. Juli und in Eisenach 17. Juli und
14. Aug. 1859 erscholl der Ruf nach preusi. Hege-
monie und nach Organisation einer deutschen Natio-
nalpartei. Der Mittelpunkt derselben sollte der in
Frankfurt a. M. 15. und 16. Sept. 1859 konstituierte
N. werden, der sich als ein einziger Verein ohne
Zweigvcreine über ganz Deutschland verbreiten
sollte. Schulze-Delitzjch hatte hervorragendes Ver-
dienst um die Bildung des N.; der Herzog von
Coburg gewährte dem Verein Schutz in seinem
Lande. Geleitet wurde er durch einen Ausschuß,
an dessen Spitze Rudolf von Vennigsen stand.
Außerdem gehörten ihm u. a. an: Löwe-Kalbe, von
Unruh, Miquel, Ricsser, Lang-Wiesbaden, Fries-
Weimar. Der Verein wirkte publizistisch durch die
"Wochenschrift des N.", redigiert von A. L. von
Nochau, und durch zahlreiche "Flugblätter des
Deutschen N.". Er umfaßte von Anfang an liberale
Elemente aller Richtungen und unterschied sich von
Vereinigungen ähnlicher Tendenz, insbesondere von
dem 1862 in Frankfurt a. M. gegründeten "Reform-
verein" (s. Großdeutsche Partei), namentlich durch
seine Forderung der prcuft. Führung Deutschlands.
Trotzdem verhielt sich die preuß. Regierung selbst
unter dem Ministerium der "neuen Ara" gegen den
N. sehr zurückhaltend; in andern deutschen Staaten,
namentlich in Hannover, wurde er sogar als staats-
gefährlich verfolgt. In seiner Blütezeit zählte er
30-40000 Mitglieder. Er hat jedenfalls dazu bei-
getragen, die öffentliche Meinung in Deutschland
für die Wendung der deutschen Geschicke 1866 em-
pfänglich zu machen. Die Spaltung der liberalen
Partei durch die Ereignisse von 1866 wirkte auch
auf den N.; Schulze-Delitzsch trat nebst mehrern
andern fortschrittlichen Abgeordneten 1866 aus.
D>ie Generalversammlung zu Cassel vom 11. Nov.
186? beschloß die Auflösung des Vereins, der sein
Ziel erreicht sah.
Nationalvermögen oder Volksvermögen,
die Gesamtheit aller :m Besitz der einzelnen Glieder
eines Volks wie auch des Staates selbst stehenden
materiellen Güter. Manche rechnen auch noch die
wirtschaftlich verwertbaren Kräfte der Volksgenossen
zum N. Nein privatwirtschaftliche Vermögensteile,
denen gleichgroße Belastungen anderer Gesellschafts-
mitglieder gegenüber stehen, also namentlich Schuld-
forderungen, gehören jedenfalls nicht zum N., wenn
sie auch für die Verteilung desselben unter die ein-
zelnen eine wesentliche Bedeutung haben. Forderun-
gen an das Ausland dagegen sind als Bestandteile
des N. anzusehen, wie dieses sich andererseits auch
um den Betrag der Schulden an das Ausland ver-
kleinert. Die statist. Erfassung des N. ist mit den
größten Schwierigkeiten verbunden, immer kann
nur von Schätzungen die Rede sein, deren Methoden
und Resultate vielen Meinungsverschiedenheiten
ausgesetzt sind. Wichtiger für die Bemessung des
Nationalwohlstandes als die direkte Veranschlagung
des N. sind daher gewisse Kennzeichen, die auf die
Höhe des Besitzstandes zuruckschließen lassen, so die
Konsumtionsverhältlüsse, Höhe des Arbeitslohnes,
Leichtigkeit des Kredits, Ertrag gewisser steuern,
z. V. der Erbschasts-, Einkommen- u. s. w. Steuer.
Nationalversammlung, s. ^336nM66 und
Frankreich (Geschichte). - über die Deutsche N. in
der Paulskirche zu Frankfurt a. M. s. Deutscklano
und Deutsches Reich (Geschickte); über die Preu-
ßische N. si Preußen (Geschichte). - Außerdem
hießen in Frankreich N. die Versammlungen nach
der Februarrevolution von 1848 (s. Frankrcicb, Ge-
schichte) und nach dem Sturze des zweiten franz.
Kaiserreichs (s. Frankreich, Geschichte); jetzt bezeich-
net man mit N. nach der Verfassung vom 28. Febr.
1875 die bei gewissen Anlässen zu einer Versamm-
lung zusammentretenden beiden Kammern (Senat
und Deputiertenkammer).
Nationalwerkstätten (^teliei-Z nationaux)
hießen die 1848 in Paris nach der Februarrevolution
geschaffenen Einrichtungen zur Beschäftigung der
arbeitslosen Massen, die unter der Leitung des In-
genieurs Emil Thomas in eine Halbmilitär. Orga-
nisation gebracht und zu Erdarbeiten und andern
ziemlich unnützen Thätigkeiten verwendet wurden,
wofür sie einen Tagelohn von 1,50 FrZ. erhielten.
Mit den von L. Blanc vorgeschlagenen socialistischen
^.t6Ü6i'3 Locikux hatten die N. nickts gemein, sie
wurden vielmehr von Marie, dem Minister der
öffentlichen Arbeiten, gerade zur Bekämpfung des
Einflusses L. Blaues ins Leben gerufen. Die Auf-
hebung der N. rief die blutige Iunischlacht in den
Straßen von Paris hervor. - Vgl. Thomas, Hi3-
toirs ä63 ateiisi'ä nationkux (Par. 1848).
National-Zeitung, 1848 gegründete, täglich
zweimal in Berlin erscheinende nationalliberale Zei-
tung. Verlag: Aktiengesellschaft National-Zeitung in
Berlin; Chesredacteur: S. E. Köbner, Redacteur des
Feuilletons: KarlFrenzel. Erster Chefredacteur (1848
-75) war F. Zabel, dann bis 1890 Friedr. Dernburg.
Xation ot skopkvepsrs (engl., spr. nehsch'n
öf schoppkihpers, "Krämervolk"), von Adam Smith,
"^Vealtii ok nation8" (11,4, Kap. 7,3), ohne Beziehung
auf ein bestimmtes Volk gebrauchter Ausdruck, der
häusig zur geringschätzenden Bezeichnung der Eng-
länder dient.
Natisöne, Natisso, Fluß, s. Isonzo.
Natw (lat. nativu3), angeboren, eingeboren.
Xativos (engl., spr.neh'tiws, "Eingeborene"), in
Nordamerika Name der Partei, die nur die Gm-
geborenen (im Gegensatze zu den neu Einwandern-
den) als vollberechtigte Staatsbürger anerkannt
wissen wollte (s. Xno^vnotliin^ und Amerikanische
Partei). - Auch ist N. Bezeichnung für Austern, die
nicht auf künstlichen Pflanzungen kultiviert sind.
Nativismus (vom lat. nativu8, angeboren),
die Annahme angeborener Ideen und Erkenntnisse
(s. Angeboren); auch in der Physiologie die Annahme,
daß gewisse Leistungen des Organismus, z. B. in
den Wahrnehmungen des Gesichtssinns, durch ver-
erbte Anlage gegeben seien, nicht an der Hand der
Erfahrung erst gelernt werden müssen, wogegen der
Empirismus möglichst alle höhern Leistungen des
Organismus auf Erfahrung zurückführen will.
Nativität (lat.), s. Horoskop.