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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Offenbarung
Zukunft, sondern auch die Weisen, Künstler und
Dichter für angehaucht vom göttlichen Geist oder für
inspiriert. (S. Inspiration.) Enger abgegrenzt auf
das specifisch religiöse Gebiet war der Offenbarungs-
glaube bei den .Hebräern. Nach alttestamentlicher
Anschauung ist O. jede Mitteilung des göttlichen
Willens an die Träger des Bundes, den Gott init
dem auserwählten Volk geschlossen hat. Wie Gott
mit Adam und Eva auf sichtbare Weise im Para-
diese verkehrte, so offenbarte er sich den Patriarchen
durch Engel und Gesichte, dem Moses im brennen-
den Dornbusch, und in der Gesetzgebung am Sinai
stiftete er selbst seinen Bund mit dem Volke. Dem
Mosaismus der Folgezeit galten die Propheten (s. d.)
als die von Gott berufenen und inspirierten Verkün-
diger seines Willens an Israel, seiner Verheißungen
und Drohungen. Das nacherilische Judentum dehnte
dann den Begriff göttlicher O. auf Inhalt und Form
der in einem heiligen Codex zusammengestellten alt-
Testamentlichen Schristen aus, ohne darum aufzu-
hören, an unmittelbare Kundgebungen Gottes durch
Stimmen vom Himmel, Engelserscheinungen und
andere Wunderzeichen zu glauben. Derselbe Osfen-
barungsglaube ging auch ins älteste Christentum
über. Das Leben Jesu erschien als eine fortlaufende
Kette wunderbarer O.; aber auch die Apostel und
Propheten des Neuen Bundes redeten und handelten,
"wie der Geist Gottes ihnen es eingab", also als
Träger unmittelbarer O. Gottes, und in der Folge-
zeit galten die Beschlüsse der Kirchenversammlungen
als eingegeben vom Heiligen Geist. Die kirchliche
Tradition ist nach der Lehre der röm.-kath. Kirche
gewissermaßen eine fortgesetzte O., daher unfehlbar
und durch manche Zeichen und Wunder als gött-
liche Wahrheit beglaubigt, die dem Worte Gottes
in der Heiligen Schrift ebenbürtig zur Seite tritt.
Dagegen galt der altprot. Theologie die göttliche
O., die man immer ausschließlicher als übernatür-
liche Lehrmitteilung übervernünftiger Wahrheiten
faßte, in den Schriften des Alten und Neuen Testa-
ments als abgeschlossen. Als Empfänger dieser un-
inittelbaren O. gelten jetzt ausschließlich die mit den
Verfassern der biblischen Schriften identifizierten
Propheten und Apostel. Da also nur vermittelst der
Schrift von der göttlichen O. Kunde vorhanden ist,
so ist nach der prot. Dogmatik die O. für uns nur
<ine mittelbare, ein Satz, der ebensowohl der röm.-
kath. Lehre von der ununterbrochenen O. Gottes in
der Kirche als den vorgeblichen unmittelbaren Er-
leuchtungen Gottes, deren die "Schwarmgeister"
sich rühmten, gegenübertreten soll. Neben dieser
übernatürlichen O. kennt die altprot. Theologie
ebenso wie die Scholastik des Mittelalters auch eine
natürliche und versteht unter letzterer die freilich
durch die Sünde geschwächte natürliche Erkenntnis
Gottes durch Vernunft und Gewissen.
Eine eingehendere Erörterung des Offenbarungs-
begriffs entstand erst um die Mitte des 18. Jahrh.
