Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

326

Niederlande (Industrie. Handel)

bisher nicht nutzbar geworden, namentlich in Drenthe und der Veluwe. Es giebt 582485 Grundbesitzer mit einem Gesamtbesitz von 3299992 ha, darunter aber 412267 mit Grundstücken, wofür die Grundsteuer weniger als 25 Fl. beträgt. Von den übrigen bezahlen 6882: 1000‒5000 Fl., nur 407 über 5000 Fl. 1891 hatten 96288 Besitzer ihren Boden in eigenem Betrieb, darunter 83405 mit Grundstücken kleiner, 12883 mit Grundstücken größer als 20 ha, dagegen gab es 70145 Pächter, 57594 mit Grundstücken kleiner, 12551 mit Grundstücken größer als 25 ha. Besitzer, welche über 100 ha in Betrieb hatten, gab es 126, Pächter 80. Es werden zwar alle Getreidearten, doch nicht in hinreichender Menge gewonnen. Diese nahmen 1893 eine Fläche von 441051 ha ein, während für die Kultur von Kartoffeln 151970, von Buchweizen 38099, Bohnen 38914, Erbsen 24161, Ölfrüchten 7354, Flachs 13529, Runkelrüben 28379, Tabak 617 und Krapp 792 ha in Anspruch genommen wurden. Auch die sehr wichtige Blumenzwiebelkultur erstreckt sich besonders südlich von Haarlem über eine bedeutende Fläche. Die fruchtbarsten Gegenden des Landes aber, die Marschen, eignen sich mehr zur Viehzucht als zum Feldbau; 34,5 Proz. des Landes werden durch Wiesen eingenommen, 26,2 Proz. sind Ackerland. Die Viehzucht und vorzugsweise die Rindviehzucht (1½ Mill. Rinder) befriedigt nicht nur sehr reichlich den Bedarf des Landes, sondern gestattet auch eine sehr bedeutende Ausfuhr an Schlachtvieh (jährlich über 200000 Stück) und besonders an Butter (jährlich etwa 10 Mill. kg) und Käse (jährlich 29 Mill. kg). Pferde gab es (1891) 271900; besonders die in Friesland zeichnen sich durch Größe, Stärke und Ausdauer aus. Die Schafzucht (810600 Stück) ist nur in den sandigen Gegenden von Gelderland und Drenthe, vorzüglich auf der Insel Texel, beträchtlich. Schweinezucht wird stark betrieben (987900 Stück). In den Seedünen halten sich zahllose verwilderte Kaninchen auf. Hasen, wildes und zahmes Geflügel sind im Überfluß vorhanden, besonders verschiedene Wad- und Schwimmvögel. An der Mündung der Maas brütet der Löffelreiher, die in Deutschland fast ausgerottete Bartmeise ist nicht selten. Die Bienenzucht ist auf den Heiden in Geldern und besonders Drenthe nicht unbeträchtlich. Austern, Muscheln, Garneelen, alle Sorten See- und Flußfische, namentlich Kabeljau, Schellfisch, Stint, Butten, Schollen, Lachs, Aal, Anchovis und Heringe, sind in Menge an den Küsten, in den Flüssen und Binnengewässern vorhanden. Sehr wichtig ist daher die Fischerei, in der im J. 1894: 5151 Boote mit 17286 Mann beschäftigt waren. Allein der Heringsfang hatte 5,6 Mill. Fl. Wert. Austern wurden 18,6 Mill. Stück gewonnen. Auf Flüssen ist besonders bedeutend der Lachsfang; auf dem Markt zu Kralingen bei Rotterdam wurden (1892) 65481 Lachse verkauft. Ausgeführt wurden 1892 an frischem Fisch 3571000 kg (2410000 nach Belgien, 540000 kg nach Deutschland), 333107 Tonnen gesalzene Heringe (276353 nach Deutschland), gesalzene Kabeljaus 83000, gedörrte Stockfische 18 Mill., Garneelen 2,3 Mill. (nach England 2,1 Mill.), Austern 1 Mill. (1890 sogar 4,2 Mill.), Anchovis etwa 70 Mill. Stück. – Den Mangel an Holz ersetzt der Torf, welcher namentlich in Holland, Friesland und Drenthe in Menge gegraben wird. Die wichtigsten Mineralien sind Seesalz, Thon und Pfeifenerde. Der Pietersberg bei Maastricht versorgt das Land mit Bausteinen. ^[Spaltenwechsel]

