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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Niederlande (Geschichte)

liberale Majorität. Nachdem 28. April das Budget van Zuylens abermals verworfen war, reichten die Minister ihre Entlassung ein, die der König annahm; nun wurde Thorbecke 23. Mai mit der Bildung eines Kabinetts beauftragt. Dieses kam 2. Juni zu stande. Einen wichtigen parlamentarischen Sieg erfocht das Ministerium mit der von ihm durchgesetzten Abschaffung der Todesstrafe. 1870 wurde ein Gesetz des Kolonialministers de Wael angenommen, wonach Niederländer und alle in Indien Ansässigen anderer Nationalität die unbebauten sog. wüsten Gründe, die als Staatsdomänen gelten, auf 75 Jahre in Erbpacht erwerben können. Ein anderes, ebenfalls angenommenes Gesetz betraf die Regierungszuckerkultur; diese sollte allmählich eingeschränkt werden und nach 20 Jahren vollständig aufhören. Von dem Kultursystem blieb demnach nur die Kaffeekultur übrig. Im Jan. 1871 bildete Thorbecke zum drittenmal ein Kabinett. Dies mußte aber bereits im Mai 1872 zurücktreten, nachdem es bei der Verhandlung eines Gesetzentwurfs zur Einführung einer Einkommensteuer eine Niederlage erlitten hatte. Noch während der darauf folgenden Ministerkrisis starb Thorbecke 4. Juni.

Bei dem plötzlichen Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 und 1871 erklärte sich die niederländ. Regierung bereits 15. Juli für neutral. Im Dez. 1871 kam die Abtretung der holländ. Besitzungen an der Westküste von Afrika (Guinea) an England zu stande. 1873 begann ein Krieg mit dem Reiche Atschin auf Nordsumatra, der bedeutende Opfer an Mannschaft und Geld erforderte (s. Atschin). Im April 1876 gelang es dem gemäßigt konservativen Ministerium Heemskerk, ein Gesetz über den höhern Unterricht durchzubringen. Das liberale Kabinett Kappeyne van de Coppello, das nach Heemskerk auftrat, brachte 1878 eine Revision des Schulgesetzes von 1857 zu stande, das den Unterricht und die Lage der Lehrer zu verbessern bezweckte. Der Justizminister Modderman erwarb sich 1881 (im Ministerium van Lynden, das keinen scharf ausgeprägten polit. Charakter hatte) großes Verdienst durch die Vorlage eines neuen Strafgesetzbuchs, das von den Generalstaaten auch genehmigt wurde.