Während die ältere Dogmatik die von Gott unmit-
telbar inspirierte Heilige Schrift als "Princip der
Theologie" oder als Grundlage alles religiösen Er-
kennens betrachtet hatte, fah sich die Apologetik ge-
nötigt, diese Schristautorität selbst erst aus Ver-
nunftprincipien zu begründen. Zuerst ging man auf
den allgemeinen Begriff einer göttlichen O. zurück,
sah sich aber bald genötigt, Möglichkeit, Wirklichkeit
und Notwendigkeit derselben zu verteidigen. Es
handelte sich dabei teils um den- übervernünftigen
Inhalt, teils um die übernatürliche Form der gött-
lichen O. In ersterer Beziehung wurde es im Auf-
klärungszeitalter zur herrschenden Meinung, daß es
sog. übervernünftige Wahrheiten gar nicht gebe, da
das übervernünftige zugleich widervernünstig sei,
die Vernunft aber allein entscheiden könne, ob etwas
göttlich offenbart sei oder nicht. Hierdurch war der
wesentlichste Inhalt des kirchlichen Dogmas beseitigt,
da die Lehren über Dreieinigkeit, Menschwerdung
Gottes, Erbsünde, stellvertretende Genugthuung
u. s. w. der ältern Dogmatik selbst als der natür-
lichen Vernunft widersprechende galten. Auch die
Supranaturalisten verteidigten die "Glaubensge-
heimnisse') immer schwächer und mattherziger. Da-
gegen hielten die Nationalisten nach dem Vorgange
von Kant die Möglichkeit einer übernatürlichen (oder
wie man jetzt sagte, unmittelbaren) MiNeikmg ver-
nünftiger Wahrheiten fest und stritten nur über die
Notwendigkeit einer solchen göttlichen Veranstaltung
und über die Kriterien ihrer Erkennbarkeit. Fichte
fand in dem "Versuch einer Kritik aller O." die Be-
dingung, unter der das Eintreten einer übernatür-
lichen O. notwendig werde, in dem Falle erfüllt, daß
durch das überhandnehmen des Bösen in der Welt
die allgemein sittlichen Wahrheiten dem Menschen-
geschlecht sich völlig verdunkelt hätten. Lessing, der
über die O. spottete, "welche nichts offenbart", be-
trachtete doch in der "Erziehung des Menschenge-
schlechts" die übernatürliche O. als vorläufige Mit-
teilung von Wahrheiten an die Menschen, zu deren
Verständnis aus natürlicher Vernunft dieselben erst
nach und nach zu gelangen vermöchten. Obwohl
daher seines ursprünglichen Inhalts völlig entleert,
blieb der Begriff der O. als übernatürlicher gött-
licher Mitteilung fertiger Verstandeserkenntnisse un-
angetastet. Aber auch diese Vorstellung wurde durch
die nachkantische Philosophie vernichtet. Nachdem
schon Hamann, Lavater, Herder und Goethe (die
beiden erstern in der Absicht, den Offenbarungs-
begriff in Schutz zu nehmen) anf die Verwandtschaft
der religiösen und künstlerischen Inspiration auf-
merksam gemacht hatten, führte Schleiermacher den
Begriff der religiöfen O. auf eigentümliche und neue
Erfahrungen des religiösen Lebens und auf die
schöpferische Begeisterung religiöser Genien zurück,
behauptete also anstatt einer äußern wunderbaren
Mitteilung fertiger Verstandeserkenntnisse ein in-
neres, psychologisch vermitteltes Wirken des gött-
lichen Geistes im Menschengemüt. Für Hegel war
die O. ein Denken Gottes im Menschengeiste, das
in der "offenbaren Religion" zum Sichselbsterfassen
des unendlichen Geistes im endlichen Denken ge-
steigert sei. Die moderne Restaurationstheologie
ist Schritt für Schritt zu der Vorstellung übernatür-
licher Belehrung zurückgekehrt, hat diefelbe aber
durch Hinzufügung einer übernatürlichen Beglaubi-
gung Gottes durch wunderbare Geschichtsthatsachen
(Manifestation) zu ergänzen, wo nicht gar zu ver-
drängen gesucht, während die Alten umgekehrt den
Glauben an jene Geschichtswunder auf die Inspira-
tion der Bibel, also auf die wunderbare Belehrung
begründeten. Dagegen betrachtet die freie Theologie
der Gegenwart O. und Religion als Wechselbegriffe.
O. ist hiernach das dem religiösen Bewußtsein zu
Grunde liegende Sichknndgeben des göttlichenGeistes
im Menschengeiste, das, geschichtlich mit der geistigen
und sittlichen Entwicklung der Menschheit fortschrei-
tend, im Christentum von der Kundwerdung der all-
gemeinen sittlichen Weltordnung Gottes zur Kund-
werdung der Heils- und Reichsordnung Gottes ge-