Industrie. Außer in einigen Gruben zu Limburg finden sich keine Steinkohlen. Besonders wegen dieses Mangels ist die Industrie nicht sehr bedeutend und sogar nicht im stande, die eigenen Kolonien zu versorgen. Berühmt sind die Segeltuchfabriken und die Werkstätten für Tauwerk in Rotterdam, Amsterdam, Gouda. Vorzügliche Leinenwaren werden in Leiden und Brabant fabriziert. In der Tuchfabrikation, mit deren Erzeugnissen die N. einst das stärkste Geschäft in Europa machten, sind dieselben von Belgien längst überflügelt; doch liefern Leiden, Delft, Utrecht, Tilburg, Maastricht und Roermond immer noch ausgezeichnete Waren. Auch die Baumwollmanufaktur hat sich seit 1830 mehr entwickelt, namentlich in Nord- und Südholland, Brabant und besonders in Oberyssel. Altberühmt ist die Lederfabrikation, und vorzüglich liefern Amsterdam und Maastricht das beste Sohlenleder. Ansehnlich ist die Seifenfabrikation (91 Betriebe). Porzellan liefert nur Amsterdam, Delft dagegen hat gute Fayencefabriken, und Gouda ist noch immer bekannt durch seine, freilich in der jüngern Zeit von der Cigarre stark aus dem Gebrauche zurückgedrängten holländ. Thonpfeifen. Papiermühlen bestehen besonders bei Zaandam und in der Veluwe. Auf dem Betriebe des Seehandels beruht hauptsächlich der starke Absatz der 514 Branntwein-, namentlich der Wacholder- oder Geneverbrennereien; Schiedam allein hat deren über 300, doch ist hier diese Industrie in der letzten Zeit stark zurückgegangen. Außerdem sind mit dem Seehandel verknüpft die großen Tabakfabriken, besonders zu Amsterdam und Rotterdam, die Stearinkerzenfabriken zu Gouda, Amsterdam und Schiedam und die 30 Zuckerfabriken. Großen Aufschwung nimmt die Kakaofabrikation. Brauereien bestehen 514.

Handel. Seit fünf Jahrhunderten findet die Industrie der N. ihren Mittelpunkt im Seehandel. Zur Beförderung dieses Zwecks wurde für den ind. Handel 1824 die königl. Niederländische Handelsgesellschaft (Matschappij) gestiftet, welche als ausschließlicher Agent der Regierung alle Produkte der Regierungskulturen (s. Java) in Indien auf den europ. Märkten zu verkaufen hat. Andere große Aktiengesellschaften sind die Deli-Gesellschaft, welche in Deli (Ostsumatra) höchst bedeutende Tabakpflanzungen hat, die Billiton-Gesellschaft, welche die Zinnbergwerke Billitons in Betrieb hat, die Afrikanische Gesellschaft u. s. w. Außer zahlreichen Versicherungsgesellschaften befördert die Niederländische Bank(s. d.), eine der wichtigsten Kreditanstalten Europas, den Verkehr. Die N. haben Freihandel; es bestehen nur einige niedrige Zölle fiskalischen Charakters. Man berechnet den Wert der Einfuhr zum Verbrauch auf (1894) 1461, den der Ausfuhr eigener Erzeugnisse auf 1115 Mill. Fl.; sehr bedeutend ist auch die Durchfuhr von und nach Belgien und Westdeutschland. Die wichtigsten Einfuhrwaren sind Getreide und Mehl (für 260 Mill. Fl.), Spezereien (203), Eisen und Stahl (135), Textilwaren (85), Kupfer (48), Kohlen (44), Zucker (41), Reis (36), Kaffee (34), Holz (33), Sämereien (27) und Margarine (für 21 Mill. Fl.). In der Ausfuhr stehen obenan Spezereien (für 133 Mill. Fl.), Getreide u. s. w. (133), Eisen und Stahl (92), Textilwaren (86), Margarine (50), Kupfer (46), Zucker (44), Gemüse (22), Papier (21) und Felle (für 18 Mill. Fl.). Die wichtigsten Verkehrsländer (Werte in Millionen Gulden) zeigt folgende Tabelle (1894):