Unterdessen hatte sich die Stellung der Parteien bedeutend geändert. Die Antirevolutionären (d. h. streng reformierten) wuchsen besonders durch ihre Opposition gegen die konfessionslose Schule; sie errichteten aus privaten Mitteln sog. «Schulen mit der Bibel» und beklagten sich, daß sie die «gottesdienstlosen Schulen» ihrer Gegner, die aus öffentlichen Kassen unterhalten wurden, mit zu bezahlen hatten. Die Katholiken, Thorbeckes ehemalige Bundesgenossen, hatten sich, besonders seitdem die päpstl. Encyklika von 1864 den Liberalismus verurteilt hatte, von den Liberalen losgesagt. Sie konstituierten sich, unter Schaepmans Führung, mehr und mehr als polit. Partei und traten mit den Antirevolutionären in die engste Verbindung. Am 21. Juni 1884 starb der Kronprinz Alexander, der letzte männliche Sprosse des Hauses Oranien. Infolgedessen genehmigte die Kammer 28. Nov. die Aufhebung des Art. 198 des Grundgesetzes, welcher die Möglichkeit irgend einer Abänderung dieses Gesetzes während der Zeit einer Regentschaft ausschließt. Seit April 1883 war ein Ministerium von gemäßigt liberaler Richtung unter Heemskerk (zum drittenmal Minister) am Ruder, das besonders die auch von den Liberalen gewünschte Verfassungsrevision vorzunehmen hatte. Die darauf bezüglichen Gesetzentwürfe wurden 20. März 1885 der Kammer überreicht. Die Beratung begann 17. März 1886 mit dem auf den Unterricht bezüglichen Abschnitte des Grundgesetzes. Als darüber keine Einigkeit erreicht werden konnte, wurde die Zweite Kammer aufgelöst und Neuwahlen auf 22. Juni ausgeschrieben. Diese hatten das Ergebnis, daß 47 Liberale und 39 Ultramontane und Antirevolutionäre gewählt wurden. Im Juli 1886 entstand in Amsterdam große Unzufriedenheit unter dem niedern Volk, weil die Polizei das barbarische Volksvergnügen des Aalziehens verboten hatte. Diese Stimmung benutzten die Socialisten, um die Menge gegen die Behörden aufzureizen. Am 25. und 26. Juli kam es zu blutigen Konflikten; die Bewegung wurde militärisch unterdrückt. Aber auch in den N. wurde die Notwendigkeit einer Arbeitergesetzgebung anerkannt, und 13. Okt. 1886 wurde von der Zweiten Kammer eine aus Mitgliedern aller Parteien bestehende parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt. Die großen Übelstände, die durch sie zu Tage kamen, riefen eine allgemeine Entrüstung hervor. Zu gleicher Zeit wurden endlich auch die Beratungen über die Verfassungsrevision zu Ende geführt, und 30. Nov. 1887 wurde das neue Grundgesetz öffentlich verkündigt. ^[Spaltenwechsel]]

Die ersten darauf folgenden Wahlen (März 1888) brachten den verbündeten Ultramontanen und Antirevolutionären die Mehrheit in der Zweiten Kammer (54 gegen 45 Liberale); auch wurde zum erstenmal ein Socialdemokrat gewählt, Domela Nieuwenhuis. Die von den Provinzialstaaten gewählte Erste Kammer blieb nach wie vor, auch nach den Ersatzwahlen vom Mai 1889, überwiegend liberal. Das Kabinett Heemskerk trat der neuen Zweiten Kammer gegenüber zurück, und Mackay bildete April 1888 ein neues Ministerium hauptsächlich aus gemäßigtern Männern der kath. und antirevolutionären Partei. Bald wurde von dem neuen Kabinett eine Kommission aus Männern aller Parteien ernannt, welche über eine neue Heeresverfassung beraten sollte. Diese entschied sich im Sinne der allgemeinen Wehrpflicht. Auch wurde infolge der vorjährigen parlamentarischen Untersuchung ein Gesetzentwurf gegen übermäßige und gefährliche Arbeit von Frauen und jugendlichen Personen (5. Mai 1889) angenommen. 1889 mußte wegen einer gefährlichen Erkrankung des Königs der Staatsrat die Ausführung der königl. Gewalt übernehmen (4. April bis 2. Mai). Die Hauptaufgabe des Kabinetts war die Abstellung der Beschwerden, die von der eigenen Partei so lange in betreff des öffentlichen Unterrichts erhoben worden waren. Ein Gesetzentwurf wurde eingebracht, wonach auch konfessionelle Privatschulen Staatssubsidien erhalten könnten. Mit Hilfe von 17 Liberalen wurde dieser Entwurf von der Zweiten und mit einer bedeutenden Majorität von der Ersten Kammer genehmigt (6. Dez. 1889).

Am 23. Nov. 1890 starb König Wilhelm Ⅲ.; in den N. folgte ihm seine Tochter Wilhelmina unter Vormundschaft ihrer Mutter, der Königin Emma (s. d.), in Luxemburg, wo die weibliche Erbfolge nicht gestattet ist, Herzog Adolf von Nassau. Inzwischen wurde vom Kriegsminister Bergansius ein Gesetzentwurf zu einer ganz neuen Heeresverfassung mit völliger Abschaffung des Stellvertretungssystems und Vermehrung der Armee bis auf 116000 Mann eingebracht. In der Kammer war